"Kirche am Urlaubsort" : Die Kirche schärft ihren Blick für die Touristen

Sonnenaufgangs-Meditation, Gospels beim Grillen: Die Kirche entdeckt die Touristen an der Küste für sich. "Kirche am Urlaubsort" ist eines der Projekte.

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28. April 2011, 08:18 Uhr

kiel | Beim Tauziehen um die Bäderregelung haben sie entgegengesetzte Standpunkte. Doch es wäre falsch, daraus auf eine generelle Gegnerschaft von Kirche und Tourismus zu schließen. Die Institution der Gläubigen entdeckt die Erholungsbranche gerade als identitätsstiftendes Merkmal. "Wenn Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in einem Jahr in der Nordkirche vereint sind, bildet die Küste mit ihrem Fremdenverkehrs-Schwerpunkt ein verbindendes Element der sonst vielfach unterschiedlichen Partner", sagt Ulrich Schmidt, Referent für "Kirche in Freizeit und Tourismus" der Nordelbischen Kirche.
Er denkt deshalb weit über die bisherigen Ansätze hinaus, wie sie zu Ostern in St. Peter-Ording, Wyk, Damp und Büsum begonnen haben: "Kirche am Urlaubsort" heißt das Projekt, das diesen Seebädern hauptamtliche seelsorgerliche Verstärkung beschert. Sonnenaufgangs-Meditationen, Gute-Nacht-Geschichten, Gospels mit Grillen oder biblische Wahr nehmungsspiele stehen auf dem Programm. Ein halbes Dutzend Ferienhochburgen kommt im Juli und August hinzu. Das schöpft das Potenzial für Schmidt aber nicht aus. "Außerhalb ihres Alltags haben die Menschen Gelegenheit, sich mal wieder auf den Glauben einzulassen. Wir müssen das Thema deshalb stärker in die eigenen Reihen hineinbekommen." Die Zahl von immerhin 60 Teilnehmern an einem Kongress zu Tourismus und Kirche in Travemünde sagt Schmidt, dass er nicht alleine steht.
"Tankstelle der Seele"
Andocken möchte der Tourismusbeauftragte an die Erfahrungen, die er mit der Aktion "Kirche unterwegs" gesammelt hat: In Seminaren schult er Ehrenamtler für christlich inspirierte Freizeitangebote auf acht Campingplätzen. Das hält Schmidt prinzipiell auf alle Ferienorte für übertragbar: "Die Bereitschaft ist da, bei Menschen im Alter von 18 bis 55. Sie sehen es als eine Art von Aktiv-Urlaub. Man muss so etwas nur anstoßen, dann regelt sich das schon." In der Anonymität des Ferienorts seien die Menschen sogar leichter bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren als zu Hause - "da befürchten sie nicht, gleich auf ewig eingespannt zu werden".
Eine übersehene Klientel stellen für Schmidt Zweitwohnungsbesitzer dar. Beispiel Amrum: 1200 davon stünden nur 600 eigenen Gemeindemitgliedern gegenüber. Deshalb könnten sich solche Gemeinden für Seniorenclub oder Bibelkreis im Sommer eigentlich keine Pause leisten. Wobei umgekehrt auch etwas aus dieser Partnerschaft herausspringen müsse: Zweitwohnungs- oder Übernachtungszahlen sollen laut der Abschluss-Erklärung von Travemünde bei der Verteilung der Kirchensteuern eine Rolle spielen. Das Papier ruft ebenfalls nach Seelsorgerprofilen zur Begleitung von Pilgern. Sonst seien die touristischen Möglichkeiten entsprechender Routen nicht abrufbar, zu denen der Ochsenweg von der Grenze bis Wedel oder der Mönchsweg von Fehmarn nach Glückstadt ausgestattet worden sind. Als weiteres Defizit fällt Schmidt auf: "Ich erlebe, dass am Mönchsweg nicht alle Kirchen offen sind." Und wenn doch - egal ob Pilgerroute oder anderswo, so ärgert Schmidt immer wieder, dass darauf nicht hingewiesen wird. Schilder oder Banner gehören für ihn ebenso zum Standard wie die Lokalisierung von Kirchen in GPS-Datenbanken und ihre Integration in Internetportale: "Jeder Aldi-Markt und jede Kneipe lassen sich auf dem Smartphone orten - wir müssen dafür Sorge tragen, dass auch die Tankstellen für die Seelen auffindbar sind. Die Leute müssen erstmal wissen, was es alles gibt - um dann zu entscheiden, was sie in ihrer Freizeit machen wollen."
(fju, shz)

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