Wiederbelebung der Schulen auf dem Land : Die Kirche lässt die Schule im Dorf

Pastor auf pädagogischem Terrain: Matthias Mannherz möchte im August in Gülzow die erste evangelische Schule im Land eröffnen. Foto: ruff
Pastor auf pädagogischem Terrain: Matthias Mannherz möchte im August in Gülzow die erste evangelische Schule im Land eröffnen. Foto: ruff

Evangelische Gruppen wollen stillgelegte Klassenräume wiedereröffnen. Im Kreis Herzogtum Lauenburg bahnt sich eine landesweite Premiere an.

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14. April 2011, 08:02 Uhr

gülzow / kiel | Was die 1250-Seelen-Gemeinde Gülzow im südlichen Kreis Herzogtum Lauenburg erlebt hat, ist symptomatisch für immer mehr Dörfer in Schleswig-Holstein: Die Hauptschule ist im vergangenen Jahr vor den Sommerferien ausgelaufen, und der stete Rückgang der Geburtenzahlen hat das Schulamt zum selben Zeitpunkt auch für die Grundschule den Schlüssel umdrehen lassen. Wenn alles gut geht, zieht in die Räumlichkeiten jedoch schon zum Start des nächsten Schuljahrs im August wieder Leben ein: Ein der Nordelbischen Kirche nahestehender Verein will die Dorfschule wiedereröffnen. Es wäre die erste Privatschule in evangelischer Trägerschaft in Schleswig-Holstein - die bereits jetzt beispielgebend ist für Eltern-Initiativen an weiteren Orten im Land.
"Wir haben bereits 18 Anmeldungen - unser Traumziel sind 20", berichtet Matthias Mannherz. Kaum war er im März letzten Jahres - vier Monate vor dem Aus für die staatliche Grundschule - Pastor in Gülzow geworden, hatte er die Idee zu einer Wiederbelebung in eigener Regie. "Bundesweit gibt es bereits weit über 100 evangelische Grundschulen", weiß er. Eine Hochburg liege mit Mecklenburg-Vorpommern gleich nebenan. So wurde der Geistliche neben seinem Beruf ehrenamtlich Vorsitzender des eingetragenen Vereins "Evangelische Schule Gülzow" e.V. 40 Mitglieder gehören diesem inzwischen an.
Schülerströme aus dem urbanen Umfeld
Zehn Kilometer Fahrstrecke in den nächstgelegenen Schulstandort Schwarzenbek oder 14 Kilometer nach Lauenburg oder Geesthacht ersparen Gülzower Eltern ihren Kindern und sich selbst, wenn sie sich der kirchlichen Schule zuwenden. "Doch es ist für die meisten gar nicht so sehr der Weg, der sie stört", erklärt Mannherz. "Sie reiben sich vor allem an der Größe der Schulen in Schwarzenbek, Lauenburg oder Geesthacht. Sie haben den Eindruck, dass ihre Kinder da untergehen." Und offenbar nicht nur sie. Zwar stammt gut die Hälfte der Anmeldungen für die Dorfschule neuer Form aus Gülzow - aber der auch nicht ganz kleine Rest kommt aus den genannten drei Kleinstädten der Umgebung. Eine Trend-Umkehr: Das Land mobilisiert hier ausnahmsweise einmal Schülerströme aus dem urbanen Umfeld.
"In kleinen Strukturen sind die Mitbestimmungs-Möglichkeiten für Eltern viel leichter", benennt Mannherz einen Teil seines Erfolgsrezepts. Inhaltlich, so findet er, punkte die Alternative zum herkömmlichen Bildungsangebot dadurch, "dass das selbstbestimmte Lernen einen hohen Stellenwert genießt - und damit auch das Eingehen auf die individuellen Fähigkeiten eines jeden Kindes." Im Prototyp eines Stundenplans für den von Klasse eins bis vier jahrgangsübergreifend angelegten Unterricht hat die Freiarbeit mit 90 Minuten einen genauso hohen Anteil wie der gebundene Unterricht.
Ab dem dritten Jahr Unterstützung durch das Land
120 Euro pro Monat soll das Schulgeld betragen. Bei finanziell schwachen Elternhäusern "muss man im Einzelfall gucken", deutet der Pastor Verhandlungsbereitschaft an. "Unser Konzept steht, der Antrag auf Genehmigung an das Kieler Bildungsministerium ist gestellt." Als heiße Phase sieht Mannherz die ersten zwei Jahre des Schulbetriebs. Diesen gilt es, komplett selbst zu finanzieren. Schafft es eine Privatschule bis in ein drittes Jahr, übernimmt nach dem schleswig-holsteinischen Schulgesetz das Land zwei Drittel der Personal- und Sachkosten. Ein Darlehen, das Anwerben von Stiftungsgeldern sowie das Organisieren von Spenden durch einen Förderverein sollen die Brücke dorthin bauen.
Das Kultusministerium mag den neuen Weg der Gülzower öffentlich derzeit nicht bewerten: "Zu einem noch laufenden Antrag nehmen wir grundsätzlich keine Stellung", sagt Sprecher Thomas Schunck. Und allgemein zu kirchlichen Gruppen, die bei Schulen auf dem Land in die Bresche springen? "Für uns ist das schlichtweg ein formaler Vorgang", so Schunck. Vom pädagogischen Konzept bis zu sanitären Anlagen, vom wirtschaftlichen Hintergrund bis zur Kompetenz der Mannschaft gelte es für den Antragsteller, eine Fülle von Einzelheiten nachvollziehbar darzustellen. Mehr sei dazu nicht zu sagen.
"Jeder ist willkommen, egal, wie religiös er ist"
Carmen Bohnsack findet bereits jetzt "beachtlich, was die Gülzower innerhalb nur eines Jahres erreicht haben". Sie ist seit 2009 mit einer halben Stelle am Pädagogisch-Theologischen Institut der Nordelbischen Kirche in Kiel für die Beratung von Elterngruppen beim Anschieben evangelischer Schulen angestellt. Bei ihrem jüngsten Info-Abend in der vergangenen Woche waren 20 Teilnehmer weiterer Gründungs-Initiativen aus verschiedenen Ecken des Landes dabei. Weit vorangeschritten sei die Gruppe in Linden im nördlichen Dithmarschen. Dort erschienen in der letzten März-Woche 40 Eltern zu einem Orientierungstreffen. Man ging auseinander mit dem Ziel, die im letzten Sommer wegen zu niedriger Kinderzahlen dichtgemachte Dorfschule zum Schuljahr 2012/13 wiederzubeleben.
In Nordfriesland trifft sich regelmäßig eine "Arbeitsgemeinschaft Evangelische Schule Westküste". Als besonders geeignet sieht sie als Schulort Breklum an - dort bestünden Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit dem Tagungszentrum Christian-Jensen-Kolleg der Nordelbischen Kirche. Bohnsack berichtet von weiteren Arbeitskreisen in Brügge bei Bordesholm, in der Nähe von Itzehoe sowie in Angeln. In Kiel arbeitet ein Verein seit cirka einem Jahr für eine Ökumenische Schule. Diese Initiative ist in Zusammenarbeit mit einer ehemaligen katholischen Initiative entstanden.
Ausgerechnet die Kirche als Bewahrer der Dorfschule in einer Zeit, in der sich Kirche gesamt-gesellschaftlich eher auf einem schleichenden Rückzug befindet? Für Bohnsack stellt das keinen Widerspruch dar: "Wenn Kirche im Zentrum der Gesellschaft - etwa mit einer Schule - etwas Gutes bewirkt, wird Kirche auch als im Zentrum der Gesellschaft stehend wahrgenommen." Sie legt Wert auf die Feststellung: Die von ihr geförderten Schulen seien keine Bekenntnisschulen mit dem missionarischen Drang früherer Jahrhunderte. "Jeder ist willkommen, egal wie religiös er ist. Voraussetzung ist schlichtweg die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, dass die Auseinandersetzung mit existenziellen und religiösen Fragen einen verlässlichen Teil der Schulkultur darstellen". Ebenso wie der reformpädagogische Ansatz, den Unterricht "nicht in Fächer aufzuteilen". Als Beispiel für einen vernetzten Stundenplan nennt Bohnsack "Menschen im Mittelalter": "Daran kann man Elemente aus Geschichte, Deutsch, Kunst und Religion festmachen. Die Pisa-Studie hat ja gerade belegt, dass es vielen Schülern daran fehlt, Zusammenhänge darzustellen." Bohnsack betont: "Es geht uns eben um etwas Neues - und nicht nur einfach darum, dass Schule auf dem Dorf irgendwie weitergeht."
(fju, shz)

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