Geocaching : Die Jäger der Tupperdosen

Detailverliebte Spieler: Olaf Reppmann, Mathias Schreiber, Jens und Uta Hoff (von links) füttern ihre GPS-Geräte mit Koordinaten, um den nächsten Cache zu finden.
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Detailverliebte Spieler: Olaf Reppmann, Mathias Schreiber, Jens und Uta Hoff (von links) füttern ihre GPS-Geräte mit Koordinaten, um den nächsten Cache zu finden.

Sie heißen Schleuser, Kohldampf und Gefahrvolle Flucht. Es sind meistens Tupperdosen. Sie sind überall. Und: Es gibt immer jemanden, der auf der Suche nach ihnen ist. Geocaching ist in Deutschland zu einem Freizeit-Trend geworden. Auch in Eutin sind die Cacher unterwegs.

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03. August 2008, 06:24 Uhr

Mathias Schreiber (36) ist ganz dicht dran. Das spürt er. Fünf Meter bis zum Schatz, sagt ihm sein GPS-Gerät. Es könnten auch zehn oder 20 sein, so genau weiß man das nie. Aber alles deutet darauf hin, dass er direkt hier liegt - die schöne Aussicht, der Kellersee, der Steg, es passt so gut zusammen. Mathias Schreiber tastet die Balken ab und da ist sie: Eine kleine metallische Box, mit einem Magneten unter dem Steg befestigt. Der Schatz. Im Normalfall ist Mathias Schreiber aus Zarnekau Polizist. Aber wenn es ihn packt - abends, am Wochenende - wird er zum Geocacher. Einer von Zehntausenden in Deutschland.
Geocacher sind moderne Schatzsucher, eine unbemerkte Gemeinschaft, die Jäger der Tupperdosen. Das Spiel: Ein Cacher versteckt einen Behälter - meist eine Tupperdose - möglichst originell. Darin ein Logbuch, in dem sich jeder Finder einträgt, und Dinge zum Tauschen. Extra gefertigte Münzen, ein kleines Spielzeug, ein Kuscheltier. Die Koordinaten des Verstecks stellt er ins Internet, wo Cacher sie herunterladen. Gefundene Caches bewerten sie in Internetforen, ihr Erfolg wird dort in ihrem Profil vermerkt. Zu dem Spiel gibt es Dutzende Varianten: Caches mit Rätseln und mehreren Stationen; Caches, die man nur nachts finden kann; Caches, die wandern, etwa im Halsband eines Hundes; Drive in-Caches, die man mit dem Auto erreicht.
Geocacher sind Liebhaber des Details
Und es gibt Regeln: Keine Caches auf Privatgrund, in Kasernen, an Autobahnen. Keine Caches, die dichter als 161 Meter beieinander liegen. Eine Viertelstunde, bevor Mathias Schreiber den Schatz findet, stehen er und sein Freund Olaf Reppmann (27) vor einem Rätsel: Ein Stein mit einem Text über die Schwentine. Mathias Schreiber schaut sich den Stein genau an, denn die Ziffern darauf sind Schlüssel zu seinem Schatz. Er tauscht Zahlen mit Buchstaben, setzt alles in eine Formel ein und errechnet die Koordinaten. Geocacher sind auch Liebhaber des Details, verspielte Fährtenleser.
So wie die Eutiner Jens (37) und Uta Hoff (33). Spitzname "Venture Color", seit zwei Jahren dabei, 1216 gefundene Caches. Jens Hoff war eigentlich Radfahrer. Doch bei einem neuen GPS-Gerät für sein Fahrrad stieß er auf eine geheimnisvolle Funktion - Geocaching. Er wurde neugierig, las im Internet nach und fand kurz darauf bei einem Spaziergang seinen ersten Cache. Mittlerweile fährt Jens Hoff kaum noch Rad. Er und seine Frau suchen. In der Gegend haben sie "so ziemlich alles abgegrast." Also fahren sie durch ganz Schleswig-Holstein, nach Brandenburg, Niedersachsen, Dänemark. Ihren nächsten Urlaub verbringen sie im Harz - wegen der Caches. "Uns fasziniert, dass sie uns an Orte führen, wo wir sonst nie gelandet wären", sagt Jens Hoff.
"Da ist ein Muggel!"
Cachesucher können vieles sein: Spaziergänger mit Lust an Zerstreuung. Wanderer, die die Herausforderung suchen. Oder Besessene. Die Caches sammeln wie Trophäen. Die fleißigsten Cacher in Deutschland haben mehr als 7000 gefunden. "Die wollen nur die Punkte, die machen ja bis zu 50 am Tag", sagt Jens Hoff. Speedcaching nennt sich die wohl extremste Form: Eine Gruppe Cacher springt aus dem Bus, sucht und braust nach höchstens zehn Minuten zum nächsten Versteck. Jens und Uta Hoff, die mit ihren Hunden auf Spaziergängen am Wochenende suchen, schütteln den Kopf. "Wir sind Genusscacher."
"Da ist ein Muggel", sagt Mathias Schreiber plötzlich und deutet einen Weg entlang, auf dem eine Frau mit Walking-Stöcken unterwegs ist. Ein was? Bei "Harry Potter" sind Muggels die ohne Zauberstab. Bei Geocaching die ohne GPS. Die sich auf dem Spielfeld der Cacher bewegen, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, dass dort gespielt wird. "Die Muggels sind ein bisschen ein Handicap", sagt Jens Hoff. Denn Muggels sind neugierig: Sie wissen nicht, welchen Sinn die Caches haben. Sie nehmen sie mit, zerstören sie. Muggels sind die Spielverderber, die es nicht besser wissen. Sie sind ein Problem, besonders in Städten. Manchmal liegt ein Cache auf einem Marktplatz, mitten zwischen Menschen. "Dann schnüren wir unsere Schuhe zu, um unauffällig am Boden suchen zu können", sagt Jens Hoff.
"Ich bin ein Jäger und Sammler"
Aber nicht nur das. "Ein Mal hat jemand die Polizei alarmiert, weil er beobachtet hatte, wie wir und andere vor uns etwas an einer Graffitiwand suchten. Er dachte wohl, es sei ein Drogenumschlagplatz oder so", erzählt Jens Hoff. Es war nicht das erste Mal, dass sie misstrauischen Polizeibeamten erklärten, sie seien auf der Suche nach einer Tupperdose namens Pestfriedhof oder Zielinskissimus, die irgendjemand irgendwo versteckt habe. Die Frau mit den Walking-Stöcken biegt ab, Entwarnung. Jens Hoff atmet auf und holt dann tief Luft. 1216 Caches. Das ist eine Menge. Er und seine Frau fanden Caches in Tupperdosen, Schneckenhäusern, Waffenkisten, ja, sogar in einem Gurkenfass. Sie suchten in einer alten Schießbahn der Nationalen Volksarmee (NVA), in der die Patronenhülsen knöchelhoch lagen. Sie fanden Caches nachts mit Hilfe von Reflektoren, die ihnen den Weg wiesen. Sie schwammen zu einer Insel, kletterten auf Bäume und Molen, um den Cache zu finden. Und sie haben noch lange nicht genug.
Mathias Schreiber hat es für heute geschafft. Er öffnet seinen Schatz. In einer Filmdose stehen auf einem Zettelchen winzig hingekritzelte Namen. Daneben liegen eine Münze und ein Plastikfrosch. Wieso er Stunden damit zubringe, seinen Namen unter ein Dutzend andere zu setzen, diesen Plastikfrosch zu finden? "Ich mag den Erfolg", sagt Mathias Schreiber. "Ich bin ein Jäger und Sammler." Und Taucher. Demnächst will er einen Cache unter Wasser suchen. In der Kieler Bucht hängen Flaschen, jede ist ein Cache, sagt Schreiber. Jens und Uta Hoff wollen auf den Brocken, ganz oben soll ein Cache liegen. Die Tupperdosen sind überall. Ihre Jäger auch.

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