Hochwasser der Elbe : Die Helfer und die Kanzlerin

Die Bewohner an der Elbe sind zuversichtlich, weil das Wasser nicht mehr steigt: Dieses Bild bot sich gestern Angela Merkel bei Lauenburg. Foto: dpa
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Die Bewohner an der Elbe sind zuversichtlich, weil das Wasser nicht mehr steigt: Dieses Bild bot sich gestern Angela Merkel bei Lauenburg. Foto: dpa

Angela Merkel dankt den Einsatzkräften - die meisten Menschen fühlen sich durch ihren Besuch geehrt

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13. Juni 2013, 11:41 Uhr

Lauenburg | Genau vor der Wasserkante bleibt sie stehen. Betreten schaut Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern auf das Elbwasser, das die Hafenstraße in Lauenburg 30 Zentimeter hoch überflutet hat. Eine Stunde Zeit hat die Kanzlerin sich genommen, um sich ein Bild des Hochwassers in Schleswig-Holstein zu machen. Sie besucht das Lagezentrum in Lauenburg, sucht aber auch den Kontakt zu den Helfern. "Sie hat mich gefragt, wie lange wir hier sind, und ob es uns gut geht", erzählt Benjamin Peters von der Freiwilligen Feuerwehr Lübeck-Siems. Dem 29-Jährigen stehen die Schweißperlen auf der Stirn - nicht vor Aufregung, sondern wegen der Hitze. Dem Feuerwehrmann wärmt es das Herz, dass die Kanzlerin gekommen ist, um seinen Einsatz zu würdigen. Ihr Händedruck sei "anständig" gewesen und für seine Arbeit habe sie sich auch interessiert. "Sie hat gewusst, dass wir hier alle ehrenamtlich sind, das ist toll", sagt Peters und dreht sich wieder um, um einen Blick auf die röhrende Pumpe zu werfen, die seit Tagen läuft.

Merkel ist da schon längst weiter gegangen. Im beigen Blazer und schwarzer Hose ist sie nach Lauenburg gekommen. Auf die Gummistiefel hat sie verzichtet, auch auf eine Rettungsjacke wie sie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) noch bei seinen Besuchen mit Merkel in den überfluteten Regionen des Freistaates trug. Merkel will nicht den politischen Fels in der Brandung der Katastrophe spielen, wie es ihr Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) mit Friesennerz und Gummistiefeln 2002 getan hat. Sie kann auf die große Show vor der Bundestagswahl verzichten, zu weit ist ihr Vorsprung in den Umfragen auf SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Der sagt, er wolle lieber nach der Flut mit den Opfern über den Wiederaufbau reden. Er beteilige sich daher jetzt nicht an Besuchen in Flutgebieten, die er "Gummistiefelwettbewerb" nennt. Und so muss er hilflos mit ansehen, wie Merkel die Krise ruhig abarbeitet.

Merkel wirkt unaufgeregt

Steinbrücks alter Mitarbeiter Torsten Albig (SPD) hat für die Kanzlerin seinen Terminplan über den Haufen geworfen. Obwohl Schleswig-Holsteins Ministerpräsident schon vor zwei Tagen die überflutete Innenstadt besucht hat, steht er nun neben der Kanzlerin in Lauenburg. Denn die Bilder von Politikern in Flutgebieten machen sich nun mal gut, Gummistiefel hin oder her. Und immerhin gibt es zu verkünden, dass der Pegelstand jetzt stabil bei etwa 9,60 Metern liegt, die Scheitelwelle der Flut offenbar erreicht ist.

Nicht nur deswegen wirkt Merkel unaufgeregt. Wie das scheinbar harmlose Elbwasser, das hinter ihr entlang fließt, lässt sie die Dinge auf sich zu treiben. Wenn es eng wird, wird sie tätig, wie beim Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima oder der Stützung des Euro in der Finanzkrise. Oder wie bei der steuerlichen Gleichstellung homosexueller Paare, die sie nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gestern vor ihrem Besuch in Lauenburg noch schnell durchs Kabinett gewunken hat.

"Eine enorme Leistung"

Und jetzt ist eben Flut angesagt, und für deren Bekämpfung und die Aufräumarbeiten sagt die Kanzlerin erstmal Geld zu - viel Geld. Man könne davon ausgehen, dass der Schaden ähnlich hoch wie der bei der letzten Jahrhundertflut 2002 sei. Damals hätten die Aufräumarbeiten rund sieben Milliarden Euro gekostet und die hätten Bund und Länder gemeinsam getragen. "Wenn die Größenordnung wieder so ist, dann werden wir das wieder so machen", sagt die Kanzlerin. Kein Land und keine Kommune müsse fürchten, für Einsätze von Bundeswehr und Bundespolizei zahlen zu müssen.

Allen Helfern dankt Merkel vor den Mikrofonen der zahlreich erschienenen TV-Teams für ihren "bewundernswerten Einsatz. "Jeder hat hier angepackt. Es ist eine enorme Leistung wie das Land hier zusammensteht."

"Relativ schnuppe"

Ministerpräsident Albig nickt dazu. Schon heute trifft er Merkel und alle anderen Ministerpräsidenten im Kanzleramt zum so genannten Flutgipfel. Dann soll genauer über die finanziellen Entschädigungen verhandelt werden. Aus Kabinettskreisen verlautet schon, es könnten sogar acht Milliarden werden.

Wie Merkel das alles finanzieren will, sagt sie nicht, die CDU hat noch nicht einmal ein Wahlprogramm beschlossen. Steuererhöhungen soll es jedenfalls nicht geben. Aber die angekündigte Erhöhung des Kindergeldes kostet viel, die Aufstockung der Mütterrenten auch, dazu soll es mehr Mittel für die Infrastruktur geben. Aber Merkel wird auch das auf sich zu treiben lassen - wie die Flut.

Die Lauenburger sind jedenfalls erstmal froh, dass das Wasser nicht weiter steigt. Als Merkel schon wieder im Hubschrauber auf dem Weg ins nächste Flutgebiet sitzt, sagt Benjamin Peters: "Ich mache meine Arbeit für die Menschen, nicht für Frau Merkel." Olaf Nentwig vom Technischen Hilfswerk aus Kiel findet es gut, wenn Politiker wie Merkel und Albig vor Ort Flagge zeigen. Aber sein Kollege Wolfgang Mönke aus Mölln, der sich extra ein wenig abseits gestellt hat - und dann doch Merkel die Funktion der Wasserpumpen erklären muss - sagt, dass jeder selber wissen müsse, ob die Stippvisite nun ein Wahlkampfauftritt war. Ihm jedenfalls sei der Besuch an der Wasserkante "relativ schnuppe".

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