Nach dem Datenskandal : "Die ganze Branche steht am Pranger"

Callcenter: Die Branche fürchtet um ihren Ruf. Foto: dpa
1 von 2
Callcenter: Die Branche fürchtet um ihren Ruf. Foto: dpa

Nach dem Verkauf von Bankdaten Tausender Bürger ist jeder vierte Arbeitsplatz in Callcentern gefährdet. "Die ganze Branche steht am Pranger", sagt Callcenter-Unternehmer Martin Aye.

Avatar_shz von
18. August 2008, 01:23 Uhr

Kiel - | Martin Aye (42) ist gleich doppelt vom Datenskandal betroffen, der in dieser Woche Schlagzeilen machte. Dass als Lottogesellschaften getarnte Firmen über Callenter Tausende Verbraucher angerufen und in mehreren Fällen ohne Einzugserlaubnis Geld von deren Bankkonten abgebucht haben, brachte auch seine Unternehmen in Lübeck und Flensburg in Verruf. "Dabei arbeiten wir vor allem für Krankenkassen und Banken nur im Servicebereich und rufen ausschließlich Kunden an, die zuvor ihr Einverständnis erteilt haben", sagte Aye Schleswig-Holstein am Sonntag. Trotzdem verspürten auch seine Mitarbeiter das Misstrauen, das durch "kriminelle Machenschaften, gegen die keine Branche gefeit ist" geschürt worden sei.

Nach dem rasanten Wachstum von Callcentern in den vergangenen Jahren rechnet Aye jetzt mit einer gegenläufigen Bewegung. Bis zu 100.000 Jobs seien in Gefahr, zumal der Gesetzgeber die Hürden für Telefonwerbung immer höher hänge. Für Aye doppelt ärgerlich: Bei der Fahndung nach den Datenklauern durchsuchte die Polizei ein Callcenter in Lübeck. "Es hat nichts mit meinen Firmen zu tun. Aber schon rufen besorgte Auftraggeber an", sagt Aye.
Callcenter: Schmuddelbranche?
"Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Aye, der mit erfolgreichen Callcentern in Lübeck und Flensburg in den vergangenen Jahren fast 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Die Mitarbeiter von Ayes Unternehmen verkaufen keine Lottospiele und werben auch keine Abos, sondern beraten die Kunden der Auftraggeber, die zuvor in den Service eingewilligt haben müssen. Trotzdem sieht Aye sich und die ganze Callcenter-Branche unter einem "extremen Rechtfertigungsdruck."

Anfang der Woche war bekannt geworden, dass Callcenter die Bankdaten Tausender Menschen missbraucht haben könnten. Es sei eine CD mit mehr als 17.000 Datensätzen aufgetaucht, teilte die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein mit. Die CD enthalte neben Namen, Geburtsdatum, Telefonnummer und Adresse auch die kompletten Bankdaten. "So ein krimineller Akt ist für uns eine mittlere Katastrophe", sagte Aye Schleswig-Holstein am Sonntag. Zwar drohe seinen Unternehmen wegen der Spezialisierung auf seriöse Kundenberatung kein Jobabbau. Doch die negativen Auswirkungen fingen schon früher an. "Es wird immer schwerer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, weil viele Callcenter für eine Schmuddelbranche halten", sagt Aye.

Sorge hat er, dass der Gesetzgeber den Telefonservice wegen der "schwarzen Schafe in der Branche" abwürgen könnte. So wollen mehrere Länder den Gesetzentwurf zur Telefonwerbung im Bundesrat nachbessern. Sie wollen unter anderem einen Vertragsabschluss am Telefon komplett verhindern.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen