Archäologie : Die frühen Spuren des Christentums am Ufer der Schlei

Klosterkirche: Portal von 1170.
Klosterkirche: Portal von 1170.

Kirchen, Klöster und Museen in Schleswig, Haithabu und Füsing.

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23. April 2011, 10:32 Uhr

Ein heißer Sommertag im Jahr 826. Am 24. Juni begegnen sich in der Königspfalz von Ingelheim am Rhein und im Dom zu Mainz zwei Welten. Auf der einen Seite der dänische König Harald Klak mit seinem Gefolge. Ein "Heide", noch. Der Wikinger ist den weiten Weg aus dem Norden hergereist, um Kaiser Ludwig den Frommen als Verbündeten zu gewinnen. Dafür kann man sich schon einmal christlich taufen lassen. Auf der anderen Seite der Herrscher des Fränkischen Reiches samt Hofstaat. Nach Abschluss der Zeremonie lädt Harald seine Taufgeschenke auf die Schiffe und dazu noch einen Benediktinermönch aus dem Kloster Corvey als geistlichen Beistand - Ansgar mit Namen.
Doch Haralds Kalkül schlägt fehl. Wieder in Dänemark angekommen, kann er sich nicht lange halten. Der Kaiser ist fern, und so fällt er wieder in seine alte Rolle als unsteter Wikinger zurück. 20 Jahre später stirbt König Harald - etliche Wissenschaftler meinen, dass sein Grab identisch ist mit dem "Bootkammergrab" im südlichen Vorfeld des aufblühenden Fernhandelsortes Haithabu.
Heidnisches Grab mit christlichen Beigaben
Denn dort, südlich des Halbkreiswalls, haben die Archäologen Belege für genau diese unsichere Grenzlinie zwischen Christentum und Heidentum gefunden. Teile der Grabausstattung sind nämlich deutlich christlich signiert. Doch die Bestattungsform selbst mit dem Grabhügel, dem Schiff als Jenseits-Gefährt und der zu vermutenden Tötung der Gefolgsleute, die mit dem Edelmann begraben wurden, die könnte nun nicht heidnischer sein. Im Haithabu Museum ist das Bootkammergrab en miniature zu besichtigen, im Raum 3 unter der Überschrift "Schauplatz der Macht".
Verweilen wir noch einen Augenblick in diesem geradezu magischen Raum. Man muss schon genau hinschauen, um in den Schaukästen das Kreuzeszeichen auf dem Thorshämmerchen zu entdecken oder auf einer Fibel die Gestalt des Gekreuzigten. Ganz anders die Glocke, die aus dem Morast der Hafenanlage von Haithabu geborgen wurde und nun wie ein grauer Wächter in einer Ecke des Raumes thront. Lud sie einstmals zum Gottesdienst in der Bischofskirche von Haithabu? Schwer zu entscheiden, da wir nicht einmal genau wissen, ob die Bischöfe vor Ort anwesend waren. Sicher ist, dass sie aus dem 10. Jahrhundert stammt und die älteste vollständig erhaltene Läuteglocke nördlich der Alpen ist.
Die Identifizierung der Kirche Ansgars - Lebenstraum für Archäologen
Tja, die Kirche Ansgars. Ihre Identifizierung ist für die Wissenschaftler von Schloss Gottorf und dem Archäologischen Landesamt so etwas wie ein Lebenstraum. Eine noch unentdeckte Schatzkammer der Geschichte. Manche vermuten sie unter der St. Andreaskirche von Haddeby, die ihrerseits, so trutzig und schön proportioniert sie seit ca. 1200 daherkommt, zu den frühen christlichen Spuren gehört. Immerhin: Unter ihr hat man Holzreste gefunden; deren klare Zuordnung war jedoch nicht möglich. Hier kann nur eine neue Grabung Klarheit schaffen.
Und damit sind wir auch schon auf dem anderen, dem nördlichen Ufer der Schlei angekommen, wo nach der endgültigen Zerstörung von Haithabu um die Mitte des 11. Jahrhunderts die frühmittelalterliche Metropole Schleswig aufblüht (bis sie 200 Jahre später das Aufkommen von Lübeck im Verbund mit Hamburg ins Abseits stellt). Man muss sich das Schleswig von damals als so handelstüchtigen wie hochkirchlichen Ort vorstellen: Größter Hafen des Nordens, Sitz von König und Bischof, internationale Fernhändlerschaft mit Kontakten von Köln bis Novgorod, sieben Kirchen! Die älteste lag unter dem Pflaster des jetzigen Marktplatzes in der Altstadt, ihre Nachfolgerin im Baublock des heutigen "Senatorkrogs".
Aber es gibt ja noch einiges zu sehen. Etwa das St. Johanniskloster auf dem Holm. Ehemals von Benediktinerinnen bewohnt, dient es seit der Reformation als adliges Damenstift. Das romanische Giebelportal aus Granit mit dem schlichten Kreuzeszeichen stammt aus der Erbauungszeit der Kirche um 1170. Auch der Kreuzgang, für Besucher frei zugänglich, ist ganz alt. Das sieht man ebenso dem Taufstein im Kreuzgarten an, der dort unter Rosen dahindämmert.
Zaghafter Vorbote der künftigen Umwälzungen
Oder das Südportal des Doms, das in einem Relief über dem Eingang ("Tympanon") aus dem 12. Jahrhundert nicht nur Jesus mit Peter und Paul sowie den vier Evangelistensymbolen, sondern auch den dänischen König Waldemar als Kirchenstifter zeigt. Geradezu liebevoll hält er die Domkirche in seiner Armbeuge. Auch die Löwenfiguren an der Nordseite des Doms ("Löwengrube") stammen aus dieser frühen Zeit, vermutlich geschaffen für die alten Portale der Kirche.
Ein Sprung nur ist es von hier bis zum zweiten weitgehend noch vorhandenen Kloster auf dem Gelände der historischen Stadt, "Graukloster" genannt nach den grauen Kutten der Franziskaner, die hier auf und in den Mauern des früheren Königshofes ihre Stätte errichteten. Heute gehören Teile davon zum Rathaus, aber ein Raum hat sich doch über die Jahrhunderte erhalten - die "Gotische Halle". An einer Wand befindet sich ein fast lebensgroßes Fresko mit einem Passionsbild, datiert auf das 13. Jahrhundert. In ihrem halb beschädigten Zustand wirken die Farben geradezu "modern". Das gilt auch für die Wandfiguren auf der anderen Seite des Raumes, die typische Franziskaner-Heilige zeigen.
Ganz zum Schluss unseres "Rundgangs" kehren wir zum Anfang zurück, in die Vorstellungskraft des Lesers. Der bisher älteste Beleg für die frühen Spuren des Christentums in Schleswig ist nirgendwo ausgestellt, sondern nur als Abbildung in einem Buch aufsuchbar. Die "Studien zu Haithabu und Füsing" (Wachholtz Verlag 2010) zeigen eine kleine goldene Münze, die, mit einem Kreuz versehen, nachträglich gelocht ist, also als Schmuck getragen wurde. Im 7. Jahrhundert vermutlich in Mainz geprägt, gilt sie als derzeit älteste Kreuzdarstellung im Ostseeraum. Ihr Fundort, die erst in den letzten Jahren entdeckte Siedlung Füsing an der Schlei, dürfte also bereits über weit reichende Beziehungen auf dem Kontinent verfügt haben.
Füsing ist nicht zu den frühen Stätten eines praktizierten Christentums zu rechnen. Um so zauberhafter sich vorzustellen, wie dieses kleine Kreuz als zaghafter Vorbote von den großen Umwälzungen kündet, die später in der benachbarten Bischofsstadt ihren Ausgangspunkt nahmen.

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