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Feuerwehr-Marketing-Kongress : Die Feuerwehren wollen moderner werden

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Die Feuerwehren brauchen Verstärkung - seit Jahren plagt sie dieses Problem. Besseres Marketing soll mehr Mitglieder bringen. In Kiel besprachen die Brandschützer neue Strategien.

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2013 | 11:47 Uhr

Kiel | Die Herausforderungen für die Brandschützer sind gewaltig: Die Jungen im Land werden immer weniger, die Älteren immer mehr. Gleichzeitig sinkt das frei verfügbare Zeitbudget der Aktiven in der Gesellschaft stetig, wie der Medienwissenschaftler Jan Blume vom Marktanalyse-Unternehmen Aserto in Hannover aufschlüsselt. Dagegen steigt die Anzahl der Angebote, sich in der Freizeit einzubringen. Kurz: Die Freiwilligen Feuerwehren im Land müssen sich immer stärker dem Wettbewerb im Markt der Möglichkeiten stellen.
Sie sind bereits dabei. Vorläufiger Höhepunkt am Sonnabend: der bundesweit erste Feuerwehr-Marketing-Kongress im Kieler Landeshaus. Mehr als 250 Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein sind dabei. "Viele Anmelder blieben auf der Warteliste", muss Landesbrandmeister Detlef Radtke vertrösten. Wie können wir neue Mitglieder gewinnen? Nicht nur ein brennendes Thema für die Freiwilligen Feuerwehren im Land. Sondern: "Ein wichtiger Bestandteil unserer Sicherheitsarchitektur", so Radtke weiter. Kongress-Schirmherr und Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) sieht es genauso: "Die Nachwuchsarbeit wird weiterhin ein entscheidender Faktor zur Sicherung der Feuerwehren und ihrer Einsatzbereitschaft in unseren Gemeinden sein."

Negativ-Kurve ist seit Ende 2009 abgeflacht


Es gab Zeiten, da verloren die Wehren im Norden jedes Jahr 300 Mitglieder. Seit 2005 kämpfen die Öffentlichkeitsarbeiter des Landesfeuerwehrverbandes, Ingmar Behrens und Holger Bauer, mit ausgefeilten Werbe-Ideen gegen diesen Negativ-Trend. Effekt: "Seit Ende 2009 ist die Negativ-Kurve abgeflacht", sagt Bauer. Das jedoch reicht der Landesfeuerwehr nicht. Zu stark setzt der Wandel ein. Ulrich Hußing vom Statistikamt Nord macht deutlich: Bis 2025 sinkt in Schleswig-Holstein die Zahl der unter 20-Jährigen von 550.400 um 15 Prozent auf 466.100. Die Zahl der über 65-Jährigen dagegen steigt um 21 Prozent von 613.000 auf 740.000.
Schon jetzt macht dies den Gemeinden Sorgen. "Demnächst gehen viele in die Reserveabteilung", sagt Anke Szodruch (CDU), Bürgermeisterin in Melsdorf bei Kiel, am Rande des Kongresses. Sie ist eine der ganz wenigen teilnehmenden Gemeindevertreter. "Wir müssen jetzt schon vorsorgen", sagt auch André Poser (35) von der Freiwilligen Feuerwehr Bargfeld-Stegen (Kreis Stormarn). Bisherige Werbemaßnahmen hätten nicht gefruchtet. Anders in Timmendorfer Strand im Kreis Ostholstein: Hier wurde ein "Motivationstopf als Notbremse" eingerichtet, berichtet Bürgermeisterin Hatice Kara (SPD) in einer Podiumsdiskussion. Aus 20.000 Euro Gemeindegeld wird Feuerwehr-Aktiven und deren Familien freier Eintritt in diverse Freizeit- und Wellness-Einrichtungen finanziert. "Das hat immerhin zehn neue Mitglieder gebracht", bestätigt ein Vertreter der örtlichen Wehr.

Freiwillige Retter wollen als Experten wahrgenommen werden


Aber es geht noch viel mehr: "Liegt vieles nicht auch an uns selbst?", fragt Referent Jens-Peter Wilke, Kommunikations-Chef der Berliner Feuerwehr, die Kongressteilnehmer. Ist es für junge Menschen überhaupt noch "cool", nur als freiwillige Retter betrachtet zu werden? "Nein", gibt er die Antwort. "Junge Menschen wollen heutzutage als Profis wahrgenommen werden!" Es wachse eine junge Generation heran, die militärische Ordnung und Dienstgrade ablehnt, die die Anrede "Kamerad" lächerlich findet, "die auf Orden pfeift". Die Feuerwehr müsse sich als Marke darstellen, fordert Wilke. Sie müsse überall ein und dasselbe Bild abgeben, mit dem sich der potenzielle Nachwuchs identifizieren kann. Mit einem zeitlos modernen Design - an Fahrzeugen und auf Internetseiten. Die Anfeuerung aus Berlin erntet tosenden Beifall.
Einer der Kongress-Teil nehmer stellt dann auch die veraltete Feuerwehr-Uniform in Frage. Landesbrandmeister Radtke greift dies bestätigend auf, fordert aber gleichzeitig: "Wir müssen uns dafür Zeit nehmen, und wir müssen die Neuerungen dann überall umsetzen." Radtke spricht seine Leute direkt an: "Wir heißt wir - und damit meine ich auch ihr." Die 250 Feuerwehrmänner und -frauen und wenigen Gemeindevertreter fühlen sich angesprochen. Ein spontanes Ted-Voting zum Abschluss ergibt: 88 Prozent wollen, dass es einen nächsten Feuerwehr-Marketing-Kongress gibt. Holger Bauer: "Wir steigen jetzt in die Planungen dafür ein." Eine Neuauflage des Kongresses soll es in zwei Jahren geben.
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