Zucht in der Förde : Die erste Bio-Muschel kommt aus Kiel

Fein marmorierte Miesmuscheln rund um eine grobmaschige Muschelsocke. Wer die Größe zur Ernte nicht erreicht hat, geht zurück in die Ostsee. Foto: sh:z
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Fein marmorierte Miesmuscheln rund um eine grobmaschige Muschelsocke. Wer die Größe zur Ernte nicht erreicht hat, geht zurück in die Ostsee. Foto: sh:z

Vor Holtenau züchten Meeresbiologen Miesmuscheln. Sie sind die ersten Bio-Muscheln Deutschlands. Die erste große Ernte wird 2013 erwartet.

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21. März 2012, 09:43 Uhr

Kiel | Kieler Sprotten, Kieler Woche - aber Kieler Muscheln? Die Landeshauptstadt ist bald um ein delikates Bekanntheitsmerkmal reicher. Klappt alles wie geplant, können die ersten Bio-Miesmuscheln aus der Kieler Förde nächsten Januar geerntet werden.
Doch von vorn: Es begann Mitte der 90er mit einer Vision. Meeresbiologe Peter Krost wollte mit Kollegen nicht nur Nachhaltigkeit predigen, sondern sie in Form einer Aquakultur in die Tat umsetzen: "Wir stellten uns die Frage, wie man Forschungsergebnisse im Küstenbereich kommerziell umsetzen kann, ohne das Natur zerstört wird."
Aus Algen mehr machen als Salat
Es kam die Idee, aus Algen mehr zu machen als nur Salat. Unzählige Tests, Proben und Forschungsergebnisse später entwickelten sie aus verschiedensten Algensorten Extrakte, die nicht nur in der eigens dafür kreierten Kosmetikmarke verarbeitet werden, sondern mittlerweile an Zulieferer weltweit gehen. Der Vorteil: Kosmetikprodukte haben eine hohe Wertschöpfung. Das ist für Krost wichtig, denn er und seine Mitarbeiter sollen von ihrer Arbeit leben können. Neben Kosmetikprodukten gibt es die Alge in flüssiger Form beispielsweise als "Alkoholhaltiges Getränk".
Vor etwas mehr als einem Jahr kam Meeresbiologe Tim Staufenberger ins Team. Sein "Baby" ist die Muschelfarm in der Kieler Förde - die einzige im Ostseeraum. Sie liegt im Sperrgebiet des Marinefluggeschwaders 5 direkt vor Holtenau. Zwischen den vier hellgelben Begrenzungs-Bojen sind fünf Langleinen zu je 100 Metern gespannt, an denen nach unten sogenannte Kollektoren und Muschelsocken hängen.
Erntereif nach anderthalb Jahren Wachstum
Staufenberger erklärt, wie es funktioniert: "Die kleinen Muschellarven sind im Juni/Juli unterwegs, wenn es warm ist. Sie suchen alles, was fest ist, um sich daran festzusetzen." Bis Oktober/November sind sie von Stecknadelkopfgröße auf 1,5 bis drei Zentimeter gewachsen. Dann verpflanzen sie Staufenberger und Kollegen von den Kollektoren in die Muschelsocken. Die bestehen aus einem Mischgewebe zwischen Plastikfasern und Baumwolle. "Weil die Baumwolle zerfällt, können die Muscheln nach außen wandern und wie in einer Reihenhaussiedlung dicht an dicht sitzen", sagt Staufenberger.
Nach rund anderthalb Jahren Wachstumszeit sind sie bis zu sieben Zentimeter groß und erntereif. Durch regelmäßige Tests und Proben wird die Qualität der Muscheln überprüft, die aufgrund des guten Fördewassers sogar das Biosiegel bekommen haben: Je besser das Wasser, desto besser die Muschel. "Das ist deshalb so wichtig, weil Muscheln filtrierende Tierchen sind. Die Ostsee ist ihr Cocktail, den sie ständig schlürfen", verbildlicht Staufenberger.
Noch wird das Muschelprojekt durch Fördergelder unterstützt. Damit es sich in Zukunft trägt, tüfteln die Meeresbiologen weiter. Aus fünf sollen neun Leinen werden und der Vertrieb, ähnlich wie vor hundert Jahren bei den Ellerbeker Fischern, nicht nur auf den Kieler Raum beschränkt sein. Die erste unfreiwillige Qualitätsprobe gab es bereits: Eiderenten futterten im vergangenen Winter fast 1000 Kilogramm weg.

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