Dreijähriger in Kellerloch : "Die Eltern haben uns betrogen"

Ein Dreijähriger wird völlig verwahrlost in einen Keller gesperrt - doch das Jugendamt bemerkte keine Auffälligkeiten in der Familie des vernachlässigten Kindes.

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14. September 2012, 06:47 Uhr

Kiel | "Es ist ein Gefühl extremer Hilflosigkeit, das ein solches Kind von Grund auf verunsichert": Manuel Florian, Psychologe beim Kinderschutzbund Schleswig-Holstein, macht auf die enorme Tragweite aufmerksam, die der seelische Schaden eines Dreijährigen annehmen kann, der - wie jetzt in Bad Segeberg geschehen - völlig verwahrlost in einen Keller eingesperrt wird.
Florian spricht von einer "mit Sicherheit traumatisierenden Erfahrung". Die damit einhergehende Bindungsstörung zu den Eltern als natürlichen Bezugspersonen ließen sich "nur mit Glück therapieren". Der Psychologe befürchtet ein Hemmnis für das ganze Leben, um sich in Gemeinschaft einzufügen". Das Wichtigste sei nun, "dass der Junge ohne viel Wechsel bei einer einzigen Pflegefamilie bleiben kann."
"Auch uns wühlt dieser Fall sehr auf"
Die wird nach Auskunft des Segeberger Jugendamtsleiters Georg Hoffmann noch gesucht, nachdem das Kind bereits am 13. Juni von seinen Eltern getrennt worden ist. Die Konkurrenz um gute Pflegefamilien sei im Hamburger Umland groß, so Hoffmann. Dort komme die Nachfrage von Jugendämtern vieler Kommunen zusammen. Derzeit befindet sich der Dreijährige vorübergehend in einem "Heim mit familienähnlichen Gruppen".
"Auch uns wühlt dieser Fall sehr auf", bekannte Segebergs Landrätin Jutta Hartwieg. Direkte Konsequenzen schloss sie gestern dennoch aus: Das Jugendamt und die von ihm beauftragten Familienhelfer eines " in mehreren Kreisen bewährten" freien Trägers hätten "alle Spielregeln eingehalten". "Die Eltern haben uns betrogen", sagte Jugendamtsleiter Hoffmann.
"Gratwanderung"
Deutlich wurde bei Nachfragen auf der Pressekonferenz des Kreises indes auch: Wiederholt gab es Hinweise aus der Bevölkerung, dass die drei in der Familie lebenden Kinder längere Zeit nicht gesehen worden, nicht ordentlich gekleidet oder unsauber gewesen seien. Hoffmann stellte sich auf den Standpunkt, derartige, in einem Jugendamtsalltag häufige Hinweise, seien "grundsätzlich nicht ganz einfach zu differenzieren", ergänzte dann: Die Familienhelfer hätten in diesem Fall keine Bestätigung für die Sorgen gefunden. Auch stellte sich auf Nachhaken von Journalisten heraus: Die Familienhelfer hatten nicht zur gesamten Wohnung Zutritt, nicht jedenfalls zu dem elterlichen Schlafzimmer - obwohl die Eltern dies offenbar auch als Übernachtungsort der Kinder angegeben hatten.
Hoffmann und Hartwieg wiesen auf die "Gratwanderung" von sozialpädagogischen Betreuern hin, einerseits ein waches Auge auf die Kinder zu haben, andererseits aber auf das Vertrauen der Eltern angewiesen zu sein, um mit ihrer Hilfe etwas bewirken zu können. Das sei auch der Grund, weshalb Besuche grundsätzlich angekündigt würden. Erst nachdem die Eltern bei vereinbarten Terminen mehrfach nicht zu Hause gewesen seien, habe es wiederholt auch unangemeldete Besuche gegeben - jedoch ohne besondere Aufälligkeiten.
Gericht gab positive Prognose
Nur bei "akuter Kindeswohlgefährdung" könne das Jugendamt ein Kind aus seiner Familie herausnehmen, nicht jedoch bereits bei Vernachlässigungstendenzen, verdeutlichte Hartwieg. Das lasse die Rechtsordnung mit Blick auf die Eltern rechte nicht zu. Das Sorgerecht könne der Kreis zudem nicht von sich aus entziehen, sondern nur das Familiengericht. Das jedoch habe vor Bekanntwerden der jetzigen Vorwürfe eher eine positive Tendenz bei der Familie gesehen.
Unabhängig von dem einsperrten Kellerkind bereitet der Kreis Segeberg vor, die sozialpädagogische Betreuung kleinräumiger zu gestalten. Sie soll nicht mehr komplett am Kreishaus hängen, sondern nach drei Teilregionen untergliedert werden. Davon verspricht sich Hoffmann "eine intensivere Fallarbeit und Fallkontrolle". Als Lehre aus dem Fall wünscht er sich, "dass wir nicht nur wie bisher die Gefährdung des Kindeswohls als Ansatz unserer Arbeit haben, sondern dass wir auch mit den Eltern arbeiten - psychologisch, bildungsbezogen, mental." Er empfiehlt einen stärker psychologischen statt sozialpädagogischen Ansatz - stellte aber auch klar, dass das bisherige Recht dies nicht umfassend hergebe.
Das Kieler Sozialministerium hat den Kreis nach Auskunft eines Sprechers von Ministerin Kristin Alheit (SPD) aufgefordert, "uns den Sachverhalt genau zu schildern". Die Erfahrungen sollten in den kontinuierlichen Austausch des Landes mit den Kreisen über Verbesserungsmöglichkeiten in der Jugendhilfe einfließen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, fordert eine unabhängige Untersuchung des Falls durch externe Sachverständige.

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