Hartz IV trotz Arbeit : Die drei Jobs einer kleinen Powerfrau

Der erste Job des Tages: Früh am Morgen trägt Beate-Elisabeth Worringer Briefe und Kataloge aus.  Foto: Beuke
Der erste Job des Tages: Früh am Morgen trägt Beate-Elisabeth Worringer Briefe und Kataloge aus. Foto: Beuke

Beate-Elisabeth Worringer ist eine von 3737 sogenannten Aufstockern im Kreis Rendsburg-Eckernförde: Viel Arbeit in drei Jobs und trotzdem braucht sie Hilfe vom Jobcenter.

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22. Oktober 2011, 12:46 Uhr

Eckernförde | Das Lachen ist ihr nicht zu nehmen. Beate-Elisabeth Worringer ist ein Energiebündel. 1,48 Meter ist sie groß, aber voller Power. Die braucht sie auch, denn um ihr Leben finanzieren zu können, geht sie drei verschiedenen Jobs nach. Jeden Tag, von montags bis freitags - und doch braucht die 46 Jahre alte Eckernförderin Unterstützung vom Amt. Damit ist sie nicht alleine. In Schleswig-Holstein in die Anzahl der Menschen, die zu ihren Arbeitslöhnen einen Zuschuss vom Amt bekommen, in den vergangen vier Jahren um 5400 auf 48.000 gestiegen, wie die Regionaldirektion Nord der Agentur für Arbeit diese Woche verkündete. Auch im Landkreis Rendsburg-Eckernförde ist diese Tendenz zu erkennen. 3737 Personen sind trotz Arbeit auf Hartz IV angewiesen. Vor vier Jahren waren es noch 388 weniger. Dabei ist die Anzahl an Arbeitslosen insgesamt gesunken.
Der Arbeitstag von Beate-Elisabeth Worringer beginnt morgens früh um 7.15 Uhr. Dann macht sie sich auf den Weg, um für den privaten Zustelldienst NordBrief den Kunden Briefe und Kataloge zuzustellen. Je nach dem, wie viel Post auszutragen ist und welchen Bus sie erwischt, ist sie zwischen 9 und 10 Uhr wieder zu Hause. Dann heißt es schnell unter die Dusche, umziehen und wieder los: Um zehn vor Zwölf warten in der Fritz-Reuter-Schule die Grundschüler zur Hausaufgabenbetreuung. Zwei Mal die Woche leitet sie zudem eine Laubsägen- sowie eine Mal-und-Bastel-AG. Von Feierabend ist danach noch keine Spur. Von 19.30 bis 21 Uhr geht die gelernte Erzieherin und Verkäuferin in einer Zahnarztpraxis putzen.
"Meine Tiere und mich kann ich finanzieren."
Etwa 750 Euro verdient Beate-Elisabeth Worringer mit ihren drei Beschäftigungen im Durchschnitt. Mal ist es mehr, vor allem in Ferienzeiten ist es weniger. Sie könnte es sich auch einfach machen, und komplett Hartz IV beziehen. Bei 364 Euro liegt die Regelleistung, ohne weitere eventuelle Zuschüsse. Und trotzdem sagt sie: "Ich mache meine Arbeit unheimlich gerne." Ihre Förderung vom Amt liegt zwischen 50 und 100 Euro, sie variiert abhängig vom jeweiligen Monatseinkommen. Wichtig ist aber, dass sie durch das Jobcenter krankenversichert ist. "Meine Ansprüche sind nicht hoch. Ich trinke, rauche und feiere nicht. Meine Tiere und mich kann ich davon finanzieren." Zwei Katzen und zwei Meerschweinchen teilen sich mit ihr eine 40-Quadratmeter-Wohnung. Einen Luxus hat sie sich jetzt doch gegönnt. Sie hat sich ein neues Fahrrad gekauft, auch wenn sie dafür sparen musste und den Restbetrag in 24 kleinen Monatsraten abbezahlt. Sie wirkt zufrieden, und doch gibt es etwas, das sie aufregt. Sie nervt das schlechte Image des Hartz-IV-Bezieher, und vor allem die, die für den schlechten Ruf sorgen. "Natürlich gibt es Menschen, die keinen Bock haben, zu arbeiten. Das finde ich böse." Sie ist das genaue Gegenteil.
Der Arbeitsmarkt in Eckernförde und Umgebung ist relativ stabil. Für das Ostseebad liegen keine einzelnen Zahlen vor, aber im Kreis Rendsburg-Eckernförde ist die derzeitige Arbeitslosenquote bei 5,1 Prozent. Im Landesdurchschnitt beträgt sie 6,7 Prozent. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger um 1160 reduziert. Trotzdem bleibt festzuhalten: Die Anzahl an Aufstockern hat im gleichen Zeitraum zugenommen. Ein Trend, der deutschlandweit festzustellen ist. Auffällig: Von den 388 bezuschussten Beschäftigungen bestehen 243 aus Minijobs, in denen bis zu 400 Euro verdient werden kann. Viele Betroffene arbeiten in der Gastronomie, in der Zeitarbeit oder in der Sicherheitsbranche.
Durch Arbeit stärker integriert
Einerseits sei es wichtig, sagte der Leiter der Leistungsabteilung des Jobcenters Eckernförde Armin Holzhäuser, dass es mehr Personen gelungen ist, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. "Sie haben wieder eine Aufgabe und sind durch die Arbeit auch wieder stärker in die Gesellschaft integriert." Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Negativ sei es natürlich, wenn Unternehmen Aufstocker zum Teil ihrer Arbeitspolitik machen würden, sagte Holzhäuser.
Um sowohl Unternehmen als auch Beschäftigten eine Hilfestellung zu geben, bietet das Jobcenter vom Kreis Rendsburg-Eckernförde ein spezielles Projekt an, die Förderleistung Extra 6000. Dieses richtet sich speziell an Minijobber und soll über einen Zuschuss eine Nebenbeschäftigung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umwandeln. "Generell bewerten wir die Chance als aussichtsreich", berichtete Holzhäuser.
Auch für Beate-Elisabeth Worringer könnte sich bald eine Tür zu einer sozialversicherungspflichtigen Betätigung öffnen. Zumindest habe ihr gegenüber die Zahnarztpraxis einen solchen Schritt angedeutet. Ihr Engagement soll sich endlich auszahlen.

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