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Musikschulen in SH : Die Blockflöte pfeift – aus dem letzten Loch

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei Eltern und Kindern gilt die Blockflöte als „uncool“ – doch nach wie vor gilt sie als ideales Einstiegsinstrument.

Rendsburg | Musikschüler entscheiden sich in Deutschland immer seltener für die Flöte. „Die Zahl der Blockflötenschüler ist in den vergangenen Jahren um rund 40 Prozent zurückgegangenen“, berichtet Helmut Kolzer, Geschäftsführer des Landesverbandes der Musikschulen in Rendsburg. Schleswig-Holstein liegt damit voll im Trend. Die Blockflöte – noch bis Mitte der 80er-Jahre das meistgelernte Instrument – pfeift aus dem letzten Loch. Bei vielen Jugendlichen gilt sie als uncool. „Mittlerweile spielen bei uns sogar schon weit mehr Kinder Geige als Blockflöte“, erklärt Kolzer. Spitzenreiter ist das Klavier und die seit Jahrzehnten „hippe“ Gitarre. Auch das Schlagzeug steht bei Kindern und Jugendlichen hoch im Kurs.

Für die Krise der Flöte nennt Kolzer gleich mehrere Gründe. „Vor 30 Jahren waren Geige und Gitarre für große Teile der Bevölkerung unerschwinglich.“ Deshalb wurde geflötet, obwohl nicht jeder Lust darauf hatte. In der alten Bundesrepublik blies im Jahr 1977 nahezu jeder dritte Musikschüler in eine Blockflöte. Heute können sich viele Eltern ein Klavier oder ein Schlagzeug leisten und müssen sich nicht mit der Flöte begnügen. „Zudem stellen selbst kleine Musikschulen auf dem Lande Leihinstrumente zur Verfügung“, so Kolzer.

Auch haben sich inzwischen etliche Hersteller auf den Bau von Kinderinstrumenten spezialisiert. „Früher hieß es, Trompete kann man nicht vor dem Zahnwechsel spielen – das ist überholt.“ Für Nachwuchs-Trompeter gibt es Cornetts, die sich schon im Zahnlückenalter spielen lassen und jungen Holzbläsern stehen Kinderfagotte zur Verfügung. Eine weitere Ursache für den Wandel: Heute gibt es eine kindgerechte Musikdidaktik und entsprechendes Unterrichtsmaterial. Für die Geige zum Beispiel gab es noch vor 30 Jahren kaum geeignete Stücke für jüngere Kinder und die Violinenlehrer waren nur selten auf junge Schüler eingestellt. „Das hat sich geändert“, berichtet Kolzer.

Trotz des Rückgangs bei den Flötenschülern ist er zuversichtlich, dass das Instrument auch langfristig seine Liebhaber findet. Immerhin gibt es bundesweit noch immer 50.000 Jungen und Mädchen, die das Instrument erlernen – davon 1150 in Schleswig-Holstein. Kolzer schließt sogar eine Renaissance der Blockflöte nicht aus, sofern sich bei den Kindern und Jugendlichen herumspricht, dass man damit auch neue Musik machen kann. Bestes Beispiel: In Wacken spielte in diesem Jahr die holländische Band „Blaas of Glory“ Hits von Motörhead, Bon Jovi oder Metallica als Akkustikversion mit Akkordeon und Blockflöte.

„Für Anfänger ist es ein unübertroffen gutes Instrument, man muss den Atem kontrollieren und lernt Fingerfertigkeit“, ist Ronald Haase, Chef des größten deutschen Blockflötenbauers Moeck in Celle überzeugt. Die Blockflöte sei weiterhin ein ideales Einstiegsinstrument: preisgünstig, raumsparend und die Ohren der Mitbürger schonend. Denn es gibt schnell einen Lernerfolg. „O du fröhliche“, von einem atemlosen Achtjährigen auf einer C-Flöte intoniert, klingt schon nach wenigen Monaten Unterricht viel weniger schräg als auf der Violine. Außerdem hat die Blockflöte den Vorteil, dass sie mit dem Atem zum Klingen gebracht wird und daher viel mit dem Singen gemeinsam hat. „Sie ist relativ robust, pflegeleicht, und man kann sie schnell in die Tasche stecken und bei Freunden, in der Schule oder im Urlaub auf ihr spielen. Geige, Gitarre oder gar Klavier, Harfe oder Schlagzeug sind nicht so leicht zu transportieren“, schildert Haase die Vorteile. Die Sopranflöte ist auch für Hände von Fünf- oder Sechsjährigen gut zu greifen, auch wenn am Anfang sicher der eine oder andere tiefe Ton noch quietscht, weil ein Loch nicht ganz abgedeckt ist.

Dem Rückgang flötender Schüler kann der Professor für Blockflöte, Ulrich Thieme, sogar positive Seiten abgewinnen. „Es ist ein Gesundschrumpfen“, sagt der Wissenschaftler von der Hochschule für Musik in Hannover. Mit der Jugendbewegung sei die Blockflöte in den 20er Jahren zum Massenphänomen geworden. „Jedes Instrument, das massenhaft gespielt wird, wird oft schlecht gespielt.“ Das sei ein Ursprung des schlechten Images der Blockflöte. Kolzer in Rendsburg sieht eine ganz andere Gefahr: Es gebe viele Bläserklassen an den Schulen. Doch oft werde der Unterricht nicht weiter geführt und vertieft, weil es den Schulen an Zeit und Raum fehle. „Das führt zu einer Verflachung des Angebots“, fürchtet Kolzer.

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erstellt am 08.Sep.2014 | 10:03 Uhr

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