Das schmalste Haus Kiels : Die Bilder hängen an Nachbars Wänden

Björn Siemsen zeigt das Modell und steht in der 136-Quadratmeter großen Umsetzung über neun Etagen. Foto: Emde
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Björn Siemsen zeigt das Modell und steht in der 136-Quadratmeter großen Umsetzung über neun Etagen. Foto: Emde

Das schmalste Haus in Kiel: Architekt Björn Siemsen machte aus einer 80 Zentimeter kleinen Baulücke ein Eigenheim der besonderen Art für seine fünfköpfige Familie.

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28. November 2011, 06:41 Uhr

Kiel | Touristen zücken den Fotoapparat, Passanten werfen für den besonderen Anblick den Kopf in den Nacken: Das Haus, was sich der Kieler Architekt Björn Siemsen zwischen den Königsweg 56 und 58 gebaut hat, ist besonders. Besonders schmal, besonders in der Form mit besonders vielen Stufen und besonders ökologisch in seiner Bauweise. Vielleicht ist das schmalste Haus Kiels auch das schmalste Europas, doch da scheiden sich die Geister - es kommt immer darauf an, wie man misst.
Angefangen hat alles mit einer Idee während des Studiums an der Muthesius Kunsthochschule. "Ich beschäftigte mich mit Wohnraum in Städten. Gerade die Japaner sind Meister darin, nicht nur besonders hoch zu bauen, sondern sie kommen auch auf engstem Raum zurecht - im Gegensatz zu uns Europäern." Sein Weg führte ihn häufig an der Lücke zwischen den beiden hundert Jahre alten Häusern vorbei. An der schmalsten Stelle sind es 80 Zentimeter, zum Königsweg 4,50 Meter zwischen den Nachbarn. "Das Licht in der Lücke zog mich immer irgendwie magisch an", erzählt Siemsen. Er baute ein Modell, wollte sehen, ob dieser Raum überhaupt zu füllen ist - es ging. Jahre später, als die Suche mit seiner Frau nach den eigenen passenden vier Wänden begann, kam ihm die Lücke in den Sinn. Siemsen fragte, ob er es kaufen könne, füllte den Bauantrag gleich mit aus und schlug zu: "Ich dachte, irgendwann schnappt dir sonst ein anderer die Idee weg."
Aus Materialnot eine Tugend gemacht
Bevor Ende 2006 Anfang 2007 die Bauarbeiten für das Haus in der 29 Quadratmeter kleinen Lücke begannen, baute er sich sein fast genauso großes Atelier an das Ende des Gartens. Der Bau des Betonkerns - nur die Innenwände und Decken sind aus Beton, der Rest aus Glas und Holz - dauerte mit sechs Monaten länger als gedacht. Das war auch der einzige Moment im Hausbau, bei dem Siemsen sich eine Firma zur Hilfe holte. "Sonst ist alles selbst gebaut, von den Stahlwangen, die die Stufen halten, bis zum großen Esstisch in der Küche", sagt der 40-Jährige. Ein befreundeter Schmied und ein Tischler halfen dem dreifachen Familienvater bei der Umsetzung seines Models. So sind alle Eichenstufen aus einem Stamm, den ihm ein Freund aus Italien mitbrachte. Aus der Materialnot bei den zahlreichen Stufen zwischen den neun Geschossen plus Dachterrasse wurde eine Tugend: Einzelne Eichenstücke wurden versetzt aneinander geleimt, sodass nicht nur optisch kreative Stufen, sondern auch lichtdurchlässige entstanden. "Sehr praktisch, wenn man abends die Treppen runtergeht", bestätigt der Hausherr.
Doch wie hat eine fünfköpfige Familie im schmalsten Haus Kiels Platz? Das Haus ist durch die Stufen zweigeteilt: Zur Straße sind die größeren Räume wie Kinder- und Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer mit je rund 16 Quadratmetern; zum Garten sind je auf halber Treppe mit sechs bis acht Stufen die Bäder (eines mit Toilette und Waschmaschine, eines stattdessen mit Dusche) und die Lese-Ecke mit Blumenbalkon erreichbar. Um Platz zu sparen, hängen die Bilder, Schränke und Spiegel an den Wänden der Nachbarn. Eine traumhafte Aussicht nach Besteigung des 136 Quadratmeter großen Hauses (96 Quadratmeter reine Wohnfläche) bietet der Blick von der Dachterrasse. "Rechts der Fernsehturm, links der Rathausturm und wäre das Tonnendach auf dem Barmer-Gebäude nicht, könnte ich sogar die Color Line sehen", sagt Siemsen. Für den Um- und Einzug hat er sich nach Amsterdamer Vorbild eine Lastenzug an den Giebel montiert.
Experiment für ihn und die Familie - nicht für Touristen
Am Puls der Stadt zu leben, nahezu überall zu Fuß oder mit dem Rad hinzukommen und doch die Gartenidylle drei Minuten entfernt vom Hauptbahnhof zu haben, liebt Siemsen. Dass sein Haus seit den Bauarbeiten zur Sehenswürdigkeit mutierte, die Unmengen mediales Interesse auslöste und auch jetzt noch gern fotografiert wird, daran hat er sich gewöhnt. "Aber das war nie beabsichtigt. Ich wollte mein Experiment für mich und meine Familie verwirklichen." Das daraus so viel mehr wurde - auch beruflich - freut den Architekten, der Wert auf ökologische Bauweise legt, im Eigenheim und bei seinen Projekten. "Im steinernen Umfeld präsentiere ich mich mit dem weichen Material Holz nach außen, durch Glas kann viel Licht rein aber ich gebe auch etwas von mir preis", erklärt er. Wann immer es die Bauherren zuließen, nutze er gern Lehm als Baustoff anstelle von Gipsplatten, Naturkautschuk anstelle von Linoleumbelag, Zellulose zum Dämmen anstelle von Mineralwolle oder Holzständerbauweise, denn jeder nicht verbrannte Baum sei einer mehr, in dem CO2 gebunden ist.
Mehr zu seinen Projekten und dem Haus unter www.bjoernsiemsen.de

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