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Sogwirkung der Züge : "Die Bahn setzt Leben aufs Spiel"

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Durchrasende Züge und keine Warnung: Bahnsteige im Norden können zur tödlichen Falle werden, fürchtet der Sprecher der Polizei Itzehoe.

Glückstadt | Der Zug mit Kesselwagen raste mit 110 Stunden pro Kilometer durch den Bahnhof von Glückstadt (Kreis Steinburg). Am Gleis warteten morgens um 7 Uhr dicht gedrängt Schulkinder und Pendler, die zur Arbeit wollten. Sie dachten, es wäre ihr Zug, der da kam. Statt einsteigen zu können, spürten sie nur die enorme Sogwirkung des Kesselwagens, der an ihnen vorbei raste. Dass nichts passierte, war eher ein Zufall. So sieht es der Glückstädter Michael Baudzus, Pressesprecher der Polizei in Itzehoe.
Durchrasende Züge und keine Warnung: Ein Problem, das es an vielen Bahnhöfen in Schleswig-Holstein gibt. Denn die Bahn ist nicht verpflichtet, durchfahrende Züge per Ansage anzukündigen. Ein Missstand, den Michael Baudzus anprangert: "Das kann nicht sein." Die Situation an den Bahnsteigen sei lebensgefährlich.
"Ich hatte große Angst um die Kinder"
Dass in Glückstadt an diesem Morgen nichts passierte, war für Baudzus im nachhinein eher verwunderlich. "Ich hatte große Angst um die Kinder, befürchtete, dass sie zu Tode kommen würden", sagt der 48-jährige Glückstädter. Er war an dem Morgen total geschockt und hatte zwei Tage später das gleiche Erlebnis noch einmal. "Die Bahn setzt Leben aufs Spiel." Die Bahn müsse mit Durchsagen warnen und auf Verspätungen hinweisen.
Baudzus war in Uniform, als er sich an die Stellwerks-Mitarbeiterin der Bahn wendete, die für Durchsagen zuständig ist. Was er hörte, empörte ihn. "Wir haben Anweisung von oben die Ansagen zu reduzieren. Der Kunde soll sich daran gewöhnen", sagte sie ihm. Der Polizeibeamte machte sie auf strafrechtliche Konsequenzen aufmerksam und informierte die Bundesbahnpolizei in Flensburg.
"Wir sind nicht verpflichtet, Durchsagen zu machen"
Die Bahn bestreitet die Aussage der Mitarbeiterin nicht. Es gibt diese Anweisung. "Wir sind nicht verpflichtet, Durchsagen zu machen", sagt Bahnpressesprecher Dirk Pohlmann - und bezieht sich auf die "Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung" (EBO). Es werde auf Durchsagen verzichtet, "damit sich der Fahrgast nicht auf diese verlässt". Die Gefahr sei damit geringer. Durchsagen gibt es nur noch, wenn ein Zug mit 160 Kilometer pro Stunde und schneller durch einen Bahnhof fährt. Diese Regeln gelten bundesweit.
Um die Kunden vor durchrasenden Zügen zu warnen, hat die Bahn auf allen Bahnhöfen weiße Linien auf die Bahnsteige gemalt. "Weiße Warnstreifen", so Pohlmann. In Elmshorn wurden die Bahnsteige noch zusätzlich schraffiert. Zudem gibt es gelbe, aufgehängte Warndreiecke, die auf die Gefahren hinweisen. "Unser Appell ist: Auf die Linie achten."
"Wir machen in ganz Schleswig-Holstein Präventionsarbeit in den Schulen"
Hanspeter Schwartz, Pressesprecher der Bundespolizei in Flensburg, kann Baudzus Sorgen verstehen. "Wir machen in ganz Schleswig-Holstein Präventionsarbeit in den Schulen." Kinder der dritten und vierten Klassen werden aufgeklärt, was die Sogwirkung eines vorbeirasenden Zuges bewirkt. Dass sie Leben gefährden kann. Deshalb werde den Kindern beigebracht, wozu die weiße Linie da ist. Der Unterricht sei eine "tolle Sache". Oft seien es aber Erwachsene, die die Vorsichtsmaßnahmen an Bahnhöfen missachteten.
Michael Baudzus reicht dieser Unterricht nicht, er will dafür kämpfen, dass es wieder Durchsagen gibt. "Vergleichbar wäre es, wenn ein Lastwagen an einer Schule mit 100 Kilometer pro Stunde vorbeifährt, während die Kinder auf den Schulbus warten."

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erstellt am 12.Nov.2010 | 11:04 Uhr

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