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Landeslabor Neumünster : Die Arsen-Scholle - Forscher schlagen Alarm

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie gefährlich sind Giftrückstände im Fisch? Darüber streiten die Experten. Harsche Kritik gibt es an der veralteten Untersuchungsmethode des Landeslabors geübt. Einen festgelegten Grenzwert gibt es ohnehin nicht.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2014 | 09:12 Uhr

Flensburg | Stark schwankende und teils extreme Arsenwerte bei Schollen – dies haben Untersuchungen des Landeslabors Neumünster ergeben. Unabhängige Wissenschaftler schlagen Alarm, ihnen erscheinen Belastungen von bis zu 29,14 Milligramm pro Kilo viel zu hoch. Und es ist nicht das erste Mal, dass bei den Untersuchungen des Landeslabors so hohe Werte gefunden wurden. Bereits 2001 waren Schollen mit einem Anteil von über 24 Milligramm pro Kilo gefunden worden.

Für den Kieler Toxikologen Hermann Kruse sind diese Ergebnisse keine Überraschung. Der Kieler Forscher hatte bei einer eigenen Versuchsreihe im Jahr 2007 Schollen mit einer Arsenbelastung von bis zu 50 Milligramm pro Kilo gefunden und die Öffentlichkeit informiert. „Nach der Veröffentlichung bin ich davon ausgegangen, dass das Landeslabor meine Ergebnisse weiter untersucht“, sagt Kruse.

Ein Trugschluss. Seine Ergebnisse decken sich zwar mit denen des Landeslabors, trotzdem gibt es dort keinen Grund zur Beunruhigung. Schließlich seien „hohe Gesamtarsengehalte in Seefischen seit Längerem bekannt“, und es bestehe kein Grund zur Sorge.

Doch es regt sich Widerspruch, denn bei den Untersuchungen des Landeslabors wird nicht nach organischem und anorganischem Arsen getrennt. „Eine solche Unterscheidung ist aber essenziell“, sagt Jürgen Mattusch vom Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Nur so könne geklärt werden, ob eine gesundheitliche Gefahr von den Schollen ausgeht. Während organisches Arsen, so genanntes Arsenobetain, als harmlos gilt, ist die anorganische Form des Elements hoch toxisch und wird als krebserregend eingestuft. Für den Biochemiker ist klar: „Wird bei einer Untersuchung hier nicht unterschieden, sind die Ergebnisse kaum aussagekräftig“.

Dass im Landeslabor Neumünster diese Aufschlüsselung nicht vorgenommen wurde, hat technische Gründe. Bisher war es schlicht nicht möglich. Erst 2013 einigte sich der Bund auf eine einheitliche Methode, mit der die Landeslabore den Anteil von toxischem Arsen in Proben messen. Zu diesem Zeitpunkt war die Untersuchung der Schollen allerdings schon abgeschlossen. Warum der Bund erst so spät diese Methode einführte, ist für Mattusch unklar. „Es gibt sie seit den 1950er Jahren, sie gilt unter Wissenschaftlern als zuverlässig und einfach.“

Für Stefanie Sudhaus vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Schleswig-Holstein ist es „ein ziemliches Unding, dass bei Untersuchungen erst jetzt zwischen den Arsenformen unterschieden wird.“ Sie schätzt, dass – nachdem zwischen 2001 und 2013 keine weiteren Untersuchungen von Schollen stattgefunden haben, – man wohl frühestens in zwölf Jahren mit eindeutigen Ergebnissen rechnen kann. „Das ist viel zu spät.“ Doch selbst wenn die Menge von anorganischem Arsen bekannt wäre, einordnen ließe es sich nicht. Einen offiziellen Richtwert gibt es seit 2010 nicht mehr. Zuvor hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) einen Wert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als nicht mehr ausreichend beurteilt. Laut Experten war der angegebene Wert von 0,015 Milligramm pro Kilo Körpergewicht zu hoch angesetzt. Ein gesundheitliches Risiko gebe es jedoch schon bei geringeren Mengen. Deshalb wurde dieser Richtwert ersatzlos gestrichen.

Bei der Frage der Herkunft des hoch giftigen, anorganischen Arsens sind sich die Experten einig, es stammt von chemischen Kampfstoffen auf dem Grund von Nord- und Ostsee. Laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie liegen dort 65 000 Tonnen dieses gefährlichen Erbes aus dem Zweiten Weltkrieg, darunter Kampfstoffe wie Clark I und II, Lewisit und Adamsit. Basierend auf hochgiftigen Arsenverbindungen sind diese Chemiewaffen eine tickende Zeitbombe. Nach fast 70 Jahren im Salzwasser beginnen die Behälter durchzurosten, die Chemikalien treten aus.

Dass das Arsen sich in den Schollen findet, erklärt Stefanie Sudhaus anhand der besonderen Lebensweise der Tiere: „Diese Fische leben direkt am Meeresboden. Sie sind sehr mobil und darum besonders prädestiniert Giftstoffe aufzunehmen.“ Hermann Kruse könnte sich vorstellen, bis zur Klärung der Arsenproblematik in Risikogebieten ein Fangverbot für Schollen einzurichten. Am politischen Willen, das brisante Thema anzugehen, zweifelt der Toxikologe jedoch. „Man muss sich die Frage stellen, ob genaue Werte in den Proben überhaupt gefunden werden sollen.“

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