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Detlef Uthoff : Die „Armut“ des reichen Augenarztes

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Fall des Kieler Augenklinikbetreibers Detlef Uthoff spitzt sich immer mehr zu. Kiels Oberbürgermeisterin soll dem Mediziner Steuerschulden erlassen haben. Jetzt hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Kiel | Schwimmbad, Kultur, Straßenbau – überall wird der Rotstift angesetzt, denn Geld fehlt in Kiel an allen Ecken und Enden. Um so größer ist die Verwunderung in der Landeshauptstadt, dass die SPD-Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke einem prominenten und offenbar auch sehr vermögenden Bürger der Stadt einen Großteil seiner Steuerschulden erlässt. Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Es dreht sich um den 71-jährigen Augenarzt und Klinikbetreiber Detlef Uthoff. Alles ging per Eilentscheidung während der diesjährigen Kieler Woche über die Bühne – Insider sprechen von einer „Nacht- und Nebelaktion“, bei der Gaschke auf 3,7 Millionen Euro Verzugszinsen und Mahngebühren verzichtete, die für die Steuerschuld in Höhe von 4,1 Millionen seit Ende der 90er Jahre aufgelaufen waren. Ihr Argument: Uthoff habe beteuert, dass er sonst pleite gehe und Arbeitsplätze in Gefahr seien.

Aufgelaufen waren die Steuerschulden, weil Uthoff seit Anfang der 90er Jahre nicht nur Geld mit seinen Augen-Operationen verdienen wollte, sondern auch kräftig auf dem Immobilienmarkt mitmischte. Damals kaufte er rund 300 Wohnungen in Rendsburg, später dann um die 100 Einheiten in Flensburg. Noch heute erinnern sich Bewohner, dass Investor Uthoff kurzfristig Gewinne einstrich und die Wohnungen in kürzester Zeit verkommen ließ.

Nachhaltig Glück hatte Uthoff mit dem Geschäft nicht. Er geriet in Schieflage, musste verkaufen und blieb auf Schulden sitzen. Die wurden später von den Banken weiterverkauft. Allerdings nicht an knallhart agierende Hedgefonds, sondern an eine Verwertungsgesellschaft, die Uthoffs Ehefrau Anke gründete. Sie kaufte offenbar die Schuldscheine zu einem Bruchteil des Nominalwertes auf, setzte die Schulden aber in voller Höhe in ihre Bücher: Ehemann Detlef konnte also behaupten, dass es ihm wegen hoher Verbindlichkeiten unmöglich sei, die Forderungen des Fiskus' und der Stadt zu begleichen. Das Finanzamt hat ihm nach Informationen des NDR und von „Spiegel Online“ die Behauptung, es drohe eine Insolvenz, nicht abgenommen und die Steuerschuld – es ging um Einkommensteuer in Millionenhöhe – eingetrieben. Gaschke sah das bei der Gewerbesteuer, einer Kommunalsteuer, anders. Ihre Eilentscheidung wird nun von der Kommunalaufsicht geprüft.

Die Zweifel des Finanzamtes an der offiziellen Armut von Uthoff waren offenbar nicht unberechtigt. Der Professor, der immer noch gern als Elvis-Imitator mit seiner Band auf der Bühne steht, besitzt dem Vernehmen nach auf Sylt ein Sommerhaus, wohnt im Nobelviertel Kiel-Düsternbrook und pflegt teure Hobbys. Angeblich macht er gerade den Flugschein, um mit einem neuen Privatjet abzuheben. Insider sprechen von einem umfangreichen Firmen- und Beteiligungsgeflecht samt Stiftung, das der Familienclan in Kiel und Hamburg aufgebaut hat. Nur die Banken machten wegen der unerledigten Steuerschulden Stress.

Für Rainer Kersten vom Steuerzahlerbund bleiben viele Fragen. „Der Erlass von Steuerschulden ist eine Super-Sonder-Spezialausnahme, die nur in einem ganz seltenen Einzelfall möglich ist“, erklärt Kersten und führt als Beispiel einen selbstständigen Einzelunternehmer an, der gegen einen Baum fährt und gelähmt in der Klinik liegt. „Dem kann der Fiskus Steuern erlassen, sonst niemandem.“ Das erfordere das Gebot der Gleichmäßigkeit der Besteuerung.

Unbeantwortet ist für Kersten auch die Frage, warum Uthoff seit Unterzeichnung des Steuerdeals mit Gaschke in der Lage sei, einen hohen fünfstelligen Betrag pro Monat an das Rathaus zu überweisen – allerdings nur bis die Gewerbesteuerschuld abgetragen ist. „Warum kann er nicht länger zahlen, bis alle Schulden beglichen sind?“, fragt Kersten. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist für Kersten zudem, dass der seit 2008 rechtskräftige Steuerbescheid gegen Uthoff seit fünf Jahren nicht vollstreckt wurde. Auf die Frage „Warum nicht?“ sagte gestern die Sprecherin der Kieler Oberbürgermeisterin: „Die Frage können Sie genauso gut Herrn Albig stellen“. Der heutige Ministerpräsident war Gaschkes Vorgänger.

Für Uthoff läuft der Fall derzeit gut. Inzwischen hat sich nämlich der Kriegsschauplatz ins Rathaus verlagert. Dort brach die offensichtlich maßlos überforderte Bürgermeisterin kürzlich in Tränen aus und seit gestern ermittelt auf Antrag ihres Finanzstadtrates die Staatsanwaltschaft gegen einen Ratsherrn. Der soll durch die Weitergabe von Geheimdokumenten den Namen des prominenten Steuerschuldners öffentlich gemacht haben. Mit weiteren Strafanzeigen wird gerechnet.

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erstellt am 10.Sep.2013 | 00:33 Uhr

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