EHEC : Die Angst vor der Tomate

Jörn Prüß bei der Tomatenernte in seinem Gewächshaus: Der Großhandel bestellt bei ihm nichts mehr, der Hofhandel jedoch floriert. Foto: Kröger
Jörn Prüß bei der Tomatenernte in seinem Gewächshaus: Der Großhandel bestellt bei ihm nichts mehr, der Hofhandel jedoch floriert. Foto: Kröger

Krisenstimmung: Der Großhandel nimmt Gemüsebauern nichts mehr ab, Kunden suchen nach Ware aus Gewächshäusern.

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04. Juni 2011, 10:36 Uhr

Lübeck | Auf dem Teller sind sie selten geworden: Tomaten, Gurkenscheiben oder Salate werden in Gaststätten im Norden kaum noch serviert. Und sollten sie als Beilagen doch noch ihren Weg zum Gast finden, erntet die Bedienung böse Blicke. Dann ist zu beobachten, wie die Rohkost mit der Spitze des Messers ins Exil an den Rand des Tellers oder darüber hinaus abgeschoben wird.
Jörn Prüß (37) aus Lübeck sagt: "Bis das Vertrauen der Verbraucher wieder aufgebaut ist, wird es sehr lange dauern." Prüß pflanzt in dritter Generation Tomaten und Gurken an, eigentlich wollte er in diesen Tagen die Ernte einfahren. "Doch seit der Warnung des Robert-Koch-Instituts hat der Großhandel nichts mehr abgenommen."
"Absatz ist einfach eingebrochen"
Dabei stammen seine Produkte aus dem Gewächshaus. "Seit Januar haben wir 3500 Tomatenpflanzen mit enormem Heizkostenaufwand hochgepäppelt", erklärt Prüß. "Das gleiche gilt für meine 1000 Gurkenpflanzen, bei denen die Ernte jetzt beginnen soll." Bewässert habe der Gärtnermeister sie mit Wasser aus dem Lübecker Leitungsnetz, außerdem nur Mineraldünger verwendet. "Diese Qualitätsmerkmale interessieren den Großhandel allerdings nicht", klagt er. "Der Absatz ist einfach eingebrochen."
Ganz anders sieht es bei den Privatkunden aus. Jörn Prüß: "Ich verkaufe ja auch direkt vom Hof und setze momentan mehr Tomaten ab denn je." Durch Mundpropaganda habe sich in Lübeck herumgesprochen, dass sein Betrieb nur Leitungswasser verwendet. Sein Kilogramm Tomaten kostet 2,50 Euro. Das Geschäft retten würden die Privatverkäufe natürlich nicht, glücklicherweise besitze er mit Blumen ein weiteres Standbein, erläutert Prüß. Doch es gebe Gemüsebauern, die bereits um ihre Existenz kämpften. "Von drei Kollegen weiß ich, dass die Banken ihnen keine Kredite mehr gegeben haben. Und wenn sich die EHEC-Krise weiter in den Sommer zieht, wird es bei noch mehr Betrieben richtig eng."
Kombination aus zwei Bakterien
Mittlerweile ist bekannt, dass der Erreger eine Kombination aus zwei Bakterien ist: Einem, das in Zentralafrika blutige Darmentzündungen verursacht, und einem in Deutschland heimischen Keim. Wie sich das neue Bakterium gebildet hat, ist völlig unklar. Und die Wege, über die es sich verbreitet, liegen noch immer im Dunkeln. Das Landwirtschaftsministerium hat bereits 197 Proben von Lebensmitteln und Tierkot genommen, Ergebnisse gibt es noch nicht. "Wir haben unter Kollegen viel diskutiert", sagt Prüß. "Da eine Ansteckung von Mensch zu Mensch unwahrscheinlich sein soll, muss es etwas sein, das noch immer gegessen wird."
Der Gemüsebauer könne verstehen, dass das Robert-Koch-Institut seine Rohkost-Warnung aufrechterhalte. "Schließlich geht es um Menschenleben." Doch die Politik dürfe die Erzeuger jetzt nicht hängen lassen. "Zinsgünstige Darlehen von der Landwirtschaftlichen Rentenbank wie das Bundesagrarministerium sie zugesichert hat, nützen doch nichts", meint Prüß. "Wenn die Ernte geschreddert werden muss, können die Kredite nicht zurückgezahlt werden."
Jörn Prüß will von heute an 5000 Gurken pro Woche ernten, vier Saisonarbeitskräfte stehen dazu bereit. Und am Montag muss er entscheiden, ob er 1600 Gurkensetzlinge, die er bestellt hat, wirklich noch anpflanzen will. Auf jeden Fall wird er seine Verluste genau dokumentieren. "Das haben wir mit dem Gartenbauverband Nord so besprochen. Aber viel Hoffnung auf Entschädigung habe ich nicht."
(ge, shz)

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