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Ackerwirtschaft vertreibt Vögel : Die Angst vor dem stummen Frühling

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Weniger Grünland und Nahrungsarmut durch Pestizide - viele Wiesen- und Ackervögel drohen im Norden auszusterben.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2013 | 10:53 Uhr

Bergenhusen | Der Gesang der Vögel: Noch gehört er zu April und Mai wie das Sprießen der Knospen. Hermann Hötker warnt davor, dass dies nicht mehr lange selbstverständlich sein könnte. "Wir laufen Gefahr, dass ein stummer Frühling einsetzt", befürchtet der Leiter des Michael-Otto-Instituts im Naturschutzbund (Nabu). Neue Forschungen der Einrichtung in Bergenhusen (Kreis Schleswig-Flensburg) belegen: "Den Vögeln der Agrarlandschaften geht es so schlecht wie nie", klagt Hötker. "Einige stehen unmittelbar vor dem Aussterben."
Teilweise sind es einstige Allerweltsarten, bei denen der Biologe innerhalb der letzten 20 Jahre gewaltige Einbrüche festgestellt hat: Bekassine minus 70 Prozent, Austernfischer minus 50 Prozent, Uferschnepfe minus 45 Prozent, Kiebitz minus 40 Prozent lauten Beispiele. Die Brutbestände des Alpenstrandläufers stünden sogar kurz vor dem Erlöschen. Die Erkenntnisse beruhen auf der umfangreichsten Vergleichsstudie, die nach Angaben des Michael-Otto-Instituts je in Schleswig-Holstein zu Wiesenvogelarten gemacht worden ist. Sie führt dank moderner digitaler Auswertungsmethoden Zählungen von einst und jetzt zusammen. 10.552 Datensätzen aus 318 Zählgebieten flossen ein. Teils reichen die Dokumentationen bis in die 1960er Jahre zurück.

Das feuchte Grünland verschwindet immer mehr


Hakt es im Norden, so hat das gleich im nationalen Maßstab Folgen: Schleswig-Holstein hat im Verhältnis zu seiner Größe einen weit überproportionalen Anteil an den Wiesenvogel-Populationen. Nach Niedersachsen ist es für diese Arten das zweitwichtigste Bundesland. "Deshalb trägt es für ihren Erhalt eine besonders hohe Verantwortung", verdeutlicht Hötker. Der Biologe konnte nachweisen, dass die Abnahme der Wiesenvögel nicht an einer höheren Sterberate liegt. "Ganz offensichtlich ist eine rückläufige Reproduktionsrate Grund für die Schwierigkeiten", diagnostiziert er. "Die Probleme liegen in ihren Brutgebieten."
So bedenklich der Wissenschaftler dies findet - es verwundert ihn angesichts des veränderten Landschaftsbilds keineswegs: "Das feuchte Grünland verschwindet immer mehr - und damit die letzten Refugien der Wiesenvögel." Mais für Biogasanlagen, aber auch relativ hohe Getreidepreise machen es für Landwirte attraktiv, möglichst jeden Zipfel Boden zu beackern. Das Statistikamt Nord wies für Schleswig-Holstein im Jahr 1997 446.460 Hektar Dauergrünland sowie 590.800 Hektar Ackerland aus. 2012 haben sich die Zahlen weit auseinanderentwickelt: Grünland sind nur noch 317.400 Hektar, Ackerland hingegen 665.600 Hektar. Nach Erkenntnissen des Bundesumweltministeriums ging in keinem anderen Bundesland ein so hoher Grünlandanteil verloren wie zwischen Nord- und Ostsee. Besonders gravierend stellen sich die Rückgänge der Wiesenvogelbestände auf Eiderstedt dar. Dort haben die zunehmende Entwässerung und die Umwandlung von Wiesen zu Äckern vielerorts Uferschnepfen und Kiebitze vertrieben. Die Nabu-Experten dokumentierten anhand von Vergleichszahlen: Projekte des Vertragsnaturschutzes und der Stiftung Naturschutz, bei denen die Wasserstände in den Gräben und Senken stark erhöht wurden, zeigten Erfolg: "Die Bestände der Wiesenvögel hielten oder erhöhten sich auf diesen Flächen ", erklärt Hötker. Er fordert deshalb: "Wir brauchen viel mehr von solchen guten Beispielen, um die Wiesenvogelbestände Eiderstedts zu retten."

Nahrungsarmut durch Pestizide und Trockenheit


Nicht nur die Wiesenvögel leiden unter dem Intensivierungsschub in der Landwirtschaft, auch die früher häufigen Ackervögel Rebhuhn und Feldlerche sind betroffen. "Von 30 Arten im Agrarraum gehen 26 zurück", fasst Hötker zusammen. Zum Beispiel ergibt sich Stand heute bei den Rebhühnern gegenüber den 70er Jahren ein Minus von 90 Prozent, bei der Grauammer um 60 und bei der Feldlerche von 60 Prozent. Das Nabu-Institut verweist darauf, dass die EU 2007 ihre Flächenstilllegungs-Prämie abgeschafft habe. "Mais, Raps und Winterweizen sind bereits ab Mai so hoch und dicht, dass die Vögel nicht mehr darin leben können", erklärt der Forscher. "Mit Ach und krach schaffen sie dort noch eine erste Brut, aber keine zweite oder dritte mehr." Hinzu kämen Nahrungsarmut durch Pestizide und Trockenheit, weil die Nutzpflanzen das Regenwasser schnell selbst aufnehmen und sich Feuchtigkeit nicht wie auf Gras sammelt.
Für die Feldvögel hat das Michael-Otto-Institut Untersuchungen des Dachverbands Deutscher Avifaunisten ausgewertet, der im Auftrag der Länder und des Bundes ein bundesweites Monitoring zu den Feldvögeln erarbeitet. 1000 Probeflächen flossen darin ein. In der Regel werden die Zählungen auf den Arealen von ehrenamtlichen Mitgliedern ornithologischer Arbeitsgemeinschaften vorgenommen. Zwar befanden sich die Bestände der Feldvögel seit den 70er Jahren auf einem niedrigen Niveau. "Lange hatte die Wissenschaft jedoch angenommen, dass sich die Zahlen zumindest darauf langfristig eingependelt hätten." Doch in den letzten paar Jahren zeigten sich nun - laut Hötker bedingt durch die gleichen Faktoren wie bei den Wiesenvögeln - erneute Einbrüche.
Gerade für die Ackervögel ist nach Einschätzung des Nabu kaum Hoffnung in Sicht: "Wenn die Intensivierung der Landwirtschaft so voran schreitet wie bisher, müssen wir uns wohl daran gewöhnen, Feldlerchen und Kiebitze bald nur noch in Reservaten sehen zu können."
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