EHEC-Krise : "Die Angst hat sich in die Köpfe gefressen"

Trotz der Entwarnung servierte Jaachim Berger in seinem Lübecker 'Kartoffelkeller' nur Krautsalat. Foto: Kröger
Trotz der Entwarnung servierte Jaachim Berger in seinem Lübecker "Kartoffelkeller" nur Krautsalat. Foto: Kröger

Die Warnung vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate ist aufgehoben. Doch für die Gemüsebauer ist die Krise damit nicht überstanden.

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12. Juni 2011, 03:42 Uhr

Lübeck | "In den Köpfen der Verbraucher hat sich die Angst eingefressen", glaubt Jörn Prüß (37), der in Lübeck Tomaten und Gurken anbaut. "Es wird wohl noch drei bis vier Wochen dauern, bis sich die Lage normalisiert hat." Das gelte auch für die Preise. "Es wurde ja nicht alles vernichtet, somit hat sich Ware angestaut. Momentan herrscht ein enormes Überangebot - und das drückt die Preise."
Im Lübecker "Kartoffelkeller", der während der Suche nach dem EHEC-Erreger in den Fokus geriet, wurde gestern weiter nur Krautsalat serviert. "Tomaten und Gurken müssen wir erst wieder kaufen", erklärt Chef Joachim Berger (67). Wobei er abwarten werde, wie der Zuspruch der Gäste sei.
EHEC-Auswirkungen auf Tourismus geringer als befürchtet
Zwei Tage lang hatten Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts im "Kartoffelkeller" nach Hinweise gesucht, stießen dann auf die Lieferungen des Sprossen-Betriebes in Bienenbüttel. "Eine Mitarbeiterin von dort hat später bei uns angerufen und geweint, geweint, geweint. Es täte ihr so leid." Regressansprüche will Berger aber nicht stellen. "Der Betrieb ist kaputt, da haue ich nicht noch drauf." Stattdessen spendet er sein Honorar von 845 Euro für den Auftritt in einer TV-Talkshow der Lübecker Uni-Klinik.
Sorgen macht Berger sich nun um den Tourismus. Allerdings scheinen die Auswirkungen der EHEC-Epidemie auf die Lust, in den Norden zu reisen, geringer zu sein als befürchtet. Es habe eine Reihe von Absagen von Gästen aus Süddeutschland und dem Ausland gegeben, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Schleswig-Holstein, Stefan Scholtis. Bei den Touristinformationen der Ferienorte hingegen gebe es zahlreiche Nachfragen, aber keine Stornierungen wegen EHEC, so der Geschäftsführer der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein, Christian Schmidt.
Solidarität: Schleswig-Holsteiner spenden emsig Blut für die EHEC-Kranken
Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) lobte am Freitag die Solidarität der Schleswig-Holsteiner. Über 1685 Menschen seien dem Aufruf gefolgt, für die Versorgung von Patienten mit dem lebensbedrohlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) Blut zu spenden. "Die Zahl der Neuspender hat sich verfünffacht und damit alle unsere Erwartungen übertroffen", erklärte Dr. Siegfried Görg, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin. "Wir sind stolz auf die Menschen in unserem Land, die ihr Blut für die schwerstkranken Patienten geben", sagte Prof. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH. "Sie haben uns im Kampf um das Überleben der Infizierten nicht allein gelassen."
Behandelt werden derzeit noch 765 Menschen mit EHEC-Infektionen und 185 HUS-Fälle. Davon haben 84 Patienten ein schweres Nierenversagen und neurologischen Symptome, 21 von ihnen liegen auf der Intensivstation. Da sie teilweise noch über Wochen Blutspenden benötigten, dürfe die Bereitschaft zur Blutspende jetzt nicht nachlassen.
(ge, shz)

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