Nach tödlichen Schüssen in Husum : Die Angst des Polizisten vor dem Todesschuss

Polizisten müssen ruhig bleiben, klar denken, korrekt handeln. Das lernen sie bereits in ihrer Ausbildung. Doch wenn es im Einsatz um Leben und Tod geht, sind sie ganz auf sich allein gestellt. Wie ein Beamter in Husum.

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07. Dezember 2014, 08:58 Uhr

Husum | Auch Tage nach der Todesnacht von Husum scheint der Hall der Schüsse noch immer auf den Gassen der Stadt zu liegen. Die gelben Kreidespuren der Tatortsicherung sind noch immer zu sehen. An der Eingangstür klebt ein Polizeisiegel, an der Klinke Blut – noch immer rätseln die Anwohner, warum der junge Asylbewerber erst ein Nachbar-Ehepaar und dann einen Polizisten angegriffen hat, bevor der Beamte ihn in Notwehr erschießen musste. „Es ist einfach schrecklich, wenn ein Mensch sein Leben verliert“, fasst Husums Bürgermeister Uwe Schmitz das Geschehen zusammen. Und fügt nach kurzer Pause mit leiser Stimme hinzu: „Den Polizisten, die dort ihre Waffe benutzen mussten, ist es sicher nicht leicht gefallen.“

In Schleswig-Holstein mussten Polizeibeamte in den letzten 15 Jahren 22 Mal auf Menschen schießen. Dabei wurden 13 Menschen verletzt, drei getötet. Mit der Entscheidung „Schieße ich jetzt und töte einen Menschen, um das Leben anderer zu retten“, werden Polizisten in Schleswig-Holstein allein gelassen. Voraussetzung für den Schusswaffengebrauch sei diese besondere Situation, in der weitere lebensbedrohende Gewalt abgewendet werden müsse, erläutert Karl-Hermann Rehr, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei (GdP), gegenüber „Schleswig-Holstein am Sonntag“. Für den tödlichen Schuss gebe es im Polizeirecht Schleswig-Holsteins keine genaue Regelung. „Das ist in die Ermächtigung jedes einzelnen Beamten oder jeder Beamtin gestellt.“ Es gebe auch nicht den „finalen Rettungsschuss“, über den lange Zeit diskutiert worden sei. „Aber wann ein Schuss abgegeben werden darf, da hat der Gesetzgeber nichts zu gesagt.“

Auf den Husumer Polizisten, nach Informationen unserer Zeitung ein erfahrener Beamter, kommt nun ein regelrechter „Rattenschwanz“ von Folgen zu, wie es der Polizeigewerkschafter bezeichnet. Auf der einen Seite die dienstlichen Folgen: „Wir ermitteln wegen eines Tötungsdelikts“, sagt Otto Gosch, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft in Flensburg. Dann fügt er hinzu: „Das ist ein tief einschneidendes Ereignis, dass man keinem Polizisten wünscht.“ Auch wenn die Strafverfolgungsbehörde klar von Notwehr ausgeht, wurden die Dienstwaffe beschlagnahmt, Magazine und Munition sichergestellt, Kollegen und Zeugen vernommen.

Zum anderen Seite stehen die psychischen Folgen der Extremsituation: Der Husumer Beamte, immerhin ein gestandener Familienvater, ist traumatisiert und zurzeit nicht dienstfähig. Das sei eine normale und gesunde Reaktion, dass Menschen nach absolut extremen Stress-Situationen in einem akuten Schockzustand fallen, erklärt Isabella Heuser, Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité: Sie stehen neben sich, fühlen sich weit von der Realität entfernt. Je geordneter diese Erfahrungen im Gehirn abgespeichert werden, desto besser kann der Betroffene damit zurechtkommen, so dass die Bilder und das Erlebte nicht ständig wieder auftauchen – darüber sprechen hilft. Dennoch geht jeder Polizist anders mit solchen Fällen um, wie Marion Krüsmann, Psychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt. Mehr als 40 Prozent der Einsatzkräfte belaste es so sehr, geschossen zu haben, dass sie behandelt werden sollten.

Bei manchen von ihnen kommt es zu posttraumatischen Belastungsstörungen: Sie haben quälende Erinnerungen, vermeiden, darüber zu sprechen, sie können sich nicht mehr konzentrieren, sind unruhig. Wie stark ein Polizist traumatisiert ist, hängt von seinem Einsatz ab: Hat er damit Schlimmeres verhindert oder hat er möglicherweise einen Unschuldigen getroffen? Auch seine psychische Stabilität vor dem Schuss ist entscheidend: Hat der Beamte ein gutes Selbstwertgefühl, eine Familie, die ihm beisteht?

Die Landespolizei Schleswig-Holstein hält seit vielen Jahren ein Betreuungsangebot für ihre Mitarbeiter bereit. Nach belastenden Einsätzen stehen psychologisch ausgebildete Betreuer, Ärzte und der Polizeiseelsorger für die Betroffenen zur Verfügung, erklärt Lothar Gahrmann vom Landespolizeiamt. Zudem würden die Beamten in der Ausbildung auf solche Situationen vorbereitet. Jeder Beamte muss jährlich vier zweitägige Ausbildungsblöcke absolvieren, in denen Gefahrenabwehr, Konfliktlösung und auch Selbstschutz sowie der Einsatz von Schlagstock und Schusswaffe trainiert würden. Gerade nach dem Amoklauf von Lörach im Jahr 2007 sei auch in Schleswig-Holstein die entsprechende Ausbildung inklusive des Schießtrainings intensiviert worden. Doch selbst wenn Einsatzkräfte schon im Vorfeld geschult werden und lernen, wie sie selbst in diesen Ausnahmesituationen reagieren und wie sie sich fühlen werden, kann es vorkommen, dass Polizisten so stark traumatisiert sind, dass sie nicht weiterarbeiten können.

Für andere ist es wiederum eine Chance: „Sie verändern sich, kümmern sich stärker um Familie und Freunde“, sagt Krüsmann. Das Thema psychische Belastung sei seit zehn Jahren stärker in den Vordergrund gerückt, darüber zu sprechen sei mittlerweile in Polizeikreisen wie auch bei anderen Einsatzkräften weitgehend akzeptiert. Früher mussten Polizisten noch Stärke zeigen, wie die Psychologin erklärt. „Man darf die Polizisten nicht krank reden, aber das Thema auch nicht tabuisieren“, sagt Krüsmann. „Viele Polizeibeamte, denen so etwas widerfährt, sind danach traumatisiert. Manche brauchen sehr lange, um das Erlebte zu verarbeiten", so ein Polizeigewerkschafter. Betroffene würden nach solchen Vorfällen höchst unterschiedlich reagieren. „Manche kommen schnell darüber hinweg, manche brauchen länger.“ Es gebe aber auch Fälle, in denen betroffene Beamte nicht mehr in der Lage seien, jemals wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Für die bliebe dann nur noch der Innendienst. In Einzelfällen sei es auch schon vorgekommen, dass Betroffene den Dienst quittiert hätten oder vorzeitig in den Ruhestand gegangen seien. In Schleswig-Holstein gibt es dazu jedoch keine konkreten statistischen Erhebungen, erklärt Polizeisprecher Gahrmann.

Der Husumer Beamte jedenfalls steht nicht allein – psychologisch und juristisch. „Wir stehen mit einem Anwalt in Kontakt, damit er auch eine gute Rechtsposition hat“, versichert GdP-Geschäftsführer Rehr gegenüber „Schleswig-Holstein am Sonntag“.

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