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Sicherheitsnorm der EU : Dicke machen Jahrmärkten das Leben schwer

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Eine EU-Norm könnte das Ende für gut die Hälfte der Fahrgeschäfte in SH bedeuten. Denn die Europäer werden immer dicker.

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 06:22 Uhr

Kiel/Flensburg | Rasante Karussellfahrten könnten auf Schleswig-Holsteins Jahrmärkten bald der Vergangenheit angehören. Schuld ist eine Sicherheitsnorm der Europäischen Union, die droht, das Schicksal der „fliegenden Bauten“ und Jahrmärkte zu besiegeln. Der Landesverband der Schausteller sagt bereits düstere Zeiten voraus: Gut „die Hälfte aller Fahrgeschäfte“ sei vom Aus bedroht, so Marco Lange, Fachberater für Fahrgeschäfte beim Verband.

Der Hintergrund der sogenannten DIN EN 13814 ist einfach: Die Europäer werden immer dicker; und Brüssel befürchtet, sie könnten zu schwer für Achterbahnen sein. Außerdem soll es in Europa einheitliche Standards geben. Die Schausteller müssen also aufrüsten – spätestens bis 2015. Bauteile, die vorher 75 Kilogramm aushielten, müssen künftig für 100 Kilo pro Person geeignet sein. Die Kosten gingen laut Verbandsvertreter Lange zum Teil in die Hunderttausende. „Das ist schon existenzbedrohend.“

Ob es so kommt, ist aus Sicht des Innenministeriums in Kiel noch offen. „Inwieweit bestehende Fahrgeschäfte tatsächlich nachgerüstet werden müssen, wird sich aus den Prüfungen ergeben“, so ein Sprecher. Laut dem zuständigen TüV Nord ist „das Prüfverfahren das gleiche wie bisher“. Nur die Parameter hätten sich geändert. Und im Innenministerium verweist der Sprecher in diesem Zusammenhang auch „auf das Alter einiger Fahrgeschäfte von mehr als 30 Jahren“. Die Restlebensdauer dieser Geschäfte, die nach der neuen Norm berechnet werden muss, sei „im Hinblick auf die Sicherheit der Fahrgäste nicht außer Acht“ zu lassen. 

Die Schausteller stören sich aber am deutschen Sonderweg. Während die anderen EU-Länder einen Bestandsschutz für alte Fahrgeschäfte gewähren, gelten die Regeln in Deutschland für alle Anlagen. „Deutschland ist von den Sicherheitsstandards her weltweit führend“, so Lange. Alle ein bis zwei Jahre würden die Fahrgeschäfte überprüft. Gerade diese „wiederkehrende Überprüfung“ ist laut Innenministerium aber der Grund, warum es keinen Bestandsschutz gebe. Korrekturbedarf sieht das Ministerium nicht. 

Neue Regelungen würden doch nur Sinn ergeben, „wenn sie europaweit wirkungs- und zeitgleich eingeführt und angewendet werden“, sagt hingegen Christopher Vogt, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion. „Auch in Deutschland muss es Übergangsregelungen geben, die einen entsprechenden Bestandsschutz für die Geschäfte bieten“, so der Kieler Oppositionspolitiker. Ähnlich äußerten sich die Piraten im Land und forderte ebenfalls Nachbesserungen und einen Bestandsschutz. Die europapolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, Angelika Beer, sagte, dass die Länder nun die Möglichkeit haben „bestehenden EU-Ressentiments durch eine Gesetzgebung mit gesundem Menschenverstand entgegenzutreten“.

Der europäische Verband der Schausteller lässt Deutschlands Sonderweg inzwischen rechtlich prüfen. Dessen Folgen werden bereits sichtbar: Dänische Anbieter verlieren nach Angaben des Schaustellerverbands nämlich ihr Interesse an den Jahrmärkten hierzulande. Die  deutschen Vorgaben sollen ihnen zu streng sein.

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