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CO2-Speicher : Dicke Luft und eine Drohung

vom

Der Energieversorger RWE Dea will Kohlendioxid im Untergrund speichern - und sucht das Gespräch mit den Bürgern. Doch die sind dagegen. Vehement. Szenen eines turbulenten Abends in Schafflund.

Schafflund | Es war die Minute, als alle Zwischen rufer und Trillerpfeifen verstummten. Später Donnerstagabend, Hotel "Utspann" in Schafflund bei Flensburg: Dieter Wolfrum geht zum Mikro, damit ihn alle 500 Menschen im Saal hören können. Der 68-Jährige aus Medelby im Kreis Schleswig-Flensburg schaut nach links. Dort steht ein Mann, der sein Sohn sein könnte. Wolfrum fixiert ihn so lange und schweigt, bis es still ist. "Darf ich Sie mit junger Mann ansprechen?", fragt er - und sagt: "Ich war 68er, wollte die Welt verändern. Später war ich im Ruhrgebiet und habe in Kohlegruben geschuftet. Ich war für Kohle. Ich war Techniker. Ich habe früher genau so geredet wie Sie. Jetzt bin ich fast 70, also wieder ein 68er. Ich bin gegen Kohle. Ich will nicht auf Kohlendioxid leben. Ich möchte das nicht. Ich habe Angst."
Totenstille. Wolfrum sagt das alles nicht provokant. Zwischen jedem Satz hält er inne. Er lässt seinen Nebenmann nicht aus den Augen. Er spricht zu ihm wie ein altersweiser Vater, der seinem Sohn aus dem Leben zitiert. Uwe-Stephan Lagies - er ist gemeint - wirkt ganz jung und ganz klein in dieser Minute. Der Konzernsprecher von RWE Dea weiß keine Antwort. Als einziger Offizieller trägt er eine Krawatte. Er steht da wie ein Konfirmand. 500 Menschen stehen auf und klatschen. Der Auftritt von Wolfrum ist der Höhepunkt eines hitzigen Abends. Der Energieversorger RWE Dea sucht das Gespräch mit den Leuten vor Ort. Die Leute vor Ort würden RWE Dea am liebsten zum Mond jagen, das CO2 hinterher. Sie sind gegen die Speicherung von Kohlendioxid im Untergrund. Punkt. Aus.
"Wo ist die Minderung?"
Die zweieinhalb Stunden von Schafflund zeigen, wie weit die Parteien auseinander liegen. RWE-Geophysiker Wolfgang Apel erklärt, warum der Konzern die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid für unverzichtbar und sicher hält. Mehrfach wird Apel lautstark unterbrochen. Apel: "Wir haben die Speichermöglichkeit ausgesucht, die unserer Meinung nach am sichersten ist." Trillerpfiffe, Gelächter. Apel: "Durch die Speicherung lässt sich die CO2-Menge bei der Stromproduktion bis 2050 um zehn Prozent mindern." Ein Mann schreit: "Wo ist die Minderung? Es ist doch da, auch wenn Ihr es verstecken wollt!" Trotz der feindlichen Stimmung bleibt Apel sachlich - selbst als er persönlich bedroht wird. "Sie stehen mit ihrem Namen dafür, wenn hier was schiefgeht", ruft ein Mann ihm zu. "Und Sie haften auch mit ihrem Leib und Leben."
Undenkbar, dass RWE Dea das für seismische Messungen nötige Gerät irgendwann auslegt, ohne dass es zu handfestem Widerstand kommen wird. Für die Erkundung müssten tausende Erdmikrophone und ein kilometerlanges Geflecht aus Kabeln über Tage verlegt werden. Sabotage programmiert, Krawalle wahrscheinlich, ein zweites "Brokdorf" nicht ausgeschlossen. Es sei weder eine Entscheidung gefallen, noch werde man die Bürger vor vollendete Tatsachen stellen, sagt Lagies. Ein langhaariger Mann geht nach vorn. "Bleib sachlich!", ruft einer. "Ich bleibe sachlich", sagt der Mann: "Warum lassen wir uns weiter von RWE Dea verarschen? Wir sollten aufstehen und nach Hause gehen."
21.18 Uhr, Abstimmung mit den Füßen. Die meisten Besucher verlassen kollektiv den Saal. Lagies spricht weiter, beantwortet Fragen, die man auf Zettel schreiben durfte. Dass sich Ministerpräsident Peter Harry Carstensen am Donnerstag für die CO2-Speicherung ausgesprochen hat, macht die Runde. Dieter Wolfrum sagt jetzt nur einen Satz: "Wir sind entsetzt."

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erstellt am 16.Jun.2009 | 08:41 Uhr

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