Empfang bei der Bundeskanzlerin : Deutschlands beste Schule steht in Bargteheide

Gruppenbild mit Merkel: Schulleiterin Angelika Knies freut sich mit Vize-Schulsprecherin Finja Jaquet (2. v. l.) und vier weiteren Schülerinnen  über die Auszeichnung durch die Bundeskanzlerin.
Gruppenbild mit Merkel: Schulleiterin Angelika Knies freut sich mit Vize-Schulsprecherin Finja Jaquet (2. v. l.) und vier weiteren Schülerinnen über die Auszeichnung durch die Bundeskanzlerin.

An der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Bargteheide gibt es keine Sitzenbleiber - und jeder schafft einen Abschluss.

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04. Juni 2013, 10:04 Uhr

BARGTEHEIDE/BERLIN | Die 15-jährige Finja Jaquet steht vorn auf der Bühne neben Angela Merkel und plaudert leise mit der Kanzlerin. Worum ging’s? "Ich habe sie von meinen Freunden gegrüßt - und sie hat gesagt, dass ich alle herzlich zurückgrüßen soll", erzählt die Neuntklässlerin und Vize-Schulsprecherin der Anne-Frank-Schule in Bargteheide. "Ist doch nicht schlecht, wenn man persönliche Grüße der Bundeskanzlerin mitbringen kann."
Das stimmt - aber noch besser ist der Grund, weshalb Finja am Montag zusammen mit vier Schulkameradinnen und ihrer Direktorin Angelika Knies in der Berliner Parochialkirche der Bundeskanzlerin begegnet: Die Anne-Frank-Schule hat dieses Jahr den mit 100 000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung gewonnen - die angesehenste Auszeichnung, die eine Schule hierzulande erlangen kann. Und Merkel verkündet beim live im Fernsehen übertragenen Festakt die Entscheidung der Expertenjury und überreicht dem Sieger die Trophäe. Leer gehen dagegen die Waldschule aus Flensburg und die Schule im Autal aus Sieverstedt im Kreis Schleswig-Flensburg aus, die es ebenfalls aus dem Norden in die Schlussrunde der besten 15 nach Berlin geschafft haben.

"Sitzenbleiben kennt man hier nicht"

Die Anne-Frank-Schule in der Stormarner Kleinstadt Bargteheide ist eine staatliche Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe und verpflichtendem Ganztagsbetrieb. Bis zur zehnten Klasse lernen alle Schüler gemeinsam. Damit entspricht die Schule nicht nur dem Ideal von Schleswig-Holsteins parteiloser Bildungsministerin Waltraud Wende, sondern hat auch die Jury des Schulpreises überzeugt. Vor allem loben die renommierten Bildungsfachleute, dass kein Jugendlicher zurückgelassen werde: "Sitzenbleiben, Schrägversetzungen oder andere Aussortierungen kennt man hier nicht", sagt Jurysprecher Michael Schratz von der Universität Innsbruck.
Seit neun Jahren ist an der Anne-Frank-Schule kein Junge oder Mädchen ohne Abschluss abgegangen - "mehr als die Hälfte sogar mit einem höheren als in der Grundschulempfehlung angegeben", hebt Schratz hervor. Die Lehrer würden ihren Schülern mehr zutrauen als die sich selbst. "Dadurch wachsen die Mädchen und Jungen buchstäblich über sich selbst hinaus", hat Schratz in den zwei Tagen beobachtet, in denen er und seine Jury-Kollegen die Schule besucht haben. Auch Finja Jaquet lobt die Motivationskünste ihrer Lehrer: "Es ist fantastisch, wie gut sie auf jeden Schüler individuell eingehen."

100.000 Euro Preisgeld

Die hohe Anerkennung musste sich die Anne-Frank-Schule mühsam erarbeiten. Als sie 1990 als integrierte Gesamtschule gegründet wurde, war sie umstritten. Der Unterricht startete zunächst mit nur sieben Lehrern in einem kleinen Einfamilienhaus. Inzwischen hat die Gemeinschaftsschule längst ein eigenes Gebäude, 67 Lehrer, 862 Schüler - und nach dem Eindruck der Jury "einen guten Ruf weit über ihr Einzugsgebiet hinaus". Die Nachfrage nach den Plätzen in den fünften Klassen ist jedes Jahr doppelt so hoch wie das Angebot. "Wir freuen uns, mit der Anne-Frank-Schule eine Schule auszeichnen zu können, die sich vom Außenseiter zum Vorbild entwickelt hat", resümiert Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert-Bosch-Stiftung. Sogar die ARD-Tagesthemen besuchten gestern die Schule.
Auch die Kieler Ministerin Wende freut sich über die Ehrung. "Die Anne-Frank-Schule ist ein Leuchtturm in der schleswig-holsteinischen Schullandschaft", kommentiert sie die Preisverleihung. Zugleich sieht sie sich in ihren Plänen für das neue Schulgesetz bestätigt: "Unser Weg des gemeinsamen längeren Lernens verbunden mit der individuellen Förderung unserer Schüler und Schülerinnen ist der richtige."

Und was passiert jetzt mit dem stolzen Preisgeld von 100 000 Euro? Schulleiterin Knies will darüber gemeinsam mit Kollegen. Eltern und Schülern beraten. Eines ist ihr allerdings klar: "Wir können noch besser werden." Daher will Knies zumindest einen Teil des Geldes in die Lehrerfortbildung stecken.

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