Serie „Untergang in Raten“ : Deutsch-Dänische Grenze: Die Rückkehr Zehntausender KZ-Häftlinge

Weiße Busse in die Freiheit – gekennzeichnet mit dem Roten Kreuz sowie mit der schwedischen Fahne: Die Ankunft der geretteten KZ-Gefangenen auf der Fähre im Hafen von Malmö. Wie auf dem Bild zu sehen, handelte es sich zumeist um freigelassene weibliche Häftlinge.
1 von 3
Weiße Busse in die Freiheit – gekennzeichnet mit dem Roten Kreuz sowie mit der schwedischen Fahne: Die Ankunft der geretteten KZ-Gefangenen auf der Fähre im Hafen von Malmö. Wie auf dem Bild zu sehen, handelte es sich zumeist um freigelassene weibliche Häftlinge.

In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende des 2. Weltkriegs auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde.

shz.de von
16. Mai 2015, 16:25 Uhr

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.
Ortstermin: Prof. Gerhard Paul besucht in dieser Serie Stätten der Erinnerung an die letzten Tage des „Dritten Reiches“ – hier das Denkmal von Graf Bernadotte in Dänemark kurz hinter der Grenze bei Krusau.
Staudt
Ortstermin: Prof. Gerhard Paul besucht in dieser Serie Stätten der Erinnerung an die letzten Tage des „Dritten Reiches“ – hier das Denkmal von Graf Bernadotte in Dänemark kurz hinter der Grenze bei Krusau.
 

Wer die deutsch-dänische Grenze Richtung Norden bei Kupfermühle/Krusau passiert, wird kaum noch auf den letzten verbliebenen, heruntergekommenen Erotik-Shop achten. Die Zeiten, da sich Urlauber verstohlen in die dänischen Läden mit dem Spezial-Angebot schlichen, sind seit dem Internet vorbei. Immerhin macht der Niedergang der Erotik-Branche den Blick am Ende der Ortsdurchfahrt Krusau frei für ein Denkmal. Verloren am Straßenrand steht dort auf einem Sockel in Lebensgröße die Statue von Graf Folke Bernadotte. Fragt man dänische Schulkinder, die 100 Meter Luftlinie von dem Denkmal entfernt auf dem Schulhof toben, wer dieser Graf wohl gewesen sei, fällt sofort die Antwort „De hvider busser“ – die weißen Busse.

Deutsche Schüler wüssten damit wohl wenig anzufangen. In Skandinavien dagegen hat sich die Rettungsaktion von rund 15  000 dänischen und norwegischen KZ-Häftlingen tief ins historische und kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Der erste Konvoi der aus den deutschen Lagern befreiten Gefangenen passierte am 12. März 1945 die deutsche Grenze in Kupfermühle.

„Viele Flensburger sahen plötzlich mit eigenen Augen, was sie davor allenfalls gerüchteweise über Konzentrationslager gehört hatten“, erzählt der Historiker Gerhard Paul. „Nun sahen sie die entkräfteten Häftlinge, die mit der Bahn oder mit Schiffen in der Fördestadt ankamen und in Gruppen Richtung dänische Grenze marschierten. Mancher hatte Mitleid mit diesen Menschen und gab ihnen unterwegs etwas zu essen oder zu trinken.“ Mit zynischer Geschäftsmäßigkeit reagierte die Reichsregierung auf die Berichte von den Häftlingstransporten. Großadmiral Dönitz, der bis zuletzt erklärte, von den NS-Gräueltaten nichts gewusst zu haben, ordnete eine Untersuchung durch das Reichsgericht an.

Graf Folke Bernadotte in der Uniform des Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes (1895-1948).
Graf Folke Bernadotte in der Uniform des Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes (1895-1948).

Unterdessen war eine Flotte von 40 weiß gestrichenen Bussen, 30 Lastwagen und 18 Krankenwagen, die von dänischer Seite bereitgestellt worden waren, unterwegs. Diejenigen, die auf diesem Weg aus dem Frauengefängnis in Hamburg oder aus dem KZ-Neuengamme, wo Häftlinge aus Dänemark und Norwegen zusammengelegt worden waren, nach Skandinavien zurückgeholt wurden, waren besser versorgt als jene KZ-Insassen, die zu Fuß in „Todesmärschen“, mit dem Schiff oder der Bahn in Flensburg, Kiel und Lübeck eintrafen. Zu den Konvois der weißen Busse gehörte ein Koch- und Krankenversorgungskommando. Dänische und schwedische Freiwillige hatten sich für diese Hilfsexpedition – ab Mai 1945 wurden neben den norwegischen und dänischen Gefangenen auch nicht-skandinavische KZ-Häftlinge aus deutschen Lagern evakuiert – zur Verfügung gestellt.

Ein diplomatisches und humanitäres Verdienst des Grafen Bernadotte. Doch gibt es viele Dänen, die das gleich nach 1945 errichtete Denkmal zu seinen Ehren in Krusau mit gemischten Gefühlen sehen. Die Leistungen des Grafen Folke Bernadotte, ein Neffe des schwedischen Königs und damals Vizepräsident des Schwedischen Roten Kreuzes, sollten nicht geschmälert werden, sagen Einwohner in dem Grenzstädtchen. Aber die erfolgreiche Rettungsaktion allein ihm zuzuschreiben, sei „Legendenbildung“. Dänemark habe kräftig mitgemischt. „Das Beispiel zeigt, wie stark die Erinnerungskultur bis heute national geprägt ist. Die Geschichte der Weißen Busse wird von Dänen meist anders erzählt als von Schweden oder von Deutschen“, sagt Prof. Paul.

Die Rettungsaktion „Weiße Busse“ stand am Ende des Krieges, der Überfall deutscher Truppen auf Dänemark und Norwegen am 9. April 1940 am Anfang. Ihm folgten immer mehr Verhaftungen und Deportationen von Juden und politischen Gefangenen in deutsche Konzentrationslager. Allein aus Dänemark wurden mehr als 6000 Menschen in deutsche Zuchthäuser und Konzentrationslager deportiert. Doch spätestens, als sich 1944 die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete, streckten dänische Unterhändler und eben Graf Folke Bernadotte ihre diplomatischen Fühler aus. Um Menschenleben zu retten, waren sie bereit, heimlich mit dem verhassten Nazi-Regime zu verhandeln. Die Gespräche wurden immer intensiver, weil ausgerechnet der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, der entscheidenden Anteil an den Gräueltaten hatte, nun glaubte, durch humanitäre Gesten das Vertrauen der Westalliierten erlangen und so auch seine eigene Haut retten zu können. „Er träumte wohl davon, dass er die bedingungslose Kapitulation abwenden könnte und sich Amerikaner und Briten im Kampf gegen den Bolschewismus mit Deutschland verbünden würden“, sagt Gerhard Paul. Noch Ende April 1945 traf sich der Reichsführer SS mit Graf Bernadotte in Lübeck. Der schwedische Emissär erklärte sich einverstanden, den westlichen Alliierten die Kapitulation Himmlers an der Westfront zu übermitteln. Während Tausende skandinavischer Häftlinge in den Weißen Bussen die deutsch-dänische Grenze passierten, brachte der britische Geheimdienst die Gespräche Himmlers mit Bernadotte über die BBC an die Öffentlichkeit. Der Reichsführer fiel bei Hitler in Ungnade, und auch Hitlers Nachfolger Dönitz zeigte ihm die kalte Schulter. Das Spiel war aus.

Die Straße neben dem Bernadotte-Denkmal in Krusau ist viel befahren. Die Weißen Busse scheinen Geschichte. Doch nicht ganz. Prof. Paul erinnert sich, wie er 1998 zu einer Buchvorstellung nach Tel Aviv flog. Im Flugzeug saß er neben einer alten Dame. „Wir kamen ins Gespräch, und dann erzählte sie, wie sie mit einem der Weißen Busse in die Freiheit fuhr. So etwas vergisst man nie“, sagt er. 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert