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Besuch beim Familiencircus Traber : „Der Zirkus ist unser Zuhause“

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Wie ist es, ein Leben lang auf der Reise zu sein? Ein Besuch bei zwei Zirkuskindern.

shz.de von
erstellt am 21.Jul.2017 | 19:32 Uhr

Bredenbek | Fast jeder Text in der Zeitung oder Online beginnt mit einer fett gedruckten Ortsangabe. Bei diesem Artikel ist das schwer, denn der Unterricht findet draußen statt – und das könnte überall in Schleswig-Holstein sein. Zwischen Wohnwagen und Zirkuszelt liest Trinity Traber an diesem Tag auf dem Sportplatz in Bredenbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) aus ihrem Lesebuch vor. Flüssig und genau kommen der Zweitklässlerin die Worte über die Lippen, ihr Lehrer Rolf Seehase-Dannemann muss die Achtjährige kaum korrigieren. Er ist eine sogenannte „Bereichslehrkraft für die Kinder beruflich Reisender “ – und damit die Konstante in Trinitys Schullaufbahn.

Sie und ihr zwölfjähriger Bruder Lukas sind Zirkuskinder. Von Ende März bis Ende Oktober besuchen sie jede Woche eine andere Schule in einer anderen Gemeinde, bei anderen Lehrern und anderen Mitschülern. Mittwochs ist beim Zirkus Platzwechsel, dann wird aufgebaut, am Wochenende ist zweimal Vorstellung, dann wird wieder abgebaut, und die Reise geht weiter in den nächsten Ort. „Es ist doch toll, wenn man immer neue Leute kennenlernt“, sagt Lukas, der wie seine Schwester immer die gleichen Fragen seiner neuen Klassenkameraden beantworten muss – etwa wie viele Tiere der Zirkus hat. „Ich sage dann immer: zwei Pferde, zwei Hasen und neun Tauben“, sagt Trinity.

Die Traber-Familie zieht im Sommer durch Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern, um so viel Geld zu verdienen, dass sie auch in der spielfreien Zeit davon leben kann. „Wenn das nicht klappt, müssen wir halt im Winter zum Amt“, sagt Mutter Yvonne. Das Zirkusleben ist nicht leicht, gerade für ein kleines Unternehmen wie dem der Familie Traber. Die Eltern Benno und Yvonne halten den Laden zusammen, mit ihren sieben Kindern. „Zwei wohnen schon“, sagt Yvonne Traber – und es klingt ein wenig wehmütig. „Wegen der Liebe haben sie den Zirkus verlassen.“

Der Rest der Familie kann und will sich kein anderes Leben vorstellen. „Reisen ist unsers“, versichert  Yvonne Traber, die  in den Zirkus eingeheiratet hat. Und wo ist die Heimat der Trabers? „In der Familie“, sagt Trinity. „Der Zirkus ist unser Zuhause“, ergänzt ihr Bruder. „Das ist wie bei anderen Leuten: Heimat ist da, wo unser Bett steht – nur dass es eben im Gegensatz zu anderen immer woanders steht“, erklärt Yvonne Traber.

Die Kinder kennen es nicht anders. Für den Zirkus ist es gut, dass sie örtliche Schulen besuchen. So werden die Menschen auf den Zirkus aufmerksam, und das bringt neue Gäste. Lukas zeigt ihnen dann die Wohnwagen und das Zelt – auf diesem Weg hätten sich einige Freundschaften entwickelt, die trotz der Entfernung halten, betont der Zwölfjährige. Kontakt hält er mit seinen Freunden über WhatsApp.

„Zirkus- und Schaustellerkinder sind oft sehr kommunikativ und kontaktfreudig“, weiß Rolf Seehase-Dannemann. Aber es sei eben auch schwer für sie, die Kontinuität in der Schule zu behalten. Die Schulen benutzen verschiedene Lehrbücher, in einer Klasse wird etwas behandelt, wovon die Zirkuskinder noch nie etwas gehört haben, in einer anderen langweilen sie sich. Die Fahrradprüfung etwa hat Lukas schon dreimal gemacht. „Beim letzten Mal war es gar nicht mehr schwer“, sagt er und grinst vielsagend.

„Ich versuche, den Lehrern zu erklären, dass sie die Zirkuskinder nicht in die letzte Reihe setzen sollen, damit sie dort einfach mitmachen, was die anderen Kinder gerade lernen“, sagt Seehase-Dannemann. Denn Zirkuskinder haben einen eigenen Lernplan, der meist in Zusammenarbeit mit ihrer Stammschule erarbeitet worden ist, die bei den Traber-Kindern in Boizenburg an der Elbe liegt, wo der Zirkus sein Winterquartier hat und die Kinder zwischen November und März jeden Tag zur Schule gehen.

Auf der Reise, in den sogenannten Stützpunktschulen, sollen die dortigen Lehrer in Schultagebüchern vermerken, was die Kinder im Unterricht behandelt haben. Das klappt mal besser und mal schlechter: In Lukas Heft haben die Lehrer manchmal nicht mal seinen Namen richtig geschrieben. „Ich muss da schon Überzeugungsarbeit leisten“, bedauert Seehase-Dannemann, der gemeinsam mit einem Kollegen 86 Schausteller- und Zirkuskinder im Norden betreut. Dadurch ist er selbst ein Reisender geworden, der die Kinder in den Schulen  besucht oder nachmittags mit ihnen lernt.

Überzeugen muss er nicht nur seine Kollegen, dass es sich lohnt, sich um die Zirkuskinder zu kümmern, auch wenn die nach wenigen Tagen wieder aus der Klasse verschwunden sind. Denn es gibt immer noch viele Schausteller, die einen Schulabschluss ihrer Kinder für unwichtig halten. „Die meisten sollen ja das Geschäft übernehmen, da reicht es vielen Eltern, wenn die Kinder nach neun Jahren die Schule verlassen und mit in den Betrieb einsteigen.“ Allerdings ändere sich diese Sichtweise mehr und mehr, sagt Seehase-Dannemann.

Die älteren Traber-Kinder haben alle einen Abschluss. Lukas soll in zwei Jahren die Zirkusschule in Nordrhein-Westfalen besuchen. „Das ist wie eine Fernschule, die Kinder können online lernen“, sagt Yvonne Traber. Das erspart ihr und ihrem Mann auch weite Wege vom Zirkusplatz zur nächsten Schule. „Und ich kann mehr für meine Auftritte proben“, ergänzt Lukas, der bereits als Artist und Clown in der Manege steht. Denn auch wenn er unbedingt einen Schulabschluss haben will, hat er nur ein Berufsziel: „Ich will zum Zirkus.“ Und zwar nicht zu irgendeinem. Lukas, der sich nun erst einmal auf die Ferien freut, deutet auf das Zelt hinter sich: „Zu genau dem hier.“

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