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Hohenschönhausen : Der weiße Fleck auf den Karten Berlins

vom

Dezember 1989: Bürger stürmen in der DDR zentrale Stasi-Einrichtungen. Das Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen bleibt verschont .

shz.de von
erstellt am 09.Dez.2009 | 05:51 Uhr

Berlin | Der Novemberwind faucht durch die Gänge, rüttelt an den schweren Stahltoren; von fern quietscht eine Tür in ihren Angeln. Aber so stark der Wind auch pfeift, hier ist er machtlos. Weder der Geruch, dieser sich in die Nase einbrennende Geruch von Des infektionsmitteln, billigem Plastik und Braunkohle - der Geruch der DDR - noch die alten Geister vermag er zu vertreiben. Einst war das Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ein Ort der Macht. Der Macht und des Terrors. Bis ins letzte Detail wurde hier Unterdrückung und Erniedrigung zelebriert. 55 Jahre lang.
Es begann 1945: Mit dem Ende des Krieges übernahmen die Sowjets an der Berliner Genslerstraße eine Großküche der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Nicht jedoch, um dort Essen zu kochen; stattdessen wurde auf dem Gelände das "Speziallager Nr. 3" errichtet. Es diente vornehmlich als Sammel- und Durchgangslager, von dem aus über 20 000 Gefangene in andere sowjetische Lager transportiert wurden. Etwa 3000 Menschen fanden hier 1945 und 1946 den Tod, sie waren zuvor als "feindliche Elemente", Terroristen und NSDAP-Angehörige verhaftet worden. Viele jedoch waren schlicht ein Opfer von Denunzianten geworden, wie der Schauspieler Heinrich George etwa.
Bald jedoch erregte die Haftanstalt in der Öffentlichkeit zu viel Aufsehen. Die sowjetische Besatzungsmacht funktionierte das Speziallager in ein zentrales Untersuchungsgefängnis um; aus dem ehemaligen Gemüsekeller wurden Gefangenenzellen - Häftlinge tauften es das "U-Boot". Die feucht-kalten Räume von etwa zwölf Quadratmetern waren mit einer Holzpritsche und einem Kübel ausgestattet; ohne Fenster, eine Glühbirne brannte Tag und Nacht. Zudem gab es Zellen für die chinesische Wasserfolter, bei der dem Gefangenen über Stunden Wasser auf immer dieselbe Stelle des Schädels tropft; eine Stehwasserzelle, in der der Gefangene nackt in einer vollkommen dunklen Zelle in etwa zehn Zentimeter hohem, eisigem Wasser steht - oft über Tage. Oder die Stehzelle: Sie maß etwa 30 mal 180 Zentimeter und war mit einer schweren Stahltür verschlossen. Ohne Frischluft, ohne Licht.
Nichts Privates blieb ihm, nicht einmal sein Name.
Die Sowjets übergaben das Gelände 1951 an das neu gegründete Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. In dem Sperrbezirk Hohenschönhausen im gleichnamigen nordöstlichen Berliner Stadtteil, der bis 1990 ein weißer Fleck auf den Straßenplänen Berlins war, errichtete das MfS die für Ermittlungen und Vernehmungen zuständige Hauptabteilung IX. Sämtliche von dem Ministerium geführten Ermittlungsverfahren gegen politische Häftlinge in der DDR liefen unter ihrer Leitung. Die Ermittlungsabteilung hatte 484 hauptamtliche Mitarbeiter - und mit Hohenschönhausen ein Untersuchungsgefängnis, das all ihren Ansprüchen Genüge tat. So bot es 120 Verhörräume bei 224 Einzelzellen.
Eine von ihnen, die 110, gehörte Wolfgang Arndt. 1980 wurde der gelernte Tiefbaufacharbeiter in Hohenschönhausen eingeliefert. Sprichwörtlich. In einem kleinen, fensterlosen, kastenförmigen Lieferwagen, Marke "Barkas B 1000". Außen waren Schriftzüge aufgemalt, die etwa für VEB Brot warben. Innen saßen, in winzigen, knapp einen Quadratmeter großen, blickdichten Zellen bis zu fünf Gefangene, bewacht von einem schwerbewaffneten Polizisten. Der Wagen war mit Arndt kreuz und quer durch Berlin gefahren, bevor die Türen plötzlich vor dem damals 22-Jährigen aufgerissen wurden. Gleißendes Licht blendete ihn. Arndt befand sich in der sogenannten Garagenschleuse eines Gefängnisses. Mehr wusste er nicht.
Von der Garage ging es in einen Vorraum, in dem Wolfgang Arndt gezwungen wurde, seine Identität abzulegen: Er musste seine Kleidung gegen einen marineblauen Trainingsanzug und die Schuhe gegen braun-karierte Schlappen eintauschen. Nichts Privates blieb ihm, nicht einmal sein Name. Fortan hieß Arndt nur noch "110" - entsprechend seiner Zellennummer. Auch die Worte wurden nun rar, bestanden größtenteils aus Befehlen wie "Aufstehen!", "Raustreten!", "Umdrehen!" Wirklich gesprochen hat mit Arndt allein sein Verhöroffizier - und der wollte nur eines: Namen. Arndt sollte die Namen seiner Komplizen preisgeben. Wer hatte dem Staatsfeind geholfen?
"Es war alles ausgemacht (...) doch dann wurde ich plötzlich verhaftet"
Das Verbrechen von Wolfgang Arndt? Er hatte sein Land verlassen wollen. "Die DDR - das war nicht meine Idee vom Sozialismus. Meine Großeltern waren Sozialdemokraten vom alten Schlag. Und mein Opa sagte immer: Das ist kein Sozialismus, sondern roter Faschismus."
Früh lehnte Arndt sich gegen das DDR-System auf, weigerte sich als Jugendlicher, den Jungpionieren und der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) beizutreten - weshalb er kein Abi tur machen durfte. Er schloss sich einer kirchlichen Bürgerrechtsbewegung an, stellte zahlreiche Ausreiseanträge. Als die alle abgelehnt wurden, wandte er sich an die Botschaften der USA und Großbritanniens sowie an die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR. "Es war alles ausgemacht und sollte losgehen, doch dann wurde ich plötzlich verhaftet", erzählt Arndt. Er war verraten worden. "Von meiner damaligen Frau, für 150 West-Mark."
Was Hohenschönhausen bedeutete, wurde dem neu angekommenen Häftling schon auf den Fluren klar. Nicht nur, dass jeder Abschnitt mit Gittertüren gesichert war und durch die Fenster wegen der Glasbausteine weder eine freie Sicht nach außen noch Orientierung möglich waren. An den Kreuzungen verschiedener Gangabschnitte regelte zudem ein Ampelsystem den Gefangenenverkehr, damit sich niemals zwei Häftlinge auf einem Flur begegnen konnten. Stand die Ampel auf Rot, wurde der Gefangene in einer Seitenzelle "geparkt", bis die Ampel auf Grün zurückgeschaltet wurde. Bisweilen auch darüber hinaus. An den Wänden der Gänge verlief zudem in Schulterhöhe ein lose hängendes Kabel, das alle fünf, sechs Meter mit Kontakten versehen war. Muckte ein Inhaftierter auf, brauchte sein Aufseher nur an dem Kabel zu ziehen, unterbrach so den Kontakt - und löste Alarm aus.
Auch geistiges "Futter" wurde ihnen verwehrt
Überhaupt zeichnete sich der Neubau durch eine völlig neue Form der Gefangenenführung aus. Hier wälte die MfS nicht mehr rohe körperliche Gewalt, um Geständnisse und Aussagen aus den Häftlingen herauszupressen. Hier setzten die Ermittler auf Psycho-Folter. Das begann beim Licht: Es brannte den ganzen Tag, wurde aber auch nachts eingeschaltet, weil alle 15 Minuten kontrolliert wurde, ob der Gefangene die vorgeschriebene Schlafhaltung - Rückenlage, beide Hände auf der Decke, Gesicht nach oben - eingenommen hatte. Lag ein Häftling nicht in der Schlafhaltung, wurde er geweckt. Das Bett durfte nur zwischen 21 Uhr und 6 Uhr benutzt werden, wodurch nächtlicher Schlafentzug über Verhöre und Ähnliches eher Wirkung zeigen konnte.
Zudem wurden die Gefangenen strikt voneinander isoliert, auch geistiges "Futter" wurde ihnen verwehrt - keine Bücher, keine Zeitschriften, nichts zum Schreiben. Eine Folter, die schnell Wirkung zeigte. Arndt, der heute Besucher durch die mittlerweile eingerichtete Gedenkstätte Hohenschönhausen führt, sagt über diese Form des geistigen Aushungerns: "Wir hätten Strickmuster auswendig gelernt, nur um nicht verrückt zu werden."
Trotzdem: Das U-Boot war noch nicht außer Dienst. In die Stehzelle wurde Arndt nach eigenem Bekunden einmal für mehrere Stunden eingeschlossen, in zwei der alten Zellen saß er für insgesamt 21 Tage verschärfter Haft ein - nur mit Holzpritsche und Kübel, ohne Frischluft oder Heizung.
"Es hat mir geholfen, hat mir etwas zu denken gegeben"
Die Verhöre konnten die Gefangenen Tag und Nacht ereilen. Auch sie waren bis ins Letzte durchkalkuliert. Der Verhöroffizier saß dabei hinter einem Schreibtisch mit Aufnahmegerät, Schreibmaschine, Telefon, zu seiner Rechten ein Geldschrank, in dem sich die Gefangenenakten, ein Schlagstock und bisweilen auch die Dienstwaffe befanden. Vor dem Schreibtisch war t-förmig ein weiterer Tisch aufgestellt, mit einem weiteren gepolsterten Stuhl. Hier konnten ein zweiter Vernehmer oder ein Zeuge Platz nehmen. Der zu Verhörende saß auf einem kleinen Holzhocker; dieser war so aufgestellt, dass er im toten Winkel der Tür stand, so dass der darauf Sitzende nie sehen konnte, wer zur Tür hereinkam.
Wolfgang Arndt verlässt den Verhörraum wieder. Auf dem Flur davor, in dem sich ein solches Zimmer an das andere reiht, wirkt der heute 50-Jährige ein wenig verloren. Verwachsen mit diesem Ort und zugleich nicht dorthin gehörend. Der Wind pfeift, wieder quietscht eine Tür, fällt krachend ins Schloss zurück. Die Atmosphäre ist unheimlich, voller Gespenster. Der Blick fällt auf Arndts Brust. Über dem gestreiften, dunklen Pullover hängen zwei lange, bernsteinfarbene Gebetsketten und ein auf Emaille gemaltes buddhistischen Meditationszeichen. Arndt hat seinen Frieden im Buddhismus gefunden, hat so seinen Weg erkannt, die Geister von einst zu bannen. "Ich habe mir immer gesagt, dass die auch nicht in Uniform zur Welt gekommen sind - und mich gefragt, was sie bloß zu solchen Menschen gemacht hat. Das hat mich davon abgehalten, verrückt zu werden. Es hat mir geholfen, hat mir etwas zu denken gegeben."
Vor allem als Wolfgang Arndt in die Gummizelle gesperrt wurde - einen mit dickem schwarzem Gummi ausgepolsterten kreisrunden Raum, in dem es keine einzige Lichtquelle gibt, kein Bett, keinen Kübel, keine Frischluft. Dafür aber versteckte Mikrofone, die jedes Wort, jeden Seuzfer des Gefangenen aufzeichneten. Zwölf Tage hat Arndt dort verbracht. Weil er "durchgedreht" war. Der Verhöroffizier hatte ihm damit gedroht, seine Familie in Sippenhaft zu nehmen, sollte Arndt nicht endlich die geforderten Namen preisgeben. Stattdessen hatte dieser mit einem Wisch alles vom Schreibtisch des Verhörers gefegt, hatte rumgeschrien, um sich geschlagen - bis er von Dr. Horst Böttger, dem Arzt von Hohenschönhausen, mit einer Spritze schachmatt gesetzt wurde. Erst in der Gummizelle sei er wieder aufgewacht. An den Folgen dieser und einiger weiterer Spritzen leide er heute noch, sagt Arndt. Er habe unter anderem zwei Bypässe.
Körperliche Haftschäden und wiederkehrende Panikattacken
Wolfgang Arndt wurde schließlich wegen versuchter Republikflucht zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Von Hohenschönhausen kam er ins Gefängnis nach Frankfurt/Oder, Cottbus und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). 1981 wurde er dort, nach einem Jahr und zehn Monaten in DDR-Haft, von der Bundesrepublik freigekauft. Er ist aufgrund körperlicher Haftschäden - zu denen neben den Bypässen unter anderem wiederkehrende Panikattacken und ein nach einem nicht versorgten Bruch schief zusammengewachsener Finger gehören - nicht mehr in der Lage, seinen erlernten Beruf auszuüben. Bis heute wartet er auf eine Antwort seiner einstigen Peiniger nach dem Warum - auch wenn er ihnen vergeben hat. Um zu verarbeiten, führt Wolfgang Arndt Besucher durch seine einstige Hölle.
Die für Ermittlungen und Vernehmungen zuständige Hauptabteilung IX und das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen wurden beim Sturm auf die Stasi-Einrichtungen im Dezember 1989 schlicht vergessen. Sie waren ein weißer Fleck auf den Karten, von der Existenz des Gefängnisses wussten nur Eingeweihte. Und so wurde der letzte Häftling nach Auskunft der heutigen Gedenkstätte Hohenschönhausen noch am 13. Dezember 1989 eingeliefert; er wurde am 22. Dezember wieder entlassen.
Als die Stasi Anfang 1990 aufgelöst wurde, übernahm das Ministerium des Inneren das Gefängnis - und führte es noch bis zum 3. Oktober 1990 weiter, also bis zur Auflösung der DDR.
Dr. Horst Böttger, 1978 bis 1988 forensischer Psychiater im Stasi-Gefängnis, praktiziert unbehelligt weiter als Neurologe in Berlin-Hohenschönhausen.

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