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Paläontologie : Der Walforscher aus Lübeck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er hat Lübeck zum Ruf als Urwal-Metropole verholfen und kann die 120 Knochen eines Wals unterscheiden: Gerhard Höpfner ist Walforscher und hat schon so manches Skelett freigelegt.

Knochen, Muscheln, Schnecken; Fossilien, wohin der Blick fällt in diesem Lübecker Wohnhaus. Hier lebt ein Walforscher, der Walforscher. Vor 30 Jahren barg Gerhard Höpfner mit Helfern in der Lehmgrube von Groß Pampau (Kreis Herzogtum Lauenburg) seinen ersten Bartenwal; und gerade erst präsentierte er mit den Skeletten eines weiteren Bartenwals und eines Zahnwals die jüngsten Funde. Der „Pampao“ wird er genannt. Denn Höpfner, 2012 mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, hat nicht nur den Norden zum paläontologischen Dorado gemacht, sondern Lübeck zum Ruf als Urwal-Metropole und dem Museum für Natur und Umwelt zu weltweiter Anerkennung verholfen.

Er hat es ausgerechnet: 3000 Stunden Arbeit investiert er in ein großes Walskelett. Knochen zu finden, ist das eine, das geschieht in aller Regel, wenn in der Pampauer Grube Lehm abgebaut wird. „Alle 25 Meter liegt da was“, sagt er und will eigentlich auch gleich los in seine „Hausgrube“. Man ruft ihn, wenn etwas auftaucht, so wie der eigentlich nach Muscheln suchende Hamburger Architekt Andreas Malchow, der plötzlich den Wirbel eines Sechs-Meter-Bartenwals in der Hand hatte.

Akribisch wird jeder Fund dokumentiert und der Zustand bestimmt. „Ist der stabil, kann er raus aus dem Ton, wenn nicht, wird er mit aushärtendem alkoholverdünnten Kunststoff vor Ort behandelt.“ Und dann? „Dann kommen die Knochen zu mir nach Hause.“ Hier wird gereinigt, zusammengesetzt, mit Holzleim fixiert. Der jüngst gefundene Bartenwal lag da als Sechs-Meter-Puzzle unter dem Vordach. Allmählich wird klar, dass Ehefrau Marion nicht nur Verständnis für eine raumgreifende, sondern auch zeitintensive Leidenschaft hat.

Denn eigentlich „und gerne!“ ist Höpfner Lehrer für Farbtechnik und Raumgestaltung. Der pädagogische Auftrag treibt ihn aber auch bei der Walforschung. „Wenn es um Eiszeit und fossile Geologie geht, sind Lehrer doch gar nicht ausgebildet. Das Museum kann da gezielt vermitteln.“ Für ausreichend Material hat er jedenfalls gesorgt: Was es im Lübecker Museum für Natur und Umwelt an Geschiebe gibt, stammt bis zu 90 Prozent von ihm. Und es waren auch keine Wale, die er im Kopf hatte, als er begann, im Paumpauer Lehm zu wühlen. Dann schlug der erste Knochenfund im Glimmerton in der Fachwelt ein wie eine Bombe. „Bis dahin war Schleswig-Holstein ein Niemandsland der Paläontologie“, sagt er. „Heute schaut alles auf Norddeutschland als ganz neues Forschungsgebiet.“

Goldgräberstimmung gepaart mit Pioniergeist muss es wohl gewesen sein, was den Autodidakten angetrieben hat. „Normalerweise sind solche Grabungen und Bergungen Universitäten vorbehalten.“ Für seinen ersten Fund holte sich Höpfner – „ich wollte ja nichts falsch machen“ – noch Unterstützung aus Hamburg, dann bildete er sich selbst zum Spezialisten, entwickelte eigene Bergungs- und Konservierungsmethoden. „Wenn ich einen Knochen sehe, weiß ich, was das ist“, sagt er selbstbewusst und behauptet, dass das auch kein großes Kunststück sei, weil ein Wal ja „nur“ 120 Knochen habe.

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erstellt am 06.Okt.2013 | 13:36 Uhr

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