Sterbebegleiter : Der Tod als Lebensthema

Hannelore Ingwersen in ihrem Garten mit Meerblick.
Hannelore Ingwersen in ihrem Garten mit Meerblick.

Wer sich beruflich mit Sterben und Trauer befasst, kann trotzdem ein fröhlicher Mensch sein. Hannelore Ingwersen aus Neukirchen ist der Beweis.

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23. November 2013, 16:23 Uhr

Steinbergkirche | Bei sonnigem Herbstwetter durch die Angelner Küstenlandschaft zu radeln, macht Kindheitsträume wahr, eine Bilderbuchschönheit voller Reetdachhäuser, von Dorf zu Dorf. Hier lebt eine Frau, die sich seit 23 Jahren hauptberuflich mit dem Tod beschäftigt. Neukirchen (Kreis Schleswig-Flensburg) liegt am Ende der Welt, und hier trifft man auf das „Lebensatelier Sophia“. „Hier lebt Hannelore Ingwersen“, steht auf einem weißen Schild mit Handschrift, nicht „wohnt hier“. Diese Unterscheidung hat sich schon Ikea zunutze gemacht.

Ihre Wohnung ist durchdrungen vom Küstenpanorama, ein optischer Rausch. Heute arbeitet Hannelore Ingwersen freiberuflich in der Supervision von Trauer- und Sterbebegleitern und leitet Seminare für Menschen in sozialen Berufen. Wie findet man dabei ein seelisches Gegengewicht? „Ich lebe gerne und sehr intensiv, gerade durch den Kontakt mit dem Tod, so nah an der Verletztlichkeit“, sagt sie. Türkis strahlt aus ihrer Halskette, von ihren Ohren, unter den Augenlidern. Türkis saugt Schmerz auf, sagen die Indianer.

Ihr Leben hat sie frontal auf dieses Thema hingetrieben, mit 26 Jahren verlor sie ihr erstes Kind, es starb wenige Tage nach Geburt. Die stärkste Hilfe in ihrem Leben seien Träume gewesen, wieder ein Satz, der kennzeichnend ist. In der ersten Nacht nach dem Tod sagte das Kind zu ihr: „Es geht mir gut, sorge dafür, dass es dir auch gut geht.“ Hannelore Ingwersen bekam zwei Jahre später eine Tochter, die heute 31 Jahre alt ist, und vier Jahre später erlebte sie eine Totgeburt. Heute fühlt sie sich sehr frei von Trauer, „dadurch, dass ich hineingegangen bin. Es gibt nur einen Weg aus der Trauer raus, nämlich durch die Trauer hindurch.“

Der Schmerz war überwältigend, sie holte sich viel Hilfe. Es sollte ein Ja! zum Leben werden, sie wollte es schaffen, gut zu leben. Sie nahm an einer Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern teil. „Wenn ich da jemals durch komme, dann mache ich was damit!“ Wie eine Auferstehung habe sie eine Kraft in sich gespürt, das war nicht nur sie selbst.

Als Sozialpädagogin arbeitete sie im Flensburger Krankenhaus, machte eine klinische Seelsorge-Ausbildung. Sie betreute Schwerkranke, Sterbende, Trauernde, baute eine Gruppe für Trauernde auf und übernahm 1996 für zwölf Jahre die Leitung des Katharinen-Hospizes am Christiansenpark in Flensburg. In einer ganz anderen Atmosphäre als im Krankenhaus finden Menschen dort Ruhe. Trauer brauche Gemeinschaft und Zeit, erklärt sie. „Es ist fast wie eine Gegenbewegung, dass die Seele immer langsamer wird. Heute dauert Trauer länger als früher, weil ihr das Tempo nicht guttut.“

Viele Menschen könnten mehr Lebendigkeit erlangen durch das Zulassen und Ausleben der Trauer, Trauer sei eben auch intensives, pures Leben. In unserer Kultur kennen wir keinen Umgang mit der Klage, eine Skulptur von Ernst Barlach „Die Klage“, hält sich den Mund zu – in Afrika hingegen erlebte Hannelore Ingwersen bezahlte Frauen, Klageweiber, die schreien und heulen. Sie helfen den Menschen, in den Schmerz zu kommen. Es ist hilfreich, den Schmerz rauszulassen, er hängt sonst im Körper fest.

Sie hat die Erfahrung gemacht, erzählt sie, dass es zwei Welten gibt, zu denen wir Zugang haben. Wir wechseln im Tod die Welten, Hannelore Ingwersen ist sich sicher, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Ihr haben die schweren Verluste eine Tür geöffnet. Zwischen Lebenden und Toten gibt es ein Zwischenreich – nach einer gewissen Zeit schließt die Tür sich wieder, meint sie. Hannelore Ingwersen kann immer wieder mitgehen in diese Erfahrung – und zurückkommen. Irgendwo braucht man Halt, sicherlich. Eine wichtige Frage für sie: „Fühle ich mich eingebunden in die Schöpfung?“ Die Natur hat ihren Rhythmus vom Werden und Vergehen, auf dem Land erlebt jeder das hautnah mit. Hannelore Ingwersen geht spazieren, schläft viel, meditiert. Sie fühlt sich im Alltag sehr geführt, lebt selbstverständlich mit Gott in einer hörenden, empfangenden Haltung. Fast jeden Tag geht sie zum Wasser runter.

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