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Blitzmarathon : Der Tag der Schleicher ist vorbei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Polizisten und Forscher überlegen: Hat der Blitzmarathon eine nachhaltige Wirkung? Dazu könnte es eine Vergleichsmessung geben. An den gleichen Stelle – aber ohne Ankündigung.

Kiel | Den Blitz hat sie nicht gesehen. Margit Tetsch guckt deshalb irritiert als Polizeimeisterin Sarah Wöhlk sie in der Büsumer Straße in Rendsburg nach den Fahrzeugpapieren fragt. „Sie sind mit 42 km/h geblitzt worden, und hier gilt ein Tempolimit von 30. Haben Sie nichts von dem Blitzmarathon gelesen?“, fragt die 27-Jährige. Da fällt es Margit Tetsch wieder ein: „Stimmt, das ist ja heute. Ich habe das glatt vergessen, wollte nur schnell den Wagen in die Werkstatt bringen.“

Vielen Schleswig-Holsteinern, die bis heute früh in eine der über 80 aufgestellten Radarfallen geraten sind, wird es ähnlich gehen. „Die Masse der Leute fährt deutlich langsamer. Es ist der Tag der Schleicher“, sagt Polizeisprecher Lothar Gahrmann erfreut. Ziel sei es ja gewesen, dass die Leute vom Gas gehen. Das habe noch besser geklappt als bei der Premiere des Blitzmarathons vor einem Jahr als ebenfalls alle Messpunkte im Vorweg bekannt gegeben wurden.

In diesem Jahr konzentriert sich die Polizei vor allem auf Messungen vor Schulen, Kindergärten und Altenheimen – aus gutem Grund. „Eine Mutter mit drei Kindern an Bord, die im Schulwegbereich mit 59 km/h statt erlaubter 30 km/h ertappt wurde, gab an, sie habe es schlicht eilig gehabt“, so Gahrmann. Sogar Zufallsfänge macht die Polizei, etwa in Eggebek (Schleswig-Flensburg), wo Beamte sich eine Verfolgungsjagd mit einem 21-jährigen drogenberauschten Raser liefern, der ihnen auf seinem umgebauten Mofa zeitweilig mit Tempo 65 davon fährt, später aber in seiner Wohnung gestellt wird.

„Was wir hier machen, ist keine Wegelagerei oder modernes Raubrittertum“, sagt Innenminister Andreas Breitner (SPD), der sich in seiner Heimatstadt Rendsburg ein Bild von der Lage macht. „Der Blitzmarathon ist kein Allheilmittel, sondern ein Zeichen an die Menschen: Denkt dran und rast hier nicht wie blöd.“ Breitner lässt keinen Zweifel daran, dass es den Blitzmarathon auch 2015 in Schleswig-Holstein geben wird. Dann müsse man überlegen, ob die Bürger wie in anderen Ländern Standorte für Radargeräte vorschlagen können. „Wir wollen eine nachhaltige Wirkung erzielen“, sagt Breitner.

Ob es diese wirklich gibt, ist unklar. Polizisten, die regelmäßig an Radargeräten stehen, berichten, dass Raser nach Ende des Marathons wieder genauso aufs Gas treten wie vorher. Eine Studie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen besagt jedoch das Gegenteil. Die Forscher um Dr. Dirk Kemper haben vor und nach dem Blitzmarathon in Nordrhein-Westfalen an einigen Stellen gemessen und einen Trend ermittelt: „Die Leute fahren nach dem Blitzmarathon auch noch langsamer, die mittleren Geschwindigkeiten sind gesunken und vor allem die hohen Überschreitungen sind deutlich zurückgegangen“, so Kemper.

Dennoch: Die Gewerkschaft der Polizei im Norden kritisiert den Blitzmarathon als „Luxus“. Angesichts der noch nie da gewesenen angespannten Personalsituation, müsse man auf solche Veranstaltungen verzichten, sagt Landeschef Manfred Börner. Er fordert „Geschwindigkeitsmessungen, aber nicht fokussiert auf einen Tag, sondern ständig und unvorbereitet“. Breitner sagt dazu, er nehme die Kritik ernst, aber dass der Marathon seinen Sinn hat, daran lässt er keinen Zweifel.

Einen weiteren, unangekündigten Blitzmarathon an den gleichen Stellen, will er prüfen. So könne man ermitteln, ob die Aktion etwas bringt. Allein: Die Polizei hält das nicht für leistbar. „So eine Aktion wie den Blitzmarathon können wir nicht beliebig wiederholen, das wäre ein zu großer Aufwand“, sagt Einsatzleiter Axel Behrens, der ein paar Meter neben Breitner in der Büsumer Straße steht.

Dort stoppen Sarah Wöhlk und ihre Kollegen in vier Stunden nur vier Autofahrer und belehren sie. Margit Tetsch gibt ihren Fehler zu. „Tut mir leid“, sagt sie. Die Straße sei aber auch ruhig. „Das täuscht, Kinder nutzen sie als Schulweg, das ist ein Unfallschwerpunkt“, sagt Behrens. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe es dort elf Unfälle gegeben. Immer wieder sei zu hohes Tempo die Ursache gewesen.

Margit Tetsch kommt nach Abzug der Toleranz mit einem Bußgeld von 15 Euro davon, und versteht nur eines nicht: „Mein Mann ist vor mir gefahren und wurde nicht geblitzt.“ Der grinst nur und sagt: „Ich fahre vielleicht etwas genauer als meine Frau.“

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erstellt am 19.Sep.2014 | 07:51 Uhr

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