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Trauma nach Auslandseinsatz : Der Soldat, der zuhört

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Soldaten, die von Auslandseinsätzen zurück nach Schleswig-Holstein kommen, sind traumatisiert. Helfen können ihnen Moderatoren der Bundeswehr.

shz.de von
erstellt am 01.12.2013 | 18:00 Uhr

Schleswig | Sie bekommt die Bilder einfach nicht aus dem Kopf. Ein junges afghanisches Mädchen, das mit schwersten Brandverletzungen in das Krankenhaus in Masar-i-Sharif eingeliefert wird. Die junge Soldatin behandelt das Kind, rettet ihm das Leben, öffentlich spricht sie nie darüber. Noch drei Jahre später beschäftigt sie das Schicksal des Mädchens so sehr, dasss sie bei einem neuen Einsatz in Afghanistan nachforscht – und erfährt, dass der Vater seine Tochter getötet hat, weil sie mit den Brandverletzungen für ihn wertlos geworden war. Die Soldatin ist geschockt, ja traumatisiert, aber wieder spricht sie nicht darüber, auch nicht nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, wo sie wie alle Bundeswehrsoldaten, die im Ausland waren, ein Einsatznachbereitungsseminar (ENS) besuchen muss. Erst am Abend nach Ende des ENS offenbart sie sich dem Soldaten, der als Moderator das Seminar leitet. Und erst danach findet sie den Mut, mit Vorgesetzten über das Erlebte zu sprechen – und sich professionelle psychologische Hilfe zu holen.

Es sind Fälle wie diese, die Moderatoren aus Schleswig-Holstein erzählen, die Soldaten betreuen, die von Auslandseinsätzen zurückkommen. Arne Olaf Jöhnk aus Schleswig ist so einer. Der 35-jährige Major aus Schleswig war selbst sieben Mal in Afghanistan, seit über zehn Jahren veranstaltet er ENS. Die sind verpflichtend für alle Soldaten am Ende ihres Einsatzes. „Und das ist auch gut so“, sagt Jöhnk.

Doch die Moderatoren können nicht alles erkennen, wie eine Studie belegt, die diese Woche vorgestellt wurde. Demnach wird nur bei jedem fünften Soldaten, der traumatisiert aus dem Einsatz zurückkommt, eine psychische Störung erkannt. Die Dunkelziffer derjenigen, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden, ist groß. Warum das so ist, versucht ein Kollege von Arne Olaf Jöhnk zu erklären, der lieber anonym bleiben möchte. „Viele Kameraden haben Angst vor Karrierenachteilen, wenn ihre Vorgesetzten erfahren, dass sie psychische Probleme haben“, sagt der Moderator, der im ganzen Norden ENS abhält. Dazu dominiere in der Bundeswehr oft noch das Image des harten Soldaten, der solche Probleme nicht kennt, nicht kennen darf. „Bei der Polizei ist es bestimmt ähnlich.“

Arne Olaf Jöhnk sagt: „Es ist schwer, in die Köpfe der Soldaten zu bekommen, dass sie sich dem Thema PTBS stellen dürfen.“ Dabei habe sich in den letzten Jahren viel getan in der Bundeswehr. „Es wird genauer hingeschaut – deswegen gibt es in den Statistiken auch mehr Fälle.“ Jeder bekomme Hilfe, wenn er sie denn wolle. Die Bundeswehr biete auch in den Einsatzorten psychologische Unterstützung – vor allem für die, die direkt an Kampfhandlungen beteiligt waren oder Anschläge miterlebt haben. Zu den ENS kommen dann die „normalen“ Soldaten. Arne Olaf Jöhnk muss grinsen, wenn er diese Worte hört. „Was ist schon normal?“, sagt er. Jeder Mensch nehme Situationen unterschiedlich wahr. Für den einen beginne ein Trauma schon, wenn er sich an einen bestimmten Geruch aus dem Einsatz erinnere, einen anderen lasse das kalt. „Wir wollen niemanden in eine Krankheit quatschen“, sagt Jöhnk. Aber dass viele Soldaten häufiger an den Einsatz denken, sei klar. „Flashbacks, Schlafstörungen, Beziehungs- und Suchtprobleme – das kommt alles vor.“

Und es gibt eben auch die, die das nicht wahrhaben wollen. „Es gibt Soldaten, die sich immer wieder zum Einsatz melden, bei manchen habe ich den Verdacht, dass sie auf der Flucht sind“, sagt Jöhnk. Niemand kann sicher sein, dass die Moderatoren immer erkennen, was mit ihren Kameraden los ist. „Wir sind keine Psychiater“, sagt Jöhnk. Alle Moderatoren machen den Job freiwillig. Laut der Studie, die der Bundestag in Auftrag gegeben hat, geht jeder fünfte Soldat schon psychisch belastet in den Einsatz, obwohl alle nach den Richtlinien der Bundeswehr gesund sein sollen. Durch die Belastungen des Einsatzes könne sich eine psychische Störung verstärken, erzählen die Moderatoren.

Aber wie viele von den Soldaten, die sie in einem ENS erleben, sind traumatisiert? Ein Bruchteil sei das, sagt Jöhnk. „Vielleicht fünf Prozent.“ Die Moderatoren haben Schweigepflicht. Wenn der Soldat es nicht will, dürfen sie den Vorgesetzten nicht über dessen Probleme informieren. „Jeder muss sich helfen lassen wollen“, sagt Jöhnks Kollege, der Fälle kennt, in denen genau das nicht passiert. Und er erzählt die Geschichte eines Soldaten, der in seinem ENS von einer Fußpatrouille in Afghanistan erzählen soll und „dem gleich das Wasser aus dem Gesicht schoss“. Aufgesprungen sei der Soldat, habe in die Runde gebrüllt, „dass hier nur keiner glauben soll, dass ich belastet bin“. Inständig habe er auf den Mann eingeredet, sagt der Moderator. Er wisse doch, dass bei ihm etwas nicht in Ordnung sei und er professionelle Hilfe brauche. Am Ende habe der Soldat ihm zögerlich zugesagt, dass er sich die holen wolle. Ob er es je getan hat, weiß der Moderator bis heute nicht.

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