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Düppeler Schanzen : Der Sieg überlegener Technologie

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Der preußisch-österreichische Sieg von 1864 über Dänemark gilt als Sieg des modernen deutschen Zündnadel-Gewehrs. Doch viel entscheidender waren verschlüsselte Telegraphie, leistungsstarke Lokomotiven und überlegene Krupp-Kanonen.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2014 | 18:01 Uhr

Flensburg | Der Krieg um Schleswig-Holstein wurde schon lange vor der Schlacht um die Düppeler Schanzen entschieden. Ausschlaggebend war der preußisch-österreichische Schlachtplan, nach dem die Österreicher die Wallanlagen des Danewerks frontal angreifen sollten, während die Preußen die Schlei überschreiten, die Dänen von hinten umgehen und einschließen sollten. Die Dänen hatten sich auf den Frontalangriff vorbereitet und über Jahre die schon im Mittelalter genutzte Verteidigungslinie zwischen Schlei und Treene mit riesigem Aufwand zu einem der modernsten Festungswerke Europas ausgebaut. 35.000 Soldaten sind hier zusammengezogen. Zur Abwehr der preußischen Sichelbewegung hätte de Meza jedoch 50.000 gebraucht. Er gibt den Befehl zur kampflosen Räumung und lässt gewaltige Werte zurück: 135 Geschütze, 113 Zentner Pulver, 136.000 Schuss Munition, Unmengen an Werkzeug, Decken, Stroh, Heu, Holz und Speck.

Viel verheerender sind jedoch die fehlerhafte Kommunikation zwischen Heerführung und Regierung sowie der psychologische Aspekt. Dänemarks König Christian IX. und Ministerpräsident Monrad sind trotz eines mehrtägigen Besuchs auf Schloss Gottorf und am Danewerk ahnungslos. Sie verlassen die Front am 4. Februar in dem Glauben, dort werde die Entscheidungsschlacht stattfinden. Selbst das Kriegsministerium in Kopenhagen ist nur 221 Kilometer Luftlinie entfernt, doch de Meza kann nur unverschlüsselte Nachrichten telegrafieren. Obwohl Berlin 362 Kilometer weit weg ist und Wien sogar 873 Kilometer, sind die dortigen Regierungen und Ministerien ständig informiert.

Grund war der 1837 von Samuel Morse konstruierte und 1844 verbesserte Schreibtelegraf. Bereits um 1850 hatte sich Morses Technik auf den deutschen Telegrafenlinien, die sich in wenigen Jahren zu einem zusammenhängenden Netz geschlossen hatten, durchgesetzt. Dadurch konnten die Alliierten ihre Nachrichten codieren, während die Dänen zumeist den 1835 von Paul Freiherr Schilling von Canstadt in St. Petersburg entwickelten Nadeltelegrafen verwendeten, der über die Zahlen eins bis zehn nur klare Schrift übermittelte.

Der Rückzug vom Danewerk bewahrte zwar die dänische Armee vor der Vernichtung, erschütterte aber das Vertrauen der dänischen Öffentlichkeit, den Deutschen die Stirn bieten zu können. Schließlich genoss der Verteidigungswall mythologisch seit 1000 Jahren einen hohen Stellenwert. An dem Trennriegel wurden schon zu Zeiten Karls des Großen Übergriffe aus Mitteleuropa aufgehalten. Der Rückzug kostet Generalleutnant de Meza den Posten, Nachfolger wird Georg Daniel Gerlach.

Wie wenig das Zündnadelgewehr den Kriegsverlauf beeinflusst, zeigt sich am 6. Februar 1864. General Ludwig von Gablenz nimmt nach dem nächtlichen Abzug der Dänen vom Danewerk zunächst Schleswig ein – und dann die Verfolgung auf. Die Gegner haben anfangs etwa acht Stunden Vorsprung. Bei Oeversee – gut zehn Kilometer vor Flensburg – ereignet sich zwischen der dänischen Nachhut und den Alliierten eines der schwersten Gefechte des Krieges. Dänische Einheiten haben sich bei einem Höhenkamm am Sankelmarker See postiert, um die Verfolger an der engen Stelle zwischen Hügeln und Gewässer aufzuhalten. Trotz der höheren Feuerkraft der Angreifer behalten die Dänen zunächst die Oberhand. Erst in einem blutigen Bajonett-Kampf Mann gegen Mann werden sie zurückgeschlagen. Die Bundestruppen zahlen einen hohen Preis: 95 von ihnen fallen, 346 werden verwundet. 40 Dänen kommen um, 134 werden verwundet, 600  gefangen genommen. Am nächsten Morgen ziehen Flensburger Bürger aufs Schlachtfeld hinaus, um sich ungeachtet der Nationalität um die Verletzten und Toten zu kümmern.

Während sich die dänischen Truppen nach Düppel und Fredericia zurückziehen, fordert Prinz Friedrich Karl, Oberbefehlshaber des alliierten I. Korps, in Berlin die Lieferung von schwerem Belagerungsgeschütz an. „Es geht hier fortwährend Kriegsmaterial aller Art hindurch, bisher sämtliches aus preußischen Festungen“, schildert die „Schleswig-Holsteinische Zeitung“. Damit ist vor allem Artillerie gemeint, Ausrüstungsgegenstände für das Lazarettwesen oder Sendungen des Feldpostdienstes registriert der Augenzeuge ebenso. „Gestern Nachmittag war der Zugang zum Bahnhof umlagert von bespannten und unbespannten Blockwagen mit Blei, Pulver, Hohlgeschossen und anderem mehr.“ Trotz der schweren Schneeverwehungen, in denen selbst der Zug des preußischen Kronprinzen stecken blieb, konnten die modernen Gebirgslokomotiven mit riesigen Schneepflügen aus dem sächsischen Chemnitz insgesamt 230 Geschütze herantransportieren.

Im Gegensatz zu den dänischen Bronzekanonen war die preußische Artillerie überwiegend mit von Alfred Krupp entwickelten Geschützen aus Stahl ausgerüstet. Die waren allen anderen Kanonen ihrer Zeit nicht nur in Reichweite und Treffsicherheit überlegen, sondern durch das 1857 entwickelte Hinterladersystem auch in der Feuergeschwindigkeit. Als Krupp diese 1867 durch die Entwicklung des Rundkeil-Verschlusses perfektioniert, wurde die Überlegenheit im deutsch-französischen Krieg 1870/71 verheerend. Die Feldkanone C/67 vom Kaliber 8 cm feuerte bis zu zehn Schuss pro Minute bis zu 3 450 Meter weit und übertraf die französischen Waffen um das Doppelte. Das entschied die Schlacht bei Sedan und nicht das Zündnadelgewehr. Sowohl Franzosen als auch Preußen benutzen damals bereits die Hinterladersysteme.

Allerdings schossen die französischen Chassepotgewehre bis zu 1600 Metern, während Dreyse Zündnadelgewehre nur bis auf 300 Schritt (225 Meter) zielgenau waren. Vor den Düppeler Schanzen sind als Offensiv- und nicht als Rückzugsstellung konzipiert – also vor allem, um von dort Ausfälle gegen die Flanke eines Feindes zu unternehmen und nicht, um sich darin gegen eine Belagerung zurückzuziehen. Die zehn Schanzen sind mit 84 schweren Geschützen bestückt, die Dänen können wegen der unterlegenen Logistik jedoch kaum weitere Artillerie nachführen. Zwar heben sie mit dem Einsetzen des Tauwetters Laufgräben aus, um die Schanzen zu einem zusammenhängenden Befestigungssystem zu verbinden und errichten Palisaden mit oben spitz zulaufenden Pfählen sowie Wälle aus dem erst kürzlich erfundenen Stacheldraht.  Doch den immer stärker werdenden Beschuss können sie nicht verhindern. Ab 15. März beginnen die ersten drei preußischen Batterien die Schanzen unter Feuer zu nehmen.  463 Granaten schicken die Angreifer am ersten Tag hinüber. Ab dem 2. April verstärken die Angreifer ihren Beschuss massiv. Auf der ganzen Frontlinie gehen 3721 Granaten nieder, bis zum Sturm der Düppeler Schanzen am 18. April werden es 67766 sein.

Mit der Eroberung der Schanzen am 18. April und der Aufgabe der Festung Fredericia war die Niederlage Dänemarks besiegelt, auch wenn der Krieg erst im Oktober mit dem Frieden von Wien endete. Durch den deutsch-dänischen Krieg verkleinerte sich der dänische Herrschaftsbereich zum zweiten Male im 19. Jahrhundert, da die Herzogtümer nicht mehr von Kopenhagen aus regiert wurden. Dänemark hatte bereits im Frieden von Kiel vom 14. Januar 1814 Norwegen an Schweden abtreten müssen. Wie der zeitgleich stattfindende Bürgerkrieg in Nordamerika zeigte der Krieg um Schleswig-Holstein erstmals Elemente moderner Kriege: die strategische Bedeutung der Eisenbahn beim Transport, die zunehmende Bedeutung von Informationen und Nachrichtenübertragung sowie der Einsatz von weitreichenden Hinterlader-Kanonen mit gezogenen Läufen.

Der Deutsch-dänische Krieg bildete den Auftakt der „Reichseinigungskriege“ (dazu noch Preußisch-Deutscher Krieg 1866 und der deutsch-französische Krieg 1870/71), die zwischen 1864 und 1871 zur Entstehung des Deutschen Reiches unter der Führung Preußens führten.  

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