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Rotwild im Norden : Der Rothirsch entdeckt Schleswig-Holstein

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Die meisten Jäger heißen die Rothirsche in Schleswig-Holstein willkommen – doch sie fühlen sich von den Landesforsten und vom Umweltminister im Stich gelassen.

shz.de von
erstellt am 02.12.2013 | 06:00 Uhr

Wallsbüll | Sie kommen über die Grenze. Ganz langsam erschließen sich Rothirsche aus Dänemark kommend den Norden Schleswig-Holsteins als Lebensraum. Sie streifen bereits jetzt durch die Wälder rund um das Jardelunder und Frösleer Moor westlich der A7. Die Jäger in diesem Gebiet heißen sie willkommen, doch nicht alle Waldbesitzer sind erfreut.

„Der Mensch entscheidet nicht, wo sich das Rotwild ansiedelt. Wir können es nur begleiten, und genau das wollen wir“, sagt Jäger Arno Asmus aus Wallsbüll. Der 48-jährige Biolandwirt sitzt für die CDU im Kreistag in Schleswig-Flensburg – und engagiert sich in einer Hochwild-Hegegemeinschaft, zu der sich 200 Jäger aus der Region zusammengeschlossen haben. Ziel: Die großen Hirsche so bei der Rückeroberung des Lebensraumes begleiten, dass beide Seiten – Landbesitzer und Tiere – gut miteinander auskommen.

Doch die Jäger fühlen sich vom Land im Stich gelassen – namentlich von Robert Habeck. Der Grünen-Politiker ist als Umweltminister Chef der Aufsichtsbehörde für die Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, die beim Projekt Rotwild-Ansiedelung nicht mitspielen und rigoros auf Abschuss setzen. In ihren etwa 400 Hektar Land in dem Bereich sei die geforderte Abschussquote um ein Vielfaches höher als in den übrigen 30 000 Hektar der Hegegemeinschaft, wo in diesem Jahr fünf Rothirsche in unterschiedlichen Altersklassen geschossen werden sollen, sagt Asmus: „Die Landesforsten sind der Gemeinschaft nicht beigetreten und haben daher einen eigenen Abschussplan für ihre beiden Jagdpächter. Gerade von einem grünen Umweltminister, der doch auf Artenschutz setzt, erwarten wir in so einem Fall , dass er sich einschaltet und die Landesforsten zur Ordnung ruft.“

Der Verdacht der Jäger: Die Landesforsten wollen größtmöglichen Profit aus dem Rotwild-Vorkommen schlagen und jeglichen Schaden, den das Baumrinden liebende Wild verursachen könnte, vorbeugend verhindern. „Dabei muss diesen Schaden der Jagdpächter ersetzen, nicht der Landbesitzer“, erläutert Asmus. Gerade das sei allerdings ein Problem, sagt Bernd Friedrichsdorf, Leiter der Abteilung für biologische Produktion, Naturschutz und Jagd bei den Landesforsten. „Wenn sich der Bestand vergrößert, sind diese Ersatz-Zahlungen irgendwann größer als die Pacht selbst.“ Die Folge: Der Wald wird unattraktiv und die Landesforsten finden keine Pächter mehr für ihr Land. „Der Wald im westlichen Schleswig-Holstein verträgt kein Rotwild“, erläutert Friedrichsdorf. Die meisten Aufforstungen stammten aus einer Zeit, als es in diesem Gebiet kaum ein Reh gab – geschweige denn Dam- oder die noch größeren Rothirsche. „Wir müssen auch unternehmerisch denken, und außer der konsequenten Eindämmung des Bestandes bleiben uns kaum Möglichkeiten, Schäden zu vermeiden.“ Im Segeberger Raum, wo traditionell Rothirsche leben, gebe es flächendeckend beschädigte Wälder. „Der forstwirtschaftliche Wertverlust ist enorm.“

Allerdings habe es trotz der Rückkehr des Rothirsches bislang kaum Schäden in den Wäldern an der dänischen Grenze gegeben, sagt Asmus. „Nur einen – aber diese Bäume stehen jetzt nicht mehr.“ Orkan „Christian“ hat sie umgeworfen.

Größeren Ärger verursachen die Hirsche jedoch in der Nachbarschaft: „Bei uns sind schon ganze Wälder zu Schaden gekommen“, sagt Jochen Muxfeld, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Nordfriesland. Im ganzen Kreis ist der Rothirsch daher zum Abschuss freigegeben. Sogar bis nach Pellworm hatte es 2012 einer geschafft. 13 Hirsche haben die nordfriesischen Jäger im vergangenen Jahr erlegt – allesamt männlich. „Offenbar gibt es in Nordfriesland kein weibliches Rotwild“, sagt dazu lakonisch Thomas Jessen, Bürgermeister von Osterby bei Jardelund und ebenfalls Jäger in der dortigen Hegegemeinschaft.

In der Tat ist es jedoch offenbar so, dass es mehr männliche Hirsche in Nordfriesland gibt. Der Kreis ist Durchzugsgebiet für jüngere Hirsche, die auf der Suche nach paarungswilligen Hirschkühen weite Strecken zurücklegen und den dichter besiedelten Bereich entlang der A 7 umgehen. Das ist durchaus gewollt, denn das größere Vorkommen im Segeberger Raum lebt ziemlich isoliert, so dass es dort bereits erste Inzucht-Erscheinungen gibt – Tiere werden blind oder verkrüppelt geboren. Genetische Nachweise zeigen, dass dieser Austausch bereits funktioniert, sagt Friedrichsdorf.

Durchziehende Hirsche sollen auch in den Wäldern der Landesforsten nicht bejagt werden. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hirsch es durch den Kugelhagel außerhalb der Hegegemeinschaft schafft, ist gering“, schätzt Asmus. Zuletzt hatte es Anfang Oktober ein dreijähriger Hirsch versucht. Bei Treia war sein Weg zu Ende, der Jäger freute sich über den ersten erlegten Rothirsch in der Region seit 150 Jahren – Asmus dagegen war gar nicht glücklich darüber. Auch Friedrichsdorf fand die Aktion „jagdethisch eher bedenklich“, auch wenn der Abschuss erlaubt war.

Dass in Zukunft noch mehr Hirsche aus Dänemark über die Grenze wandern, wo der Bestand immer größer wird, scheint unausweichlich. „Wir brauchen eine politische Diskussion“, fordert Asmus. Das sieht man im Umweltministerium von Robert Habeck (Grüne) offenbar ähnlich: Aufgrund der neuen Situation müsse man „in einen Dialog mit dem Waldbesitzerverband, den Landesforsten, dem Bauernverband und dem Landesjagdverband eintreten, um die Meinungsbildung zum Vorkommen des Rotwildes erneut zu diskutieren“, sagt Ministeriums-Sprecherin Kirsten Wegner. So soll ein Konsens gefunden werden, wie Jäger und Waldbesitzer in Zukunft mit den großen Hirschen umgehen wollen.

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