Foto in Haffkrug wird zum Skandal : Der Reichsminister in der Badehose

Das Skandal-Foto im Original: Reichspräsident Friedrich  Ebert (er ist der kleinste  der Abgebildeten) am Strand von Haffkrug an der Ostsee. Foto: Bundesarchiv/Wilhelm Steffen
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Das Skandal-Foto im Original: Reichspräsident Friedrich Ebert (er ist der kleinste der Abgebildeten) am Strand von Haffkrug an der Ostsee. Foto: Bundesarchiv/Wilhelm Steffen

Es war heute vor 90 Jahren: Die "Berliner Illustrirte Zeitung" zeigte Reichspräsident Friedrich Ebert - in Badehose. Ein Skandal!

shz.de von
24. August 2009, 06:49 Uhr

Haffkrug | Der Haffkruger Strandfotograf Wilhelm Steffen war beileibe kein Paparazzi wie man ihn heute kennt: Mit langem Objektiv und ohne Skrupel. Er hatte Reichspräsident Friedrich Ebert höflich gefragt, ob er ihn und seine Begleiter ablichten dürfe. Der Reichspräsident willigte ein, nahm dem Fotografen aber das Versprechen ab, dieses Foto nur privat zu verwenden und niemals zu veröffentlichen.

So entstand am Ostseestrand von Haffkrug (Kreis Ostholstein) ein Bild, das heute vor 90 Jahren die nur wenige Monate alte Weimarer Republik erschütterte: Reichspräsident Friedrich Ebert in Badhose! Neben ihm, ebenfalls mit nacktem Oberkörper: Reichswehrminister Gustav Noske. Für ihre Ausgabe vom 24. August 1919 druckte die "Berliner Illustrirte Zeitung" das Foto, genauer gesagt einen Ausschnitt davon, auf der Titelseite. Die Bildunterschrift lautete: "Ebert und Noske in der Sommerfrische."
Badehosen wurden zum Protest geschwenkt
Es war der Beginn einer gigantischen Verleumdungskampagne. Ein Präsident in Badehose. Schamlos! Die Würde des Amtes verletzt. "Standesgemäß" gingen Männer damals mit einem Badekostüm ins Wasser, das den Oberkörper züchtig bedeckte. Die Feinde der jungen Demokratie nutzten das Badehosenfoto als Symbol: Wo immer Ebert in der Öffentlichkeit auftrat, wurden fortan Badehosen zum Protest geschwenkt. Und die "Deutsche Tageszeitung" druckte in hoher Auflage eine Postkarte mit dem Titel "Einst und jetzt!" Darauf zu sehen: Der abgedankte Kaiser Wilhelm II und Reichsmarschall Paul von Hindenburg in schmucken Uniformen - neben Ebert und Noske in ihren Badehosen.

Wie das Foto an die Presse gelangt ist, darüber gibt es verschiedene Versionen. Gerüchten zufolge soll jemand einen Abzug im Laden des Fotografen gesehen und gestohlen haben. Nach einer anderen Version sollen trickreiche Journalisten Wilhelm Steffen das Bild mit List und Tücke abgeschwatzt haben.
"Ihre ganze Mannesschönheit zur Schau stellen"
Genaueres ist über die Entstehung des Fotos bekannt. Am 15. Mai 1919 war der schon gewählte, aber noch nicht vereidigte Reichspräsident in Begleitung seines Reichswehrministers nach Haffkrug gereist, um ein Kinderheim der Hamburger "Pro"-Stiftung zu besichtigen. Ebert hatte vor, Henry Everling, ein Vorstandsmitglied der Stiftung, als Minister zu gewinnen. Doch der wollte nicht.

Trotz des kalten Wetters, es waren die "Eisheiligen", wurde nach dem offiziellen Termin ein Bad in der Ostsee genommen. Sechs Männer sind von links nach rechts auf dem Originalfoto zu sehen: Die "Pro"-Vorstandsmitglieder Julius Müller und Gustav Lehne, Reichswehrminister Gustav Noske und im Wasser (mit einer Forke als Neptun-Dreizack in der Hand) Josef Rieger, Stiftungsvorstand. Der kleinste der Abgebildeten ist Friedrich Ebert, neben ihm steht Henry Everling.

Das Foto erschien zunächst am 9. August in der rechtskonservativen "Deutschen Tageszeitung" - mit allen sechs Männern. Ebert und Noske, so hieß es dort wahrheitswidrig, hätten das Foto veranlasst, um "ihre ganze Mannesschönheit zur Schau" zu stellen. Doch erst mit dem Abdruck in der auflagenstarken "Berliner Illustrirten Zeitung", die damals gezielt auf Fotos setzte, um den Verkauf anzukurbeln, kam die Sache ins Rollen. Man wählte den Ausschnitt mit Ebert und Noske und dem "Neptun".
Badehosen-Bilder von Politikern sind bis heute tabu
Bemerkenswert ist für den Medien-Historiker Niels Albrecht, dass es nicht die nationalistische Presse war, die Ebert mit diesem Foto angriff, sondern der liberale Ullstein-Verlag. Ziel sei nicht die bewusste Verunglimpfung des Reichspräsidenten, sondern Steigerung der Auflagenzahl gewesen. Dies war der Startschuss für eine "Hetzkampagne unvorstellbaren Ausmaßes".

Gegen die Verwendung des Fotos strengte Ebert etliche Beleidigungsklagen an. Mit insgesamt 173 Strafanträgen stritt er bis zu seinem Tod 1925 gerichtlich für die Würde seiner Person und seines Amtes.

Das Kinderheim, zu dessen Einweihung Ebert vor 90 Jahren gereist war, steht noch heute. Es ist mittlerweile ein Ferienheim für Senioren, einladend gelb gestrichen - und gehört noch immer der "Pro"-Stiftung. An der Stelle, an der sich der Reichspräsident neben einem Badekarren "entblößte", ist das Wasser so flach wie damals. Viel hat sich seitdem nicht verändert. Badehosen-Bilder von deutschen Politikern sind bis heute tabu. Eine Ausnahme machte Noske-Nachfolger Rudolf Scharping (SPD) und sprang mit seiner Freundin in den Swimming-Pool. Da war er die längste Zeit Verteidigungsminister gewesen.

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