Ungeklärte Mordfälle in SH : Der rätselhafte Pferdekoppelmord von Lübeck

Spurensicherung am Tatort: Trotz akribischer Recherche konnte die Polizei den Mörder bis heute nicht überführen.
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Spurensicherung am Tatort: Trotz akribischer Recherche konnte die Polizei den Mörder bis heute nicht überführen.

Eine Frau fährt an ihren liebsten Rückzugsort – und wird grausam mit 16 Messerstichen ermordet. Bis heute, 20 Jahre nach der Tat, fehlt vom Täter jede Spur.

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18. Januar 2015, 17:10 Uhr

Lübeck | Es ist windstill, heiß und schwül. Wochenende. Die meisten Deutschen fiebern dem vorletzten Spiel der Fußball-WM in den USA entgehen. Schweden gegen Bulgarien, der Kampf um den dritten Platz. Auch Lübeck liegt am Nachmittag dieses 16. Juli 1994 unter einer drückenden Hitzeglocke, die Straßen sind nahezu leergefegt.

Als Annette Schroer irgendwann nach 13 Uhr ihren grünen Skoda an den Ortsrand des Stadtteils Oberbüssau lenkt, sind die letzten zwei Stunden ihres Lebens angebrochen. Irgendwo auf den Wanderwegen zwischen den malerischen Mais- und Weizenfeldern des Elbe-Lübeck-Kanals ist bereits ihr Mörder unterwegs. Ausgerechnet hier, an ihrem liebsten und vertrautesten Rückzugsort seit frühen Kindertagen. Hier, wo ihr Vater für sie und ihre Schwester eine Koppel für ihre beiden Ponys gepachtet und einen kleinen Bauwagen als Herberge liebevoll hergerichtet hatte.

Ob der 29-jährigen Bürokauffrau damals gezielt aufgelauert oder sie Opfer einer tragischen Zufallsbegegnung wurde – diese und viele andere Fragen lasten seit 20 Jahren Angehörigen und Freunden der jungen Lübeckerin auf der Seele. Sicher ist nur: Als Zwillingsschwester Elfie an jenem heißen Sonnabend um 15.30 Uhr ebenfalls auf der Koppel eintrifft, ist alles zu spät. Die blutüberströmte Leiche von Annette liegt vor dem Bauwagen, ihr Körper ist mit insgesamt 16 Messerstichen übersät. Schwerste Schnittverletzungen an Armen und Händen zeugten davon, welch verzweifelten Kampf die junge Frau gegen einen scheinbar wut- und hasserfüllten Täter verloren hat.

Das Motiv der Tat ist bis heute ebenso unklar wie der genaue Hergang: Es gab weder Anhaltspunkte für ein Sexualdelikt noch für einen Raubmord. Für eine Beziehungstat fanden sich im gesamten Umfeld des Opfers keine konkreten Anhaltspunkte. Annette Schroer, die in der Hansestadt in einer Fabrik für Ladeneinrichtungen beschäftigt war, hatte keinen Freund und lebte in ihrer Freizeit fast ausschließlich für ihre Ponys „Ursel“ und „Iltis“.

Auch von der Tatwaffe fehlt bis heute jede Spur. Ein Küchenmesser, das wenige Tage nach der Tat gefunden wurde, entpuppte sich schnell als kalte Spur. Die Maße passten nicht zum Obduktionsbefund. Der Täter hatte mit einem Messer zugestochen, dessen Klinge 15 Zentimeter lang und drei Zentimeter breit war. Mehrere Hinweise von Augenzeugen, die in der Nähe auffällige Personen gesehen haben wollten, führten ebenso in die Sackgasse wie ein Phantombild eines vermeintlich Verdächtigen. Eine Hundertschaft der Polizei hatte unmittelbar nach dem Mord vergeblich das Gelände nach Spuren durchkämmt. Niemand weiß, wie und wann der Täter zur Koppel kam und welchen Fluchtweg er nahm. Auch hörte niemand einen Hilfeschrei – das nächste Haus war einen knappen halben Kilometer von der Pferdekoppel entfernt.

Auch 20 Jahre danach braucht Lübecks Oberstaatsanwalt Günter Möller keine Sekunde Bedenkzeit, um sich den spektakulären Fall ins Gedächtnis zu rufen: „Eine überaus bittere Geschichte, die uns bis heute keine Ruhe lässt“, sagt Möller. Abgesehen davon, dass Mord ohnehin nie verjähre, werde die Akte bei Ermittlungen oder Festnahmen in vergleichbaren Fällen immer wieder hervorgeholt, um mögliche Parallelen zu finden. Einmal keimte vor wenigen Jahren ein wenig Hoffnung bei den Fahndern auf. In Brandenburg hatte ein Mann eine ähnliche Tat begangen. Doch dann wieder die Ernüchterung: Der Beschuldigte hatte zwar kein Alibi, nachweislich aber auch kein Auto oder eine andere Fahrgelegenheit zur Verfügung, mit dem er in der fraglichen Zeit von der polnischen Grenze nach Lübeck und wieder hätte zurückkommen können.

Selbst bei der Suche nach einem Motiv des Täters bleibt vieles bis heute vage: Wurde Annette Schroer, wenn sie kein Zufallsopfer war, vielleicht schon über längere Zeit ausspioniert? Hat der Täter sie zumindest unmittelbar vor der tödlichen Attacke länger beobachtet? Dafür spricht, dass sie nicht unmittelbar nach ihrer Ankunft auf der Koppel angegriffen wurde, sondern zunächst längere Zeit mit dem Ausmisten der Pferdeboxen beschäftigt war. Ein anderer, besonders belastender Gedanke für die Familie: Galt die Tat möglicherweise sogar ihrer Zwillingsschwester? Beide Mädchen sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Während Elfie allerdings eher lebhaft ist, galt ihre Schwester als schüchtern und zurückhaltend.

„Leider ist und bleibt die Spurenlage äußerst dürftig. Wie fast immer, wenn wir es mit abgelegenen Tatorten unter freiem Himmel zu tun haben“, sagt Torsten Pardun. Der Hauptkommissar hat den Fall von seinen Vorgängern geerbt, die teilweise längst im Ruhestand sind, schon damals aber nichts unversucht gelassen hatten, den Mörder zu finden. So bemühte sich die Kripo etwa beim Bundesnachrichtendienst um Bilder von Spionagesatelliten, um mögliche Aufnahmen im Tatzeitraum auszuwerten. Doch angeblich war zur fraglichen Zeit kein Satellit in der Nähe von Lübeck. Selbst vor einer inoffiziellen Anfrage an ausländische Spionagedienste schreckten die Beamten nicht zurück. Doch die Auslandsdienste, so hieß es schon damals hinter vorgehaltener Hand, hätten nicht einmal zugeben, dass sie überhaupt mit Spionagesatelliten über die Grenzen spähen, geschweige denn über Luftaufnahmen vom fraglichen Tag verfügten. Fraglich auch, ob die damalige technische Qualität der Bilder ausgereicht hätte, um etwas Verwertbares zu erkennen.

So bleibt Ermittlern und Angehören auch nach 20 Jahren nichts als viele quälende Fragen, die Flucht in Spekulationen oder die Hoffnung, dass eines Tages doch noch der entscheidende Hinweis kommt. Und damit auch eine Antwort auf die bohrende Frage nach dem „Warum?“

„Nicht auszuschließen“, sagt Oberstaatsanwalt Möller, „dass sich der Täter irgendwann in den letzten Jahren jemandem offenbart hat, um sein Gewissen zu erleichtern.“ Vielleicht melde sich eines Tages aber auch ein Zeuge, der schon damals etwas über den Täter ahnte oder wusste und nun doch sein Schweigen bricht. Und sei es in Form eines anonymen Hinweises.

Die Familie hat an dem Schicksalsschlag bis heute schwer zu tragen. Vor wenigen Jahren starb der Vater von Annette Schroer. In seiner hilflosen Verzweiflung war der ehemalige Baggerfahrer anfangs unzählige Male zu der abgelegenen Pferdekoppel gefahren, um immer wieder selbst das Gelände akribisch abzusuchen. Seine Hoffnung, doch noch einen Hinweis zu finden, den die Polizei vielleicht übersehen haben könnte, erfüllte sich nicht. Bis zu seinem Tod war er fest überzeugt, dass der Täter aus der Gegend stammen musste und sich im Gelände auskannte. „Wenn ich eine Million Euro im Lotto gewinnen würde, ich würde sie sofort als Belohnung aussetzen“, hat er einmal gesagt. „Denn diese Ungewissheit, die macht einen einfach fertig.“

In den letzten Jahren erschien regelmäßig zum Tat- und Todestag in den „Lübecker Nachrichten“ eine Gedenk-Anzeige der Familie für ihre Tochter. Zwei Zeilen darin lauteten: „Du stehst an meinem Grabe – doch weine nicht, denn ich liege nicht hier und schlafe. Ich bin bei Dir, wenn die Sonne sinkt – Du weißt doch, ich sah es so gerne.“ Am 2. Januar wäre Annette Schroer 50 Jahre alt geworden.

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