Auswertungen der Barmer GEK : Der Norden hat ein Alkoholproblem

Experten schätzen, dass jeder fünfte bis zehnte Beschäftigte einen riskanten oder gefährlichen Alkoholkonsum betreibt. Foto: dpa
Experten schätzen, dass jeder fünfte bis zehnte Beschäftigte einen riskanten oder gefährlichen Alkoholkonsum betreibt. Foto: dpa

Trinken die Schleswig-Holsteiner zu viel Schnaps und Bier? Die Auswertungen von Fehlzeiten und Diagnosen von Versicherten der Barmer GEK Ersatzkasse sprechen dafür.

shz.de von
25. Oktober 2012, 09:22 Uhr

Kiel | Die Auswertungen der Barmer zeigen, dass die Nordlichter deutlich häufiger ein Alkoholproblem haben als Bewohner anderer Flächenländer. Nur in Mecklenburg-Vorpommern und in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin wird noch mehr getrunken.
Insgesamt lag der Anteil entsprechender Diagnosen in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr um 12,6 Prozent höher als im Bundesschnitt. "Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein", erklärte am Dienstag Barmer-Landeschefin Ulrike Wortmann in Kiel. Experten schätzen, dass jeder fünfte bis zehnte Beschäftigte einen riskanten oder gefährlichen Alkoholkonsum betreibt. Männer sind doppelt so oft betroffen wie Frauen. "Während sich das bei Jüngeren in akuten Rauschzuständen oder Vergiftungen ausdrückt, überwiegt bei Älteren das Abhängigkeitsproblem", sagte Wortmann. Auch die Bildung spiele eine Rolle: "Mit ansteigender Schulbildung nimmt die Betroffenenrate ab".
Hohe Produktivitätsverluste
Für Arbeitgeber sind Alkoholkranke eine Belastung. Sie melden sich doppelt so häufig krank. "Diagnoseübergreifend war ein Erwerbstätiger mit Alkoholproblem pro Jahr 40,3 Tage länger krankgeschrieben als ein Erwerbstätiger ohne Alkoholproblem", so die Kassen chefin. Ein weiteres Problem: Bei jedem fünften Arbeitsunfall spielte Alkohol ein Rolle.
Doch die wirtschaftlichen Nachteile wegen der hohen Fehlzeiten sind nichts im Vergleich zu den Produktivitätsverlusten, die Arbeitgeber erleiden, weil Betroffene im Dienst gravierende Fehlentscheidungen treffen. "Die Verluste durch Präsentismus sind doppelt so hoch wie die des Absentismus", erklärt Regina Kostrzewa, Chefin der Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein (LSSH). Unabhängig davon, welche Ursachen und Auslöser für alkoholbedingte Probleme bei Erwerbstätigen vorliegen, sei es wichtig, diese möglichst frühzeitig zu erkennen. Denn je eher Führungskräfte Auffälligkeiten bei Mitarbeitern wahrnehmen, desto besser können sowohl Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen getroffen als auch Maßnahmen zur Suchthilfe im Betrieb angeboten werden.
Ärztekammer hat die Brisanz erkannt
Inzwischen gibt es für alle Akteure im Unternehmen die Plattform www.sucht-am-arbeitsplatz.de. Kostrzewa rät zu Dienstvereinbarungen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften, um das Alkoholproblem am Arbeitsplatz in den Griff zu bekommen. Zudem seien spezielle Angebote für Auszubildende nötig, um dem Komasaufen zu begegnen.
Auch die Ärztekammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg hat die Brisanz erkannt und bietet seit 2010 regelmäßig suchtmedizinische Fort- und Weiterbildungskurse an.

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