Gefahren am Zug : „Der Lokführer hat keine Chance“

Wie leise sich ein Zug nähert, erfahren die Schüler am Bahnübergang. Rolf Ruseler (l.) hat nachgezählt: Erst fünf Sekunden, bevor er durchrauscht, ist der Zug zu hören.
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Wie leise sich ein Zug nähert, erfahren die Schüler am Bahnübergang. Rolf Ruseler (l.) hat nachgezählt: Erst fünf Sekunden, bevor er durchrauscht, ist der Zug zu hören.

Etwa 50 Tote gibt es jedes Jahr bei Unfällen an Bahnübergängen. Bundespolizei und Bahn zeigen Schulkindern, wie gefährlich es an den Gleisen ist.

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21. November 2013, 06:30 Uhr

Neumünster | Mitten auf dem Bahnübergang bleibt sie liegen. Mit ihrem Opel Agila war die 86-Jährige von der Straße abgekommen und hatte sich überschlagen. Geistesgegenwärtig laufen zwei Männer auf die Gleise, ziehen sie aus dem Auto. Dann kommt der Zug.

Das, was einmal der Opel der geretteten alten Dame war, liegt jetzt auf einem Supermarktparkplatz neben dem Bahnübergang am Stoverweg in Neumünster. Um ihn herum stehen die Schüler der achten Klassen der Pestalozzischule, zücken ihre Smartphones und fotografieren, was sie da sehen: Einen Brocken aus Metall, Plastik und Gummi. „Wow.“

Das Auto ist Teil der Präventionsarbeit der Deutschen Bahn und der Bundespolizei, das sonst regelmäßig in Schulen stattfindet. Immer wieder beobachten Lokführer Kinder, die an Gleisen spielen und Menschen, die im letzten Moment über den Bahnübergang laufen – lebensgefährlich. „Allein in diesem Jahr haben wir in Schleswig-Holstein um die 50 Anzeigen wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr geschrieben“, sagt Hanspeter Schwartz von der Bundespolizei in Flensburg. Bis Oktober zählten seine Kollegen 18 Unfälle an Bahnübergängen mit acht Toten, bundesweit gibt es jährlich etwa 50 Tote bei Unfällen im Gleisbereich.

Die meisten Unfälle passieren durch Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer, sagt Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis. Oft werde das rote Blinklicht falsch gedeutet, Schranken umfahren oder unerlaubt die Gleise überquert. Und das kann auch ohne Unfall teuer werden. Schwartz: „Gerade gab es einen Gerichtsentscheid zu einem Fall, in dem ein Autofahrer die Halbschranke umfahren hat.“ Der Fahrer muss 700 Euro zahlen, darf drei Monate nicht hinters Steuer und bekommt vier Punkte in Flensburg.

Jetzt sollen die Schüler der siebten bis zehnten Klassen mit eigenen Augen die Kraft eines Zuges sehen und es in Zukunft besser machen. Dafür geht es erstmal an die Schranke. „Was meint ihr wie lange so ein Zug braucht, bis er stehen bleibt?“, will Bernd Schindler wissen. Der 58-Jährige ist Präventionsbeauftragter der Bundespolizei. 30, 50, 200 Meter, schätzen die Schüler. Falsch. „1000 Meter braucht er, bis er steht. Der Lokführer hat keine Chance, wenn er euch sieht.“ Die Schüler sind schon wieder beeindruckt.

Damit sie es besser machen als so viele Leichtsinnige, gibt Schindler ihnen gute Ratschläge mit auf den Weg. „Rot heißt anhalten für Autos, Radfahrer und Fußgänger. Das ist ja wohl klar.“ Und Halbschranken sind nicht dazu da, damit man schnell noch um sie herum über die Gleise fahren kann.

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