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Hartz IV : Der Kontrolleur klingelt immer unangemeldet

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Wie viel braucht es zum Leben? Bernd Ulrich besucht für die Arge Flensburg Hartz-IV-Empfänger. Er muss über den schmalen Grat des Existenzminimuns entscheiden.

Flensburg | Die junge Frau streicht über ihre Jeans-Latzhose. Ihr sechstes Kind trägt sie im Bauch, die Kleider fangen an, sich zu spannen. Im vierten Monat ist die 31-jährige Flensburgerin schwanger. Jetzt weiß sie nicht, was sie anziehen soll. Umstandsmode kann sie sich nicht leisten.

Bernd Ulrich hört sich geduldig an, was die Mutter erzählt. Dass sie einen neuen Kinderwagen brauche, neue Kleider, neue Schränke, ein neues Bettchen. Der Außendienstmitarbeiter der Arge Flensburg macht sich kurze Notizen in seiner pinkfarbenen Pappmappe. "Haben Sie denn nicht noch Umstandskleider von der letzten Schwangerschaft?", fragt er. Schließlich sei die jüngste Tochter gerade einmal ein Jahr alt. "Alles eingetauscht", sagt die Mutter knapp. Ein weiteres Baby sei schließlich nicht geplant gewesen.
Alte Pizzakartons in der Ecke

Bernd Ulrich ist fast jeden Tag mit seinem silbergrauen Skoda unterwegs, fährt durch Flensburgs Straßen und besucht Empfänger des Arbeitslosengeldes II. Unangemeldet. Es sind nicht nur Kontrollen, wie er betont. "Wir wollen den Menschen ja auch helfen." Dann prüft er, ob die paar Zimmer wirklich unbewohnbar sind, ob die Schränke nicht reichen. Viel hat er schon gesehen bei seinen Visiten. "Wohnungen in denen die Kleidung kreuz und quer liegt, wo alte Pizzakartons in der Ecke sind", berichtet der 50-Jährige. "Einige Wohnungen sind richtig heruntergekommen." Aber sehr oft sehe er auch gepflegte Zimmer oder freundliche Menschen, die ihm einen Kaffee anbieten. 2005, nach der Einführung des Arbeitslosengeld II-Modells, richtete die Arge Flensburg den Außendienst ein. Davor war Bernd Ulrich für das Sozialamt unterwegs.

Dass seine Kollegen in anderen Argen Schleswig-Holsteins "Spitzelprotokolle" erstellt haben sollen, habe ihn schockiert. "Ich zähle bestimmt nicht die Schweißperlen auf der Stirn", sagt er, während er zur nächsten Wohnung fährt. Datenschützer hatten Außendienstmitarbeitern vorgeworfen, ihre Kontrollen zu genau gemacht zu haben. "Zu Beginn des Gesprächs wirkt Herr XY entspannt und ausgeruht", soll in einem Bericht stehen. "Er erscheint weder verschwitzt noch abgehetzt. Dagegen bilden sich zum Ende des Gesprächs Schweißperlen auf seiner Oberlippe… Sechs Zigaretten im Aschenbecher in der Küche, im Flur befindet sich in einem Schrank eine Plastikdose mit Weihnachtskugeln…"
Er orientiert sich am gesunden Menschenverstand
Diskussionen wurden laut, dass die Menschenwürde von Hartz-IV-Empfängern dadurch verletzt, dass arme Menschen zu Menschen zweiten Grades degradiert würden. Ulrich hat kein Verständnis für Bespitzelungen. Er schaut sich die Wohnungen nie ohne die Bewohner an. "Wenn nur Kinder zu Hause sind, dann gehe ich gar nicht rein", sagt er. Außendienst-Schulungen musste er nicht besuchen. "In Neumünster habe ich aber einmal hospitiert." Ulrich orientiert sich an den schriftlichen Anweisungen und Vorschriften. Und am gesunden Menschenverstand.

Der Flensburger teilt seine Besuche in Kategorien ein. Bei der jungen Mutter und ihrem 45-jährigen Mann macht er eine "Bedarfsermittlung". Er prüft, ob die Großfamilie tatsächlich die angeforderten Gegenstände braucht. Er schaut in das Schlafzimmer, wo auf einer knallorange bedruckten Schlafcouch die Einjährige schlummert. Er sieht die zwei abgewetzten Pressspan-Kommoden, in denen die Eltern die Kleidung aufbewahren. Er guckt sich die Kinderzimmer an. Viereinhalb Zimmer bewohnt die noch siebenköpfige Familie. Wenn das Baby da ist, müssen die Eltern das Schlafzimmer räumen. "Ihre 13-jährige Tochter bräuchte auch noch eine Kommode", sagt er und notiert es in der Mappe.

Bei den meisten Wohnungen bleibt Ulrich vor der Haustür stehen. Kaum jemand ist an diesem sonnigen Vormittag zu Hause. Eine Wohnung steht offensichtlich leer. Dicker Staub auf den Fenstern, ein Lattenrost versperrt eine Glastür. "Der Fall ist für mich erledigt", sagt Ulrich. Die Agentur für Arbeit hatte eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aus dem Flensburger Umland erhalten und den Verdacht geschöpft, dass der Mann ausgezogen sei. Für die leere Wohnung hat er trotzdem Unterstützung erhalten. "Das muss er dann zurückzahlen", erklärt Ulrich. "Aufenthaltsprüfung" nennt der 50-Jährige den Besuch. Nach der "Bedarfsermittlung" die zweite Kategorie.
Keinen Kita-Platz gefunden - keine Arbeitsstelle

Die dritte Kategorie ist die "Prüfung einer Einstandsgemeinschaft". Ulrich klingelt bei einer jungen Frau, deren Partner ausgezogen sein soll. Er prüft, ob vielleicht doch Indizien in der Wohnung zu finden sind, dass der Mann noch dort lebt. "Am Klingelschild stehen noch beide Namen.", bemerkt er. Ein Blick ins Badezimmer. "Eine Erwachsenenzahnbürste, zwei Kinderzahnbürsten", stellt er fest. "Kein Rasierer, kein After-Shave", ergänzt die junge Frau. Sie öffnet bereitwillig die Schlafzimmerschränke. Ulrich muss kaum fragen. Die 28-Jährige ist seit vier Jahren auf Unterstützung vom Staat angewiesen. "Seit der Geburt meiner Tochter", sagt sie. Wenn ihr zweijähriger Sohn ins Kindergartenalter kommt, möchte die Altenpflegerin wieder arbeiten. "Ich finde jetzt aber keinen Kita-Platz", sagt sie. "So bin ich auf das Arbeitslosengeld angewiesen." Bekannte hätten die Unterstützung ausgenutzt. "Er hat gearbeitet und sie hatten ein dickes Auto vor der Tür", erinnert sie sich. "Und sie hat kassiert. Dabei gibt es Leute, denen es wirklich schlecht geht."

Wirklich schlecht gehe es ihnen nicht, sagt auch die Mutter von fünf Kindern. Die Großfamilie hat sich mit der Armut arrangiert. Trotzdem träumt sie von einem Leben ohne Einschränkungen. "Ein Ankleidezimmer, das wäre doch was", sagt die 31-Jährige und lacht. "Und ich wollte mir eigentlich die Spirale einsetzen lassen", sagt die Flensburgerin mit Blick auf den Baby-Bauch. "Doch die 400 Euro hatte ich nicht."

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erstellt am 28.Apr.2008 | 07:23 Uhr

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