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Investor Marco Hahn : Der Investor und die rätselhafte Justitia

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Braut sich rund um den norddeutschen Investor Marco Hahn ein Justizskandal zusammen? Trotz zahlreicher Auffälligkeiten bei seinen Aktivitäten wird der Geschäftsmann von den Gesetzeshütern immer wieder geschont.

Kiel/Hamburg | Wird der Investor Marco Hahn von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst? Warum werden trotz Tatverdachts immer wieder Ermittlungen gegen den Multimillionär eingestellt? Warum bearbeiten Hamburger Richter Anklageschriften der Staatsanwaltschaft gegen den mittlerweile in der Schweiz lebenden Geschäftsmann jahrelang nicht? Obwohl das Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft in Hamburg jahrelang gegen den Glücksburger Geschäftsmann Marco Hahn ermittelt haben, wird von gerichtlicher Seite nicht reagiert. Entsprechend groß sind der Frust und die Verärgerung bei den Ermittlern.

So liegt nach Recherchen unserer Zeitung gegen Marco Hahn seit dem 29. Juni 2007 beim Landgericht Hamburg eine Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Hamburg wegen Untreue in einem besonders schweren Fall (Geschäftsnummer: 608 KLS 8/07) vor. Es geht um 23 Millionen Euro, die Hahn durch "strafrechtlich relevante Kreisgeschäfte" innerhalb seines Firmenimperiums veruntreut haben soll, wie der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers, gegenüber unserer Zeitung erklärte. Obwohl die Staatsanwaltschaft genügend Zeugen und Sachbeweise gesammelt habe, um einen "hinreichenden Tatverdacht" zu haben, ist mehr als zwei Jahre nach Einreichen der Anklageschrift beim Hamburger Landgericht noch nicht einmal ein gerichtliches Verfahren eröffnet worden. "Die Kammern sind überlastet", erklärte Dr. Conrad Müller-Horn, Sprecher beim Oberlandesgericht Hamburg, den Vorgang gegenüber unserer Zeitung. Zudem hätten "Haftsachen" bei Gericht Vorrang.
Dabei wiegen die Vorwürfe schwer: So ist nach Angaben von Oberstaatsanwalt Möllers im Fall des damals börsennotierten Hamburger Software-Herstellers Datasave AG am 14. November 2001 ein Programm-Herstellungsvertrag in Höhe von gut 30 Millionen Euro an die Gebes GmbH vergeben worden. 23 Millionen Euro seien kurze Zeit später an die Gebes GmbH überwiesen worden. Allerdings handelte es sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft um einen "Scheinvertrag", so Möllers. Die Gebes GmbH sei überhaupt nicht in der Lage gewesen, das gewünschte Programm zu entwickeln und den Auftrag zu erfüllen. Die Datasave AG musste 2004 Insolvenz anmelden, Tausende Aktionäre verloren ihr Geld.

Was die Ermittler zugleich aufdeckten: Marco Hahn sei "bestimmende Persönlichkeit für die Geschäftsführung bei Datasave" und gleichzeitig an der Gebes GmbH beteiligt gewesen. Die überwiesenen 23 Millionen Euro sollen nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft dann "im Firmenimperium von Marco Hahn an weitere Gesellschaften des Investors durchgereicht" worden sein, so Oberstaatsanwalt Möllers. Zugleich verweist er darauf, dass Marco Hahn bei seiner Vernehmung "den Geldfluss nicht bestritten" habe - für Hahn sei das "ein ganz normaler Geschäftsvorgang" gewesen.

Die Staatsanwälte beurteilen das ganz anders: Sie werten den Geldtransfer als Straftat und haben Anklage gegen Marco Hahn wegen Untreue in einem besonders schweren Fall sowie gegen den Kaufmann G. wegen Beihilfe zur Untreue erhoben. Rund drei Jahre dauerten die Ermittlungen an - und seit mehr als zwei Jahren warten die Ermittler vom Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft darauf, dass der Fall endlich vor Gericht geklärt wird. Das zuständige Hamburger Landgericht aber lässt den Fall verstauben - es ist noch nicht einmal absehbar, ob und wann ein gerichtliches Verfahren eröffnet und ein Verhandlungstermin anberaumt wird.

Unsere Zeitung hat Marco Hahn über dessen Hamburger Anwälte die Möglichkeit eingeräumt, zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen eine Stellungnahme abzugeben, die Vorwürfe zu entkräften oder zu widerlegen. Weder Marco Hahn noch seine Anwälte haben auf die schriftliche Anfrage unserer Zeitung reagiert.

Bei den Geschäftsaktivitäten von Marco Hahn spinnen sich Auffälligkeiten und Unregelmäßigkeiten wie ein roter Faden fort. Und das Spiel auf Zeit bei der Justiz ist ebenfalls nicht der einzige Vorgang, der merkwürdig erscheint. So wurden im Fall des Hamburger Flugzeugmotorenherstellers Thielert AG, bei dem Marco Hahn als Großinvestor engagiert war, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Kiel noch vor einer Anklageschrift eingestellt. Firmeninhaber Frank Thielert hatte Ende 2006 Strafantrag gegen den Multimillionär Marco Hahn wegen des Verdachts der Untreue in einem besonders schweren Fall gestellt und behauptet, Hahn habe gut drei Millionen Aktien im Wert von rund 70 Millionen Euro veruntreut. Am Ende stellt die Staatsanwaltschaft Kiel zu dem erbitterten Streit zwischen Hahn und Thielert fest: "Hier trafen zwei Geschäftsleute aufeinander, die - jeweils auf den eigenen Vorteil bedacht - bis an die Grenzen der Redlichkeit und mitunter darüber hinaus gingen und ihre wirklichen Absichten in einem Geflecht aus Täuschungsmanövern wie Scheinabreden und Schubladenverträgen zu verbergen trachteten." Trotzdem kommt es nicht zur Anklage.

Noch rätselhafter ist dieser Vorgang: Im Zuge der Thielert-Ermittlungen wird Hahn nachgewiesen, dass er Depotauszüge für gut drei Millionen Aktien gefälscht hat. Das Verfahren gegen ihn wird später gegen Zahlung einer Geldbuße von 25.000 Euro eingestellt.

Die Staatsanwaltschaft stellt zudem fest, dass eine "unwiderrufliche Erklärung" gegenüber der Flensburger Sparkasse hinsichtlich der Eigentumsrechte an rund 1,2 Millionen Thielert-Aktien eine "schriftliche Lüge" war. Der Vorfall wurde von der Kieler Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolgt. Grund: Der Sparkasse sei "kein Schaden entstanden".

Bereits einige Jahre zuvor war von der Kieler Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Zahlung einer fünfstelligen Summe ebenfalls eingestellt worden: Marco Hahn war nachgewiesen worden, dass er ein Dokument zu millionenschweren Bürgschaftsverpflichtungen manipuliert hatte.

Und schließlich ist da noch die Klage des Hamburger Unternehmers Dirk Kessemeier, der von seinem ehemaligen Geschäftsfreund Marco Hahn 19 Millionen Euro zurückfordert, die er ihm per Kreditvertrag geliehen und nie wieder gesehen hat. Erst verurteilte das Landgericht Hamburg Hahn zur Rückzahlung der 19 Millionen Euro. In zweiter Instanz wurde die sofortige Vollstreckung vorläufig einkassiert. Und die Kieler Staatsanwaltschaft beabsichtigt, die Ermittlungen wegen Vollstreckungsvereitelung einzustellen. Gegen das Ermittlungsverhalten der Staatsanwaltschaft Kiel und den zuständigen Staatsanwalt Dr. Martin Soyka haben die Rechtsanwälte von Dirk Kessemeier in der vergangenen Woche Dienstaufsichtsbeschwerde und Beschwerde erhoben.

Angesichts der Vielzahl von Vorgängen schütteln selbst erfahrene Beamte nur den Kopf: Längst schon hätten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in Kiel und Hamburg zusammengelegt werden müssen. Nicht auszuschließen, dass die Korruptionsabeilung des Kieler Landeskriminalamtes nichts von den Erkenntnissen der Hamburger Kollegen weiß. Woher, zum Beispiel, stammten die 23 Millionen, die Datasave AG an die Gebes GmbH überwies? War es ein Kredit der Flensburger Sparkasse? Von wem bewilligt? Und was ist daraus geworden? Hat die Flensburger Sparkasse auch diesen Kredit wie so viele andere Millionen zu Lasten ihrer Kunden abschreiben müssen, während jeder kleine Kreditnehmer hartnäckig verfolgt wird, wenn er seine Schulden nicht zurückzahlt?

Und Marco Hahn? Der hat Deutschland mittlerweile den Rücken gekehrt, lebt in der Schweiz am Luzerner See in einer Villa mit Wassergrundstück - und führt seine Geschäfte mit zahlreichen neuen Gesellschaften aus dem Alpenland fort. Kurz danach hat er seine mondäne Villa in Glücksburg bei Flensburg für acht Millionen Euro an seine Ehefrau verkauft. In der Anklageschrift beim Hamburger Landgericht aber ist noch immer die alte Adresse in Glücksburg notiert.

Allerdings ist sein Interesse an der alten Heimat nicht gänzlich versiegt. Denn: Peinlich genau achtet der Investor Marco Hahn darauf, dass der Mantel des Schweigens über ihn möglichst gewahrt bleibt. Reihenweise Rechtsanwälte setzt Hahn darauf an, beispielsweise jede Berichterstattung über seine Geschäftsaktivitäten, die Ermittlungen und Anklageschriften gegen ihn zu unterdrücken. Und die Justizbehörden vergraben die Fälle - möglichst unauffällig und möglichst tief.

Warum?

Tatsächlich sind sich die Ermittler in den Landeskriminalämtern und in den Staatsanwaltschaften einig: Mit jeder Woche, jedem Monat, jedem Jahr sinken die Chancen einer Aufklärung der Vorgänge, bei denen es keineswegs nur um Einzelpersonen geht. Die Frage nach der Rolle der Flensburger Sparkasse und seiner Aufsichtsgremien stellt sich ebenso wie die Frage nach der Rolle der Justiz. Hängt man die Kleinen, und die Großen lässt man laufen?

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erstellt am 18.Dez.2009 | 02:01 Uhr

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