Forschung gegen Malaria : Der Herr der Fruchtfliegen

Seine Forschung könnte eines Tages Millionen Menschen das Leben retten: Guy Reeves in seinem Plöner Labor. Foto: Wasmund (3)
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Seine Forschung könnte eines Tages Millionen Menschen das Leben retten: Guy Reeves in seinem Plöner Labor. Foto: Wasmund (3)

Guy Reeves erforscht am Plöner "Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie", wie sich Insekten gegen von ihnen übertragene Krankheiten immunisieren lassen.

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07. April 2012, 10:46 Uhr

Plön | Dem Klischee des schrulligen Wissenschaftlers entspricht Guy Reeves überhaupt nicht. Der 39-jährige Engländer mit blonden Locken und legerer Kleidung ist humorvoll, ohne jede Attitüde, verbindlich. Und er kann von seiner Arbeit in Sätzen sprechen, die ein normal Sterblicher sofort versteht.
"Wir müssen die Moskitos davon heilen, schwere Krankheiten auf Menschen zu übertragen" - das ist solch ein Satz des Genetikers, der bündig den Ausgangspunkt seiner Forschung markiert. Die hat einen weniger spaßigen Hintergrund, denn Fakt ist: allein im Jahr 2010 starben weltweit 1,2 Millionen Menschen an einer Malariainfektion. Dagegen nehmen sich Denguefieber (22.000 Tote jährlich) und Gelbfieber (30.000 Tote jährlich) noch geradezu harmlos aus. Nur für letzteres gibt es einen verlässlichen Impfstoff.
Derzeit laufen weltweit wissenschaftliche Feldversuche. Ganze Moskito-Populationen sollen später einmal ausgerottet werden können, indem genveränderte Moskitomännchen bei der Befruchtung wildlebender Weibchen dafür sorgen, dass deren Nachkommen noch im Larvenstadium verenden.
Populationen könnten "entschärft" werden
Guy Reeves sucht allerdings einen vollkommen anderen Weg. Zusammen mit seinem Team arbeitet er am "Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie" in Plön an einem genetischen Transportmittel. Mit dessen Hilfe soll es irgendwann möglich sein, einen Wirkstoff zur Immunisierung der Moskitos gegen für Menschen gefährliche Erreger in deren Gene einzuschleusen. Mit gezüchteten Armeen dieser genetisch veränderten Moskitos könnte man dann Populationen nachhaltig umpolen und für immer entschärfen.
Trotzdem hat Reeves mit Moskitos derzeit so gar nichts am Hut. "Sie müssen regelmäßig mit Blut gefüttert werden, erfordern als potenzielle Krankheitsüberträger höhere Sicherheitsstandards im Labor, sind allgemein empfindlicher, und außerdem sind dann überall Blutflecken." Reeves forscht statt dessen an Fruchtfliegen. Die sind zwar als Überträger lebensgefährlicher Krankheiten unbekannt. Sie könnten eines Tages trotzdem Millionen Menschen das Leben retten. "Fruchtfliegen teilen 95 Prozent ihres Erbguts mit Moskitos und 80 Prozent mit dem des Menschen", so Reeves. Letzteres mache Fruchtfliegen seit jeher attraktiv für die Wissenschaft. Und da sie aus diesem Grund bereits über 100 Jahre erforscht sind, sei sehr einfach und schnell mit den "alten Bekannten" zu arbeiten.
Gentechnologie - "Das hat mich neugierig gemacht"
Reeves wollte früher einmal "Tiere retten", umgab sich als Zwölfjähriger gern mit Ratten - zum Leidwesen seiner Mutter. "Dann haben auf einmal alle über Gentechnologie geredet, und was für Fortschritte sie bringen würde. Das hat mich neugierig gemacht."
Der 39-Jährige ist in der Welt schon weit herumgekommen. Nach seinem Studium der Evolutionsgenetik in Leeds verbrachte er nacheinander vier Jahre in Panama, wo er seinen Doktor machte, im New York State und in Italien. "Wer in meinem Bereich arbeitet, der muss davon ausgehen, das er viel reist", sagt Reeves und macht halbernst eine Bewegung der Hilflosigkeit. Er hat schon erforscht, wie Fische sich in verschiedenen Flüssen bewegen, an der Reproduktion eines Hundes mitgearbeitet - jetzt also Fruchtfliegen.
Die Herrschaften sind wählerisch: Eine teure Mehlmischung aus dem Reformhaus, dazu süßer Rübensirup und Malzextrakt. Alles zusammengerührt fix in die Mikrowelle - fertig ist die Fruchtfliegenmahlzeit.
Drosophila melanogaster - so lautet deren lateinischer Name. Sie wird gut zwei Milimeter groß, lebt im Labor zehn Tage und erzeugt in dieser Zeit rund 400 Nachkommen. Mutmaßlich über 200.000 dieser in heimischen Küchen bloß lästigen kleinen Insekten hat Reeves in diversen Kühlschränken, Regalen, Schubladen und Vitrinen seines Labors. Eingesperrt in mit kryptisch beschrifteten Aufklebern versehenen Plastikflaschen und Ampullen fristen die Fruchtfliegen ihr kurzes Dasein. Wenn ein Experiment beendet ist, werden sie wahlweise ertränkt oder im Dampfdrucktopf gekocht - so herzlos sind die gesetzlichen Hygienevorschriften.
Arbeit soll bald patentiert werden
Doch ihr grausamer Tod ist möglicherweise nicht vergebens: "Wir haben dieses Transportmittel bereits gefunden, die Arbeit soll in den kommenden drei Monaten vom Max-Planck-Institut patentiert werden", sagt Reeves.
Ob die Methode in der Realität funktioniert, kann er allerdings nicht sagen. "Wir haben ja noch keine praktischen Versuche gemacht, die könnten sich in ihrer Wirkung sehr von den Erfolgen in der Theorie unterscheiden", so Reeves. "Ich denke, es wird noch mindestens zehn Jahre dauern, bis wir alles verstehen."
An zwei anderen Instituten in England und den USA arbeiten emsige Forscherkollegen an ganz ähnlichen Ansätzen. "Aber unserer hat einige bedeutende Vorteile", behauptet Reeves selbstbewusst. Die anderen beiden Methoden seien darauf ausgelegt, sich von einer Insektenpopulation zur nächsten möglichst schnell auszubreiten - allerdings ohne jede Möglichkeit, sie bei eventuell auftretenden Problemen jemals wieder kontrollieren zu können. "Unsere Methode hingegen bleibt jeweils innerhalb einer Population begrenzt anwendbar, und ist somit immer steuerbar."
Nächster Schritt: Versuche auf Hawaii
Reeves hofft auf einen späteren Nutzen aus seiner Forschung, dennoch ist der eigene Erfolg nicht alles im Leben. Er ist realistisch: "95 Prozent aller Forschung weltweit findet letztlich keine praktische Anwendung. Wichtig ist nur, dass die Wissenschaft weltweit intensiv nach Lösungen zur Bekämpfung schwerer Krankheiten sucht."
Für Guy Reeves jedenfalls geht die Reise wohl noch dieses Jahr weiter - nach Hamburg, zum Bernhard-Nocht-Institut. "Dort werde ich im nächsten Schritt das neue Transportmittel erstmals in Moskitos einschleusen und in der Bekämpfung der Vogel-Malaria bei Vögeln auf Hawaii ausprobieren. Das ist ein guter Test unseres Ansatzes", so Reeves, der sich auch noch aus einem ganz anderen Grund auf den Wechsel freut: Der Pendler lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in der Hansestadt. "Dann kann ich endlich mehr Zeit bei meiner Familie verbringen."

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