Heinrich Keller : Der Fotoschatz aus Fernost

Drei chinesische Priester: Nicht nur den Krieg, auch das normale Leben nahm der Heider mit seiner Kamera in den Fokus. Repros: Brumm
1 von 4
Drei chinesische Priester: Nicht nur den Krieg, auch das normale Leben nahm der Heider mit seiner Kamera in den Fokus. Repros: Brumm

Der Dithmarscher Soldat Heinrich Keller hielt vor 100 Jahren das Leben in China und Japan fest. Jetzt werden die Bilder im Landeshaus ausgestellt.

Avatar_shz von
23. April 2011, 12:26 Uhr

Heide/Kiel | "Dass mein Großvater so viel fotografiert hat in der damaligen Zeit, das kann man ja gar nicht begreifen." Armgard Wackernagel (63) und ihr Mann Bernd (68) sitzen in ihrem Appartement am Ostseestrand von Laboe vor einem Berg voller vergilbter Fotos. Es ist ein historischer Schatz, denn die Aufnahmen dokumentieren das Leben der kaiserlichen Marine soldaten in Kiautschau, dem deutschen Handels- und Flottenstützpunkt in China, sowie den Angriff der Japaner im Ersten Weltkrieg.

Zugleich erzählen die Fotografien die spannende Auswanderer-Geschichte eines Schleswig-Holsteiners.

Heinrich Keller kommt 1887 als Sohn eines Mühlen besitzers in Heide zur Welt. Schon als 13-Jähriger packt ihn das Fernweh, radelt er mit dem Fahrrad bis nach Cuxhaven, steht vor den Auswanderer-Schuppen der Hamburg-Amerika-Line. Der Wunsch, die Welt zu bereisen, nimmt auch während seiner Kaufmannslehre in Itzehoe nicht ab. Kaum hat er die Ausbildung abgeschlossen, meldet sich Keller freiwillig für den deutschen Marine-Stützpunkt in China. Das Deutsche Reich hatte das 500 Quadratkilometer große Gebiet Kiautschau für 99 Jahre von China gepachtet, um hier einen Handels- und Marinestützpunkt einzurichten. 1000 deutsche Soldaten wurden dort stationiert. Hauptstadt war Tshingtau.
Mit Holz gehandelt - und einen Fotoapparat gekauft
Der Marinesoldat aus Dithmarschen lebt sich sehr schnell ein, beginnt Chinesisch zu lernen. "Das konnte er später fließend sprechen", erinnert sich Enkelin Armgard Wackernagel und holt ein Foto nach dem anderen aus den Schuhkartons. Auf einem ist Heinrich Keller stolz in Marineuniform zu sehen, auf einem anderen sitzt er elegant gekleidet mit Geschäftsfreunden zusammen. Denn der pfiffige Schleswig-Holsteiner mustert nach drei Jahren bei der Marine aus und steigt bei einer Holz-Importfirma ein, macht schnell Karriere, verdient gutes Geld. Seine Enkelin: "Der hat mit ganzen Schiffsladungen Holz gehandelt."

Und Keller kauft sich einen Fotoapparat, hält fortan alles fest, was ihm vor die Linse kommt. Chinesische Priester, Landarbeiter, Soldaten, Landschaften. Aber auch Schreckliches: In einer belebten Straße hängt eine Frau an einen Pfosten gefesselt. Man hat ihr die Brüste abgetrennt. Sie soll fremd gegangen sein, deshalb diese bestialische Strafe. Auf anderen Bildern wird deutlich, wie Tsingtau floriert. 200 000 Menschen lebten dort. Sogar eine deutsch-chinesische Hochschule wurde eröffnet.

Doch dann bricht 1914 der Erste Weltkrieg aus und Japan will mit aller Macht das blühende Handelszentrum, verlangt die Übergabe von Kiautschau, stellt ein Ultimatum. Der Gouverneur will die Pachtkolonie verteidigen - Heinrich Keller ist wieder Soldat. Die Japaner werden von den Engländern unterstützt, die Schlacht um Tsingtau nimmt ihren blutigen Verlauf. Mittendrin der junge Mann aus Heide, die Kamera immer dabei. Armgard Wackernagel: "Es hatte eiserne Nerven, fotografierte sogar im Kriegsgetümmel."
"Es herrschte kein Groll"
Im Herbst 1914 geht den Deutschen die Munition aus, am 7. November kapitulieren sie. Japan besetzt die Kolonie. 5700 deutsche Soldaten kommen in japanische Gefangenschaft, unter ihnen sind neben Heinrich Keller 220 Schleswig-Holsteiner. Das Leben im Lager Bando von 1914 bis 1920 soll jetzt eine Ausstellung dokumentieren, die im Foyer des Kieler Landtages zu sehen sein wird. Initiiert hat sie die Deutsch-Japanische Gesellschaft Schleswig-Holstein. Vorsitzender Dr. Peter Janocha: "Die Japaner wollten den deutschen Gefangenen das Leben so angenehm wie möglich machen." Hintergrund: Schon immer waren die Deutschen bei den Japanern sehr beliebt, und es gab im Ersten Weltkrieg auch keine direkte Kriegsführung zwischen den beiden Staaten. "Es herrschte kein Groll", erklärt Japan-Experte Janocha, der in der Ausstellung "Alle Menschen werden Brüder" einige Gefangene aus Schleswig-Holstein vorstellen möchte.

Zahlreiche Bilder dafür beigesteuert hat die Enkelin von Heinrich Keller, der 1919 freikam und über Amerika zurück in seine Heimatstadt Heide reisen konnte. Schon zwei Jahre später gründete er die Raiffeisenbank am Ort und eröffnete in der Stadt ein Lebensmittelgeschäft sowie die Gaststätte "Das Probierstübchen", war viele Jahre Mitglied in der Ratsversammlung. Seine vielen Bilder, die er teilweise schon während seiner Chinazeit in versiegelte Umschläge nach Hause geschickt hatte, verschwanden in Kartons. Armgard Wackernagel: "Wir Kinder durften sie nicht sehen - wegen der Grausamkeiten und der Toten. Doch erzählt hat Großvater viel."

Heinrich Keller starb 1968.

Die Ausstellung "Alle Menschen werden Brüder" wird am 2. Mai um 18 Uhr im Landeshaus eröffnet. Weitere Infos: djg-sh.de

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen