"Rachemutter" : Der Fall Bachmeier

Marianne Bachmeier steht im November 1982 selbst vor Gericht. Foto: dpa
Marianne Bachmeier steht im November 1982 selbst vor Gericht. Foto: dpa

Bedrückendes Jubiläum: Vor 30 Jahren erschoss Marianne Bachmeier im Saal des Lübecker Landgerichts den Mörder ihrer Tochter.

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04. März 2011, 08:37 Uhr

LÜBECK | Das Jahr 1981 ist als Jahr spektakulärer Attentate in die Geschichte eingegangen. Am 30. März feuert John W. Hinckley vor dem Hilton-Hotel in Washington D.C. mehrere Schüsse auf den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ab, um, wie er nach seiner Festnahme zu Protokoll geben wird, seine große Liebe, die Hollywood-Schauspielerin Jodie Foster, "zu beeindrucken". Sechs Wochen später, am 13. Mai 1981, sorgt ein weiterer Mordversuch für Schlagzeilen. Auf dem Petersplatz in Rom schießt der Türke Ali Agca auf Papst Johannes Paul II. Am 6. Oktober schließlich: Attentat auf den ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat, den Islamisten während einer Militärparade in Kairo ermorden.
Die Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner bewegt 1981 allerdings ein viertes Attentat noch sehr viel mehr. Nicht nur, weil es sich in Lübeck ereignet. Nein, es ist die Mischung aus Tatmotiv und Tatort - eine Mutter übt in einem Gerichtssaal Selbstjustiz - und der Faszinationskraft der Täterin. Marianne Bachmeier wirkt unnahbar, geheimnisvoll. Ihrer äußeren Attraktivität haftet gerade im Kontext ihrer Blutrache etwas Gespenstisches an. Vor allem aber polarisiert Bachmeiers Tat. Für manche ist die 30-Jährige nicht mehr als eine verabscheuungswürdige Mörderin, die mit alttestamentarischem "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Denken eine der wesentlichen Errungenschaften der Zivilisation, das staatliche Gewaltmonopol, mit Füßen getreten hat. Andere betrachten Marianne Bachmeier als "Heldin", als "Racheengel". Nicht wenige Lübecker Passanten, die 1981 vor laufenden Kameras zum Fall Bachmeier befragt werden, sagen, dass sie "genauso gehandelt" hätten.
Aus düsteren Mosaiksteinen setzt sich ein befremdliches Bild zusammen
Und dann ist da noch die - vielleicht zahlenmäßig größte - Gruppe der Zwiegespaltenen. Auf der einen Seite das Entsetzen über die anmaßende Hinrichtung des Trieb täters Klaus Grabowski. Auf der anderen Seite der Versuch, sich in den brennenden Schmerz hineinzuversetzen, den Eltern empfinden müssen, die ihr Kind auf solch grauenvolle Weise verlieren.
Die im Frühjahr 1981 vor allem in der Boulevardpresse grassierende Stilisierung Bachmeiers zu einer Art Übermutter erweist sich allerdings schon bald als voreilig. Denn die Details, die in den Wochen nach dem Attentat an die Öffentlichkeit gelangen, fügen sich zu einem durchaus befremdlichen Bild zusammen. Zum Bild einer Frau, die ihrem Freiheitsdrang zeitlebens in einigermaßen kalt wirkender Kompromisslosigkeit nachgegeben hat. Marianne Bachmeiers Lebensgeschichte, im "Stern" zum Exklusivrecht-Preis von 250.000 D-Mark ausgebreitet, setzt sich aus düsteren Mosaiksteinen zusammen. Opfer sexuellen Missbrauchs im Kindesalter; Drogenkonsum; etliche kurze Affären. Mehrere Abtreibungen; zwei im Teenageralter zur Welt gebrachte und kurz darauf zur Adoption freigegebene Kinder. Und schließlich die grobe Vernachlässigung ihrer Tochter Anna, die sie ebenfalls zu Pflegeeltern hatte weggeben wollen.
Vergewaltigung und Ermordung der siebenjährigen Anna Bachmeier
Kein Zweifel, der Mythos Bachmeier bröckelt bereits, als im November 1982 erneut vor dem Lübecker Landgericht, der Prozess gegen die "Rachemutter" beginnt. Und doch wird das Verfahren zu einem der meistbeachteten Prozesse der deutschen Rechtsgeschichte. Trotz zahlreicher anonymer Morddrohungen für den Fall einer Verurteilung der "Heldin" weigert sich das Gericht, der Argumentationskette der Verteidigung zu folgen. Bachmeiers Anwälte konstruieren eine Mitschuld der Justiz an der Ermordung Grabowskis. Begründung: die gerichtliche Einwilligung in eine Hormonbehandlung des vorbestraften Triebtäters im Jahr 1978 (Grabowski hatte sich 1976 auf eigenen Wunsch kastrieren lassen). Erst diese Einwilligung, so die Verteidiger, habe Grabowskis Rückfall, die Vergewaltigung und Ermordung der siebenjährigen Anna Bachmeier, und den Racheakt ihrer Mutter ermöglicht.
Das Gericht mag einer solchen "Logik" nicht folgen. Darüber hinaus sagt Marianne Bachmeier im Prozess in zwei zentralen Punkten nachweislich die Unwahrheit. Ihre Behauptung, sie hätte Grabowski im Affekt getötet und vor der Tat am 6. März 1981 nie eine Waffe in Händen gehalten, wird durch das sogenannte Trefferbild (sieben der acht abgefeuerten Kugeln haben den Angeklagten getroffen) und durch Aussagen aus Bachmeiers Umfeld widerlegt. Freunde berichten, sie habe monatelang systematisch im Keller ihres Lokals in der Schlumacherstraße Schießübungen abgehalten, um Grabowski hinrichten zu können.
Am 2. März 1983 wird das mit Spannung erwartete Urteil verkündet. Das Gericht spricht Marianne Bachmeier schuldig und verurteilt die nunmehr 32-Jährige zu sechs Jahren Haft wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes. Reue wird Bachmeier allerdings zeitlebens nicht zeigen. Noch 1994, 13 Jahre nach dem Racheakt und zwei Jahre vor ihrem frühen Krebstod, sagt sie in einem Interview: "Nein, die Tat tut mir überhaupt nicht leid." Es sei "ja wohl ein kleiner Unterschied", ob ein Sexualstraftäter ein siebenjähriges Mädchen töte, um eine Vergewaltigung zu vertuschen, oder ob eine Mutter den Missbrauch und die Ermordung ihrer Tochter räche. Im Übrigen habe sie die "Fan-Post", die sie in all den Jahren bekommen habe, immer wieder bestärkt. Es seien "nur positive Briefe" gewesen. "Die Menschen", so Bachmeier, "hatten viel Verständnis für mich."

Schüsse im Gerichtssaal
6. März 1981. Saal I, Landgericht Lübeck. Dritter Verhandlungstag im Prozess gegen Klaus Grabowski. Der wegen verschiedener Sexualdelikte vorbestrafte Schlachter hat, wie er selbst gesteht, zehn Monate zuvor, am 5. Mai 1980, die siebenjährige Lübecker Grundschülerin Anna Bachmeier vergewaltigt und anschließend erwürgt. Annas Mutter Marianne Bachmeier (30) betritt gegen neun Uhr den Verhandlungssaal. Plötzlich zieht die Gastronomin eine Pistole und feuert achtmal auf Grabowski. Der 35-jährige Lübecker ist sofort tot. Zum ersten Mal in der deutschen Rechtsgeschichte wird in einem Gerichtssaal Selbstjustiz geübt. Bei ihrer Festnahme sagt Marianne Bachmeier: "Ich wollte ihm ins Gesicht schießen. Leider habe ich ihn nur in den Rücken getroffen. Hoffentlich ist er tot." 13 Jahre später schildert Bachmeier die Situation unmittelbar vor ihrem aufsehenerregenden Racheakt noch einmal: "Ich hab projiziert vor seinem Rücken Anna gesehen. Da hab ich geschossen."


(jhd, shz)
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