NS-Vergangenheit der Landeskirchen : Der braune Sündenfall in Schleswig-Holstein

Theologe und SS-Führer: Ernst Biberstein arbeitete 1957 wieder für die Kirche.
Theologe und SS-Führer: Ernst Biberstein arbeitete 1957 wieder für die Kirche.

Der Theologe und SS-Sturmbannführer Ernst Biberstein erhält nach seiner Haftstrafe 1957 eine Anstellung im Kirchengemeindeverband Neumünster. Andere NS-Verbrecher waren noch erfolgreicher. Eine Studie untersucht die Nazi-Vergangenheit der Landeskirchen.

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19. Januar 2014, 17:11 Uhr

Kiel | „Man soll nicht Perlen vor die Säue werfen“, antwortete der evangelische Theologe, frühere Pastor und SS-Sturmbannführer Ernst Biberstein im Nürnberger Einsatzgruppenprozess auf die Frage des Richters Michael A. Musmanno, ob er den von seiner Einheit erschossenen russischen Zivilisten geistlichen Beistand vor ihrer Ermordung geboten habe. Nach einem Todesurteil, das in eine Haftstrafe umgewandelt wurde, tauchte Biberstein 1953 wieder in Schleswig-Holstein auf. Und 1957 gelang es ihm tatsächlich eine, wenn auch auf ein halbes Jahr befristete, Anstellung im Kirchengemeindeverband Neumünster zu erhalten.

Andere NS-Verbrecher waren noch erfolgreicher: Die Landeskirchen in Schleswig-Holstein schützten den Erfinder des Euthanasieprogramms, Prof. Werner Heyde, und den führenden Ostforscher im Reichssicherheitshauptamt, Prof. Hans Beyer. Vor allem die Landeskirche Eutins unter Leitung ihres von 1930 bis 1976 ununterbrochen im Amt befindlichen Bischofs Wilhelm Kieckbusch tat sich als Zufluchtsort für NS-Verbrecher unrühmlich hervor.

„Kennzeichnend für alle Landeskirchen ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den NS-Verbrechen weitgehend gemieden wurde“, schreibt der Kieler Kirchenhistoriker Stephan Linck in seinem Buch „Neue Anfänge. Der Umgang der Evangelischen Kirche mit ihrer NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“, das im Herbst in der Lutherischen Verlagsgesellschaft Kiel erschien.

Allerdings gab es auch Ausnahmen. Die Lübische Landeskirche nahm eine deutschlandweit einzigartige Entnazifizierung vor. Und die Kirchengemeinde in Ladelund, wo Pastor Johannes Meyer unmittelbar nach dem Krieg eine Versöhnungsarbeit begann, und sich um die vor allem aus der niederländischen Gemeinde Putten stammenden Opfer des dortigen KZ-Außenlagers und ihre Angehörigen kümmerte. Doch das war ein Sonderfall. „Die Resonanz innerhalb der Landeskirche blieb überschaubar“, urteilt Stephan Linck. Man nahm die positive Wirkung von Meyers Arbeit wahr. „Eine weitergehende Anerkennung erhielt seine Arbeit aber nicht.“ Zwar wurde er nach einer Reise nach Holland gebeten, darüber im Pastorenkonvent der zuständigen Propstei zu berichten. „In der kirchlichen Presse hingegen wurde niemals über die Ladelunder Arbeit berichtet“, stellt Linck fest.

Es ist das Verdienst des neuen Buches, einen ungeschönten Blick auf die Vergangenheit der Vorgängerkirchen der heutigen Nordkirche zu werfen. Umfangreiche Quellenstudien und eine spürbare Liebe zum Detail zeichnen die Studie von Stephan Linck aus, der eine weite Verbreitung zu wünschen ist.

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