Festplatten-Panne in Glücksburg : Datenposse in der Provinz

Wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe Festplatten aus dem Rathaus gestohlen: Reimer Backen zeigt seine Quittung. Foto: Staudt
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Wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe Festplatten aus dem Rathaus gestohlen: Reimer Backen zeigt seine Quittung. Foto: Staudt

Bürgerdaten auf dem Grabbeltisch? Die Stadt Glücksburg erstattet Anzeige wegen Diebstahls gegen Reimer Backen, der sensible Daten auf dem Flohmarkt gekauft haben will.

shz.de von
17. Dezember 2010, 10:09 Uhr

Glücksburg | Im Glücksburger Daten-Leck wird heftig um die Deutungshoheit gerungen. Der IT-Techniker Reimer Backen behauptet steif und fest, er habe vor zehn Tagen beim Abverkauf von Gebrauchtmöbeln im Glücksburger Rathaus völlig legal Server und Festplatten mit sensiblen Daten erworben und sorgte damit landesweit für Furore. Eine Darstellung, der die Stadt vehement widerspricht. Backen habe sich widerrechtlich in den Besitz des Materials gebracht. Der Flensburger Stadtrat John Witt - in einer Verwaltungsgemeinschaft zuständig für Glücksburg - hat Strafanzeige wegen Diebstahls erstattet.
Einer kann nur Recht haben. Und der 52-Jährige Backen reklamiert dieses Recht für sich. Beim Ausverkauf im ausgemusterten Alt-Rathaus habe er 20 Festplatten und zwei Server völlig korrekt erworben (wir berichteten). Das sagt Backen nicht einfach nur so, er präsentiert auch eine Quittung, auf der ihm das bestätigt wird: "30 Euro von Herrn Backen für EDV-Hardware" steht auf dem handschriftlich verfassten Beleg mit amtlichem Stempel und Unterschrift des Rathaus-Mitarbeiters.
"Ich war jetzt neugierig geworden"
Angesichts des jetzt einsetzenden Trubels ist er heilfroh, dass er sich diese Quittung geben ließ - nachträglich übrigens, denn die Ware nahm er nicht beim Verkauf am 4. Dezember mit nach Hause, sondern am folgenden Sonntag und Montag. "Ich hatte am Sonnabend gar nicht die Möglichkeit, die Festplatten mitzunehmen", sagt Backen. Der Vorschlag, das am Sonntag mit Hilfe des Schlüssels eines Verwandten nachzuholen, sei - man kennt sich im Städtchen - übrigens von einem Rathaus-Mitarbeiter selbst gekommen. Am Sonntagabend schließlich sei er über die auf der Hardware noch gespeicherten sensiblen Daten aus dem Alltag der Verwaltung gestolpert. "Da wurde mir mulmig", sagt Backen. Am Montag ließ er sich den Kauf vorsichtshalber quittieren - freilich nicht, ohne noch zwei große Datenserver mitzunehmen. "Ich war jetzt neugierig geworden."
Backen zufolge seien die geheimen Daten quasi auf dem Grabbeltisch für alle Flohmarkts-Besucher frei zugänglich gewesen. Da war nichts verschlossen, behauptet er. Die Festplatten befanden sich in einem wilden Sammelsurium gemeinsam mit Röhrenmonitoren, Anrufbeantwortern, Teeküchengeschirr und Tintenstrahldruckern. Auf der Fensterbank eines anderes Raumes hätten sich - ebenfalls unbewacht - die beiden Datenserver befunden, die sich später als Volltreffer erweisen sollten. "Da waren die eigentlich interessanten Dateien drauf."
"Ich werde jetzt mit Dreck beworfen"
Glücksburgs Stadtrat John Witt widerspricht dieser Darstellung. Beim Abverkauf seien die sensiblen Geräte stets von Rathaus-Personal bewacht gewesen. "Herr Backen hatte am Sonnabend keine Möglichkeit, die Geräte unbemerkt an sich zu nehmen. Das hat er unbemerkt am Sonntag nachgeholt. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich widerrechtlich im Rathaus", sagt Witt, der darauf seinen Diebstahlsverdacht gründet. Das Vorhandensein einer Quittung bestreitet der Stadtrat nicht. "Es wurde ja auch Computer-Hardware verkauft. Freilich in einem anderen unbewachten Raum", so Witt weiter.
Fest steht allerdings: Es wurde sehr unbürokratisch ein Persilschein ausgestellt, und auch die Lagerung unverschlüsselter Personendaten in einem leeren Abbruchgebäude dürfte dem Landesdatenschutz noch Kopfzerbrechen bereiten. Dort werden die Festplatten daraufhin durchleuchtet, ob sie in jeder Hinsicht konform gehen mit den Datenschutzrichtlinien des Landes. Backen, der vor zehn Jahren noch zu den eifrigsten Fürsprechern des freien Bürgermeisterkandidaten John Witt gehörte, fühlt sich maßlos enttäuscht. "Ich werde jetzt mit Dreck beworfen, weil ich der Glücksburger Verwaltung ihren unbedarften Umgang mit sensiblen Bürgerdaten vor Augen geführt habe - das kann doch wohl nicht angehen."

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