Ministadt in Tolk : Das winzige Schleswig

Feinarbeit: Die Häuser werden von Ein-Euro-Jobbern errichtet. Foto: Hebbeln
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Feinarbeit: Die Häuser werden von Ein-Euro-Jobbern errichtet. Foto: Hebbeln

Sie sind kaum größer als Legosteine - die unzähligen gebrannten Ziegel der Ministadt in Tolk. In Feinarbeit und mit spitzen Fingern bauen Arbeitslose aus kleinen Steinen das mittelalterliche Schleswig in Miniatur nach.

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03. August 2008, 04:43 Uhr

Tolk | "Ein bisschen Schleswiger Geschichte" steht in der aufwendig gestalteten Broschüre. Man könnte es "Understatement" nennen: Denn wer über die Kuppe des Seebergs der Tolk-Schau (200.000 Besucher jährlich) blickt, wo früher eine Raketenabwehrstation stand, sieht ausgesprochen viel Geschichte. In diesem Freizeitpark in der Nähe Schleswigs wird städtebauliche Historie lebendig. In der "Mittelalterlichen Ministadt Schleswig" steht ein Abbild der Altstadt aus dem Jahre 1523. Dass diese nicht in unmittelbarer Nähe ihres Ursprungsortes zu finden ist, mag verwundern, erklärt sich aber mit langwierigen kommunalpolitischen Querelen um die Frage des Standortes.

Nun stehen also in Tolk 185 Häuser der historischen Altstadt, 350 sollen es einmal werden. Grundlage der Nachbauten im Maßstab eins zu zehn sind alte Karten oder Baupläne. Manchmal halfen auch Materialrechnungen bei der Rekonstruktion. Bei einigen wenigen Bauwerken, wie dem Graukloster, erkennt man das damalige Aussehen noch heute. Der jüngste Zuwachs: Der auch im Kleinformat imposante Dom, das Wahrzeichen der Stadt. Der charakteristische Turm fehlt dem Mini-Dom allerdings. Diesen bekam er erst im 19 Jahrhundert. Im Mittelalter gehörte zum Gottes- noch ein daneben stehendes Glockenhaus. Dieses betrachtet auch Pastor Thomas Schaack aus Nordfriesland. "Schleswig ist eine tolle Stadt, besonders die Gegend um den Dom." Er hatte über die Ministadt in der Zeitung gelesen, fuhr dann kurzentschlossen mit seiner Familie in die Tolk-Schau. Nur dass Hinweisschilder an den historischen Gebäuden fehlen, bedauert er.
Seit 17 Jahren Handarbeit

Wann die Ministadt eine vollständige Stadt sein wird, kann keiner sagen. Bereits 17 Jahre wird an ihr gearbeitet, und das in minutiöser Kleinarbeit. Jeder Ziegelstein, jedes Detail soll im Verhältnis eins zu zehn wiedergegeben werden. Wie an normalen Häusern arbeiten Maurer und Zimmerleute, setzen Stein auf Stein und ziehen Dachbalken ein. Für die Mini-Ziegel heißt das: Mit einer umgebauten Eisenbiegemaschine wird der Ton geschnitten, bevor er in den Brennofen kommt.

Dabei sind die Handwerker keine ausgewiesenen Spezialisten für Miniaturbauten. Vielmehr Langzeitarbeitslose. 1991 setzten sich Kommunalvertreter und Handwerksfunktionäre zusammen. Sie suchten Lösungen für Arbeitslose des Kreises Schleswig-Flensburg. Bei der Prüfung von Aktivitäten anderer Regionen stieß man auf "Minibyen" - eine Ministadt, die im dänischen Varde aufgebaut wird. Die Idee war geboren. Die Umsetzung übernahm der neugegründete Bildungsverein Handwerk, der Bau der Ministadt wurde somit zum Qualifizierungsinstrument.
50 Ein-Euro-Jobber bauen mit

In einem Schleswiger Gewerbegebiet werden in einer eigenen Werkhalle die meisten Altstadt-Häuser nachgebaut, größere wie der Dom (10 x 5 x 5,50 Meter in der Abmessung) müssen vor Ort hochgezogen werden. Früher waren es ABM, heute sind es Hartz IV-Kräfte, die Projektleiter Werner Bartz anleitet. Er hat keinen Einfluss auf die Auswahl der Personen, die ihm das Sozialzentrum schickt. Ob alle Gewerke abgedeckt werden können, ist somit nicht sicher. Derzeit bauen knapp 50 Ein-Euro-Jobber an der Ministadt. "Wir hatten lange Zeit einen Bauzeichner, der aber jetzt einen Job gefunden hat. Schlecht für uns", sagt Bartz. Aber trotzdem geht es natürlich weiter in der Ministadt, Stein auf Stein.

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