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Medien : Das Videotheken-Sterben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nicht nur Raubkopien und Versandhandel verderben den Videoverleihern im Norden zunehmend das Geschäft. Kostenlose Pornos im Internet sorgen für drastischste Umsatzeinbrüche.

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2014 | 11:29 Uhr

Kiel/Rendsburg/Bredstedt | Den Videotheken im Norden geht es schlecht – und das lässt sich eindrucksvoll aus einfachen Zahlen ablesen. Nach Angaben des Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels (IVD) gab es in Schleswig-Holstein 2002 noch 201 Videotheken, 2012 waren es nur noch 99. Über die Hälfte der Verleihläden hat innerhalb von nur zehn Jahren dicht gemacht. Die Kundschaft bleibt aus. Bundesweit sank der Jahresumsatz im gleichen Zeitraum von 359 auf 222 Millionen Euro.

Hauptgrund sind die – zumeist illegalen – Downloads aus dem Internet. „Raubkopien werden ja schon ins Netz gestellt, bevor die Filme überhaupt erscheinen, dagegen wird viel zu wenig unternommen“, beklagt Jörg Weinrich, Geschäftsführer des in Düsseldorf beheimateten IVD. Es gebe aufgrund der jetzigen Gesetzgebung kaum rechtliche Möglichkeiten zur Verfolgung der Täter. Es ließe sich nicht einmal herausfinden, wo das Geld bei solchen Plattformen lande.

Weiteres Alarmzeichen: „Das Durchschnittsalter der Kundschaft wird immer höher, beobachtet Weinrich, „Die jungen Menschen kommen immer seltener.“ Gegen große Online-Versandvideotheken, die mit nur einem Lager bundesweit tätig sind, kämen die kleinen Läden zudem nicht an. „Dort gibt es all die Filme, die die kleinen Verleihe gar nicht vorrätig haben können.“ Diese Versandanbieter seien allerdings ebenso wie Online-Videotheken zum Download von Filmen bislang keine ernsthafte Konkurrenz. „Von allen verlorenen Kunden gehen nur acht Prozent online, 42 Prozent kaufen hin und wieder DVDs und 50 Prozent kaufen und leihen überhaupt nicht mehr“, so Weinrich.

In Kiel betreibt Uwe Peter seit 32 Jahren die Kette „Film Peter“, er beliefert landesweit 35 weitere Videotheken. In den besten Zeiten hatte er neun eigene Läden in der Landeshauptstadt, heute sind es nur noch drei. Ausschlaggebend für die Misere der Videotheken sei nicht zuletzt die freie Verfügbarkeit von Hardcore-Pornografie im Internet. „Früher war das eine feste Größe in der Videothek, in meinem Hauptgeschäft waren von 1600 Quadratmetern Verkaufsfläche rund 400 Quadratmeter Erotik“, so Peter. „Aber in den vergangenen zehn Jahren gab es dort einen Rückgang um 75 Prozent. Im Spielfilmbereich waren es nur 30 Prozent.“ Auch Peter kritisiert die illegalen Downloads aus dem Internet. „Wenn jeder dort alles umsonst bekommt, dann wird irgendwann kein Film mehr produziert.“

Uwe Peter hat seine verbliebenen drei Geschäfte ausgebaut und umgestellt. „Wir machen jetzt sehr viel mit An- und Verkauf von DVD und Blue Ray. Bei uns ist der Verkauf mittlerweile größer als der Verleih und steht im Laden auch visuell klar im Vordergrund.“ Es würden vermehrt Sammler kommen. „Die stöbern hier wie in einer Bibliothek nach besonderen Filmen.“ Auch viele Kollegen würden den Schwerpunkt vermehrt auf Verkauf legen, so Peter. Im vergangenen halben Jahr blieb der Umsatz unverändert. Für den reinen Verleih sieht Uwe Peter in der Zukunft allerdings schwarz.

Barbara Graumann muss während des Gesprächs immer wieder unterbrechen, um Kunden zu versorgen. Seit 1994 betreibt sie eine Videothek mit 500 Quadratmetern Fläche in Rendsburg – seit einiger Zeit konkurrenzlos. Die anderen beiden Läden in der Kreisstadt haben mittlerweile geschlossen. Eigentlich ist das gut fürs eigene Geschäft, trotzdem glaubt sie: „Es ist ein aussterbendes Gewerbe.“ Auch Barbara Graumann hat früher mit Erotik 60 Prozent ihres Umsatzes gemacht, heute spielt jenes Genre keine große Rolle mehr. Ihre Kundschaft ist insgesamt um 50 Prozent eingebrochen.

„Die Hälfte der Jugend kommt nicht mehr, aber es gibt noch viele Kunden vom alten Schlag. Die wollen die Filme auch mal gern in der Hand haben und ein bisschen schnacken.“ Hinsichtlich der Auswahl der Filme gibt es abgesehen vom drastischen Einbruch bei den Pornos keine Veränderung: „Hau drauf und viel Blut sind am meisten gefragt.“ Verkauf spielt mit 15 Prozent Anteil nur eine geringe Rolle. Und die Zukunft? Barbara Graumann glaubt nicht, dass ein Laden ihrer Größenordnung in zehn Jahren noch überleben kann.

Noch länger im Verleihgeschäft als Barbara Graumann und in noch kleineren Städten tätig ist Rainer Peters. „Ich habe 1984 angefangen, und man sagte mir schon damals, es sei eigentlich zu spät“, erinnert sich Peters, der in Bredstedt, Leck und Niebüll Filialen hat. Eine vierte in Tönning hat er kürzlich aufgegeben. „Es wird schwieriger, und der Altersdurchschnitt ist hochgegangen“, bestätigt auch Peters, ebenso den Einbruch bei den Pornos. Seine Umsätze mit Verleihfilmen seien zurückgegangen. Auch er versucht dies durch den DVD-Verkauf zu kompensieren. Trotzdem kämen immer noch viele junge Leute, gern in Gruppen. „Die gucken erst zu Hause einen Film und gehen anschließend in die Diskothek“, so Peters. Auch Familien mit Kindern würden oft vorbeischauen. „Man bleibt dann eine Stunde und sucht sich in aller Ruhe drei Filme für das ganze Wochenende aus. Bei den Kinopreisen ist das ja auch eine Kostenfrage.“ Komödien stehen bei Peters hoch im Kurs, auch der Anspruch sei höher geworden. „Ballerfilme und Horror – das ist vorbei.“ Trotz der allgemein negativen Entwicklung blickt Rainer Peters optimistisch in die Zukunft. „Videotheken sind noch lange nicht am Ende.“

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