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Artenschutz : Das Verschwinden der Vögel aus Agrarlandschaft und Wattenmeer

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Von Kibitz bis Hausperling: Die Vogelbestände in Deutschland gehen zurück. Die Gründe sind vielfältig

Berlin/Tönning | Biologen wissen es längst, jetzt ist es auch in der Politik angekommen und durch eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag amtlich geworden: Die Zahl der Vögel in Deutschland sinkt drastisch. Danach zeige ein Drittel aller bundesweit erfassten Brutvogelarten seit Ende der 90er Jahre „signifikante Bestandsabnahmen“.

Betroffen sind vor allem diejenigen, die in Agrarlandschaften leben – und die Zahlen sind alarmierend. So ist den Informationen zufolge der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent geschrumpft. Kiebitze sind typische Bewohner von Feuchtwiesen, unter anderem auch der Salzwiesen im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Auch dort, an der Nordseeküste, beobachten Ornithologen seit Langem mit Sorge eine stetige Verkleinerung der Brutvogelbestände – und das nicht nur hierzulande, sondern im gesamten niederländisch-deutsch-dänischen Wattenmeer. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung in Tönning sind die Populationen von nahezu zwei Drittel der Brutvogelarten – auch so häufiger wie der Austernfischer und der Rotschenkel – seit den 1990er Jahren kontinuierlich rückläufig.

Die Gründe dafür sind nach Einschätzung von Experten vielfältig. Für das Wattenmeer nennt das Gemeinsame Wattenmeersekretariat (CWSS) in Wilhelmshaven unter anderem häufigere Überflutungen der Brutgebiete, Raubsäuger, die Klimaveränderung und Meereserwärmung als Faktoren – sowie schlechte Nahrungsbedingungen. Genau die sehen Biologen auch als einen wesentlichen Grund für den Abwärtstrend in der Vogelwelt generell – zusammen mit dem Mangel an geeignetem Lebensraum.

Zu wenig Futter, schindender Lebensraum Und das eine hängt mit dem anderen zusammen. Das „eine“, der Nahrungsmangel, hat nicht zuletzt mit dem alarmierenden Insektensterben zu tun, das seit Jahren zu beobachten ist. Eine viel zitierte Zahl in diesem Zusammenhang stammt aus flächendeckenden Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld in Nordrhein-Westfalen in den Jahren zwischen 1989 und 2014. Ergebnis: 80 Prozent Schwund bei den Fluginsekten. Die Bundesregierung beziffert „die Rückgänge der Insektenbiomasse“ sogar auf „bis zu 90 Prozent“. Ein weiteres Beispiel, aus der Artengruppe der Schmetterlinge, nennt die Europäische Umweltagentur (EEA). Danach brach der Bestand von 17 in Europa beheimateten Schmetterlingsarten zwischen 1990 und 2011 um die Hälfte ein.

Das „andere“, der zunehmende Mangel an Lebensraum, ist auf die immer stärkere Zersiedlung der Landschaft zurückzuführen und vor allem auf die Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft – eine Entwicklung, die für Deutschland ebenso gilt wie für andere Länder Europas. Diese ist zudem eine zentrale Ursache für das oben genannte Insektensterben. „Nutzungsintensivierung, ... Überdüngung und verarmte Fruchtfolgen haben in den letzten Jahrzehnten zu einem massiven Verlust von Artenvielfalt und Lebensräumen in der Agrarlandschaft geführt sowie zu einer enormen Belastung von Wasser, Böden und Klima“, stellt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fest.

Eine wesentliche Rolle spielt zudem der  Einsatz von Pestiziden. So hat das Umweltbundesamt vor einigen Wochen in einer Stellungnahme konstatiert, dass deren Ausbringen „zahlreiche Risiken für die Umwelt einschließlich der biologischen Vielfalt“ berge. Folge: Die Biodiversität in der Agrarlandschaft nehme weiter ab – während die Menge der eingesetzten Unkraut- und Insektengiften gestiegen ist: zwischen 2009 und 2015 um 4600 Tonnen auf 34700 Tonnen, so die von der Bundesregierung genannte Zahl.

Eintönige Grünlandschaften sind zudem kein geeigneter Lebensraum für Insekten, ebenso wenig wie für Vögel: „Intensiv genutzte Landschaften sind monoton und für unsere heimischen Vogelarten oft völlig nutzlos“, sagt Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in einem Interview mit dem Magazin „National Geographic“. Der ebenfalls häufig angebaute Mais biete Kleinvögeln weder Nahrung noch Brutplätze. Bauer: „Außerdem fehlen oftmals Brachflächen, Hecken und Büsche. Arten wie das Rebhuhn finden somit keinen Unterschlupf mehr.“

In der Tat ist laut Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage die Zahl der Rebhühner in Deutschland zwischen 1990 und 2015 um 84 Prozent zurückgegangen. Weitere dort genannte Beispiele sind Braunkehlchen (minus 63 Prozent) und Feldlerchen (minus 35 Prozent). Aber auch „Allerweltsarten“ wie der Haussperling werden seltener. In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands werden nach Regierungsangaben bereits 13 Arten als ausgestorben oder verschollen geführt, 29 als „vom Aussterben bedroht“ und 19 als „stark gefährdet“.

Konterkarierte Artenschutzprogramme Und die Entwicklung ist nicht auf Deutschland beschränkt: Die Bestandsrückgänge bei den Vögeln der Agrarlandschaft der gesamten Europäischen Union im Zeitraum zwischen 1980 und 2010 werden in dem Papier auf rund 300 Millionen Brutpaare veranschlagt. Dabei mangelt es gerade auf europäischer Ebene nicht an Schutzmaßnahmen wie etwa der EU-Vogelschutzrichtlinie. Jedoch könnten diese Programme das Artensterben nicht stoppen, wie eine im Februar vorgelegte wissenschaftliche Studie von acht Forschungseinrichtungen und Verbänden zeigt.

Untersucht wurde dabei der Zusammenhang zwischen dem seit Jahren anhaltenden Schwund an Feldvögeln in Europa und der EU-Naturschutz- und Agrarpolitik. Ergebnis: Zwar leisteten die Vogelschutzrichtlinie und Umweltprogramme im Agrarbereich einen Beitrag zum Erhalt vieler Vogelarten auf Feldern und Wiesen – jedoch konterkariere die Agrarförderung der Europäischen Union diese Erfolge, weil sie die Intensivierung der Landwirtschaft befeuere.

Die englischsprachige Studie kann hier nachgelesen werden.

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erstellt am 18.Jun.2017 | 12:33 Uhr

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