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Zwischen Kanonenhagel und Meeresgrund : Das Schicksal unserer Butterfähren – Teil II

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Aus der Onlineredaktion

Die Suche nach dem Werdegang unserer „ausgewanderten“ Butterschiffe geht in die zweite Runde. Sie erzählen maritime Geschichten über Vergänglichkeit, Katastrophen und Neuanfänge.

Die meisten Schleswig-Holsteiner können sich noch bildhaft an die Ära der Butterdampfer erinnern – gerade das macht diesen Teil der Geschichte so lebendig und reizvoll. Denn selbst End-Zwanziger vermögen sich in Gespräche über dieses noch so greifbare „Damals“ einreihen, erzählen und in maritimen Erinnerungen schwelgen.

1999, nach dem Ende der Abgabenfreiheit außerhalb der Zollgrenzen, musste es trotz unglatter See irgendwie weitergehen – für die entlassenen Bediensteten, die erprobten Hobby-„Butterfahrer“ und letztendlich für den Schiffe. Teil II unserer Serie über die schwimmenden Kultstätten der Ostsee, die die Welt entdeckten, widmet sich auch traurigen Geschichten.

 

Die Poseidon und die Fehmarner Flotte: Beschossen, verstreut und verschrottet

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Foto: Andreas Achsel, Wikipedia CC3.0
 

Duty Free war gerade dort ein gutes Geschäft, wo ein dänischer Hafen in der Nähe war. Das galt neben der Flensburger Förde insbesondere für die Insel Fehmarn, auf der sich der Hafen von Burgstaaken als einer der größten Butterfahrt-Anlaufstellen mauserte. Federführend war hier die Reederei KG Seetouristik, aber auch die Flensburger Förde-Reederei mischte in späteren Jahren ordentlich mit. Von Burgstaaken aus stach eine beträchtliche Flotte in See, die vornehmlich Rødbyhavn, aber auch Nysted in Dänemark ansteuerte.

Nach dem Schock von 1999 schwärmten die vielen großen und kleinen Schiffe aus. Manche blieben, andere wurden auf den für einige Jahre weiter laufenden Duty-Free-Touren nach Polen eingesetzt und weitere landeten irgendwo auf den Weltmeeren. Der Zahn der Zeit vereinte sie wieder auf den Abwrackplätzen der Welt.

Nehmen wir das Flaggschiff der Fehmarner, die 1964 gebaute „MS Poseidon“, die 1999 als letzter verbliebener Butterdampfer das Licht ausmachte. Erst stillgelegt, dann 2000 vertretungsweise in Flensburg eingesetzt, schipperte sie zwei Jahre lang im Linienverkehr von Danzig (Polen) nach Kaliningrad (Russland). 2003 fand sie sich dann beschäftigungslos als Hafeninventar in Burgstaaken wieder, bis eine indische Reederei auf sie aufmerksam wurde.

Zwischen Tuticorin (Indien) und Colombo (Sri Lanka) wurde sie drei Jahre lang unter dem Namen „Pearl Cruise II“ im Bürgerkriegsgebiet eingesetzt. 2006 passiert es dann: Srilankische Soldaten gehen an Bord, Milizen der Tamil Eelam greifen das Schiff an. Die einschreitende Marine kann zwar verhindern, dass Passagiere verletzt werden, das Schiff allerdings wird so schwer beschädigt, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. 2007 ging die Poseidon zur Verschrottung ins Alang/Indien, eines der Zentren der weltweiten Schiffsverschrottungsindustrie. Die Schiffe werden hier bei voller Fahrt und Sprungtide auf den Strand gesetzt und dort unter schlimmsten Bedingungen für Mensch und Natur verschrottet.

Weniger turbulente Umstände führten zur Abwrackung der anderen Fehmarn-Fähren, die ihren Weg ins Ausland gefunden hatten. Die Mecklenburg (ehem. „Wappen von Flensburg“) ging nach Malta und wurde lange Jahre für maritime Sightseeing-Touren genutzt. 2012 musste sie ihre letzte Reise antreten, aus eigener Kraft schaffte sie es nicht mehr. Schlepper brachten sie nach Aliga in der Türkei zur Verschrottung. Die „Fehmarn I“ ergab sich diesem Schicksal in Mexiko.

Die MS „Käpt´n Brass“ hingegen - schon 1991 aus dem Iran abgeworben – dürfte weiterhin als „Hormuz 2“ in der aufgrund des Atomkonflikts in den Fokus gerückten, geopolitisch wichtigen Straße von Hormus operieren. Ihr Rufwort hat nichts mit der gleichnamigen Rakete zu tun.

 

Langeland III/Petar Hektorović: Lebensader einer Adria-Insel

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Foto: dpa
 

Eine wirkliche Besonderheit unter den Butterfahrtlinien war die Route Kiel-Bagenkop, denn sie war nicht allein Balsam für die Seelen der legalen Hobby-Schmuggler. Von 1965 an schipperte sie mehrmals täglich direkt aus dem Herzen der Landeshauptstadt zur Südspitze der Insel Langeland in der dänischen Südsee. Die Fahrgäste mag vornehmlich das prächtige Reiseziel angezogen haben – für die Reederei aber rollte die Mark hauptsächlich im Supermarkt im Bauch der Schiffe. Früh wurde schlussgefolgert, dass die Route in der Form ohne Duty Free nicht weiter bestehen kann. Das große Schiff, die Langeland III – extra für diese Linie gebaut und zu diesem Zeitpunkt gerade mal neun Jahre alt – bot 140 Pkw und über 1000 Passagieren Platz und erwies sich allmal als viel zu groß für kommende Aufgaben.

Für das letzte halbe Jahr der Butterfahrt-Ära, vertreten von der im ersten Teil der Serie erwähnten MS Apollo, geht die Apollo III noch 1998 in die Hände der kroatischen „Jadrolinija“ über. Beim Umbau im dänischen Svendborg wurde ihr der Name des Renaissance-Dichters Petar Hektorović eingeprägt, den sie bis heute trägt. Dann ging es gen Adria. Hier übernahm sie noch zur Saison 1999 die Fahrgastbeförderung von der Stadt Split nach Stari Grad auf der Insel Hvar. Der Bau eines Tunnels sollte verhindern, dass dort weiter eine Autofähre anlegen konnte.

Langeland III/Petar Hektorović
Foto: Imago/By-line

Heute läuft sie in zweistündigen Überfahrten von Split kommend die Insel Vis in der Ost-Adria an. Die damalige Langeland III ist dem touristischen Inseldienst also treu geblieben und bildet für Vis eine Art Lebensader. Die früher „Gibraltar der Adria“ genannte Insel, die zur Zeit Jugoslawiens noch militärisches Sperrgebiet war, ist nur per Schiff zu erreichen und so auf die Lieferdienste der Fähre angewiesen.

 

Sydfyn/Vicente: Gesunken vor Kap Verde

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Für die kroatische Reederei Jadrolinja beförderte die ehemalige Gelting-Fähre Autos und Passagiere auf dem Mittelmeer. Foto: Imago/sp

Das schlimmste Unglück ereignete sich am 9. Januar 2015: Die 1965 bei der FSG Flensburg gebaute ehemalige Sydfyn sank bei rauer See und Sturm vor der Küste des afrikanischen Inselstaates Kap Verde, während sie auf einen freien Anlegeplatz wartete. Es hieß außerdem, die ursprünglich für den Transport von bis zu 57 Autos ausgelegte Fähre sei möglicherweise überladen gewesen.

An Bord der „Vicente“ starben mindestens zwölf Menschen, andere Quellen berichten von 15 oder gar 16 Opfern. Laut lokalen Medienberichten geschah die Havarie nur unweit von ihrem Zielort entfernt, doch das heftige Wetter erschwerte die Rettung. Es konnten nur elf Menschen sicher an Land gebracht werden.

Die Sydfyn war 1965 das erste Schiff, das fest auf der Route Gelting Mole – Faaborg operierte. Eigens dafür wurde sie gebaut. 1976 war sie aber schon aus ihren Kleidern herausgewachsen und wurde nach Jugoslawien verkauft. Dort verrichtete sie als „Vis“ die heutige Mission der Langeland III und steuerte von Split aus die Insel Vis an, die sich bis 1995 im militärischen Sperrgebiet befand.

Vor vier Jahren trat die kroatische Reederei Jadrolinja das Mittelmeerschiff nach Kap Verde ab. Nun hieß sie Vincente. Die Inselgruppe Kap Verde liegt 300 Seemeilen von der afrikanischen Westküste entfernt.

 

Thor Viking/Adler Germania: Zweimal die Butterfahrt beerdingt

adler germania
Foto: Imago/sp

In der shz.de-Facebook-Gemeinde kam die Frage auf, warum im ersten Teil unserer Serie die unvergessene „Thor Viking“ unerwähnt geblieben sei, die ab 1980 Passagieren zwischen Kappeln, Sønderborg, Neukirchen und Søby zu günstigen Zigarettenkäufen im integrierten SB-Markt und schönen Tagestouren verholfen hatte. Kurze Antwort: Seit September 2011 ist sie nicht mehr nur in unseren Köpfen Geschichte. Im dänischen Esbjerg wurde sie fachmännisch in ihre Bestandteile zerlegt.

Für die Dampfschiffsreederei Föhr-Amrum war sie 1968 gebaut und als „Insel Föhr“ getauft und eingesetzt worden, ehe es sie 1980 auf Befehl des neuen Besitzers und später Eigners E.H. Rasmussen an die Ostsee verschlug. Letztere sollte sie erst auf ihrer allerletzten Fahrt wieder verlassen.

Nach besagtem Tag X im Jahr 1999 siechte sie ein paar Monate am Kai dahin, ehe die Sylter Reederei Adler-Schiffe sich ihrer annahm. Die Lindenau-Werft kümmerte sich um den Umbau der umgetauften „Adler Germania“. Das Fischerdorf Altwarp in Mecklenburg-Vorpommern wurde ihr neuer Bestimmungsort. Ihre Aufgabe: Butterschiff, denn das war hier noch erlaubt. So tuckerte die Adler Germania einige Zeit zwischen Altwarp und seiner polnischen Schwester Neuwarp (Nowo Warpno) und später nach Swienmünde hin und her. Nach dem EU-Beitritt Polens war 2004 auch hier Schluss mit der Zollfreiheit und die Adler verlor endgültig ihre Bestimmung.

Foto: ib/Archiv sh:z

2007 kam sie nach Altwarp zurück: Aber nur als Auflieger einer verlorenen Epoche, verrostet, vergessen und mit zunehmender Schlagseite. Immerhin – das zeigt ein Youtube-Video: Der Motor hatte auch nach Jahren der Vergessenheit noch große Lust, ein Runde auf dem Wasser zu drehen.

Blue Dawn/Tom Kyle/Sealord: Und noch ein Event-Boot im Libanon

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Foto: Screenshot beirutnighltlife.com

Erst ging es für die 1959 in der Hamburger Sietas Werft gebaute „Orange Moon“ im Stundentakt von Kopenhagen nach Malmö: Dort, wo heute die gigantische Öresundbrücke das Reisen zwischen Dänemark und Schweden erleichtert. Gelockt von der Goldgrube Butterfahrt charterte sie ein Kieler Reisebüro ab 1961 ein und veranstaltete mit ihr Einkaufsfahrten zwischen Kiel, Bagenkop, Æroskøbing, Svendborg und anderen dänischen Häfen. Die Kieler Verkehrs AG kaufte das 62 Meter lange Schiff 1969, kurz bevor ein Feuer es beinahe völlig zerstörte. Nach der Reparatur ging sie als „Tom Kyle“ wieder mit reichlich Bier und Schnäppchenjägern an Bord auf Tour. Nach 16 Jahren Butterfahrt auf der Ostsee lernte sie auch die ähnlichen Gegebenheiten in Ostfriesland kennen.

1982 kommt sie für ein Charter-Intermezzo nach Burgstaaken, 1984 dann nach Neustadt/Holstein. In der jetzt „Sealord“ heißenden Fähre lagerten in dieser Zeit also wieder tonnenweise dänisches Dosenbier, Zigarettenstangen und lakritzhaltige Süßigkeiten.

Zurück in Emden blieb sie die folgenden Jahre an der Nordsee – und fristete ihr würdeloses Dasein als rostender Auflieger in Wilhelmshafen. 2004 holte Smedegaarden sie nach Esbjerg – eine dänische Firma, die sich auf Ersatzteilhandel von gebrachten Schiffselementen spezialisiert hat. Doch die zu erwartende Zerlegung blieb ihr glücklicherweise erspart.

blue dawn foto schiff
Foto: Screenshot Facebook
 

Blue Dawn lautet ihr neuer Name, eine Reederei von den Komoren nahm sie unter ihre Fittiche. Als Partyschiff streitet sie sich nun im Libanon mit der Afrodite (siehe Teil 1) um die Gunst der erlesensten Party-Gäste. Auch für Gala-Dinner und Hochzeiten kann man das Schiff anmieten.

Manch reicher Abnehmer der ausgedienten Ostseeschiffe wollte einen Butterdampfer ganz für sich allein und ließ sich einen schwimmenden Alkoholdiscounter zur extravaganten Luxusyacht umdekorieren. Man betrachte die in Husum gebaute, ehemalige „Kollund“ (später„Freya II“), die heute als „Oceanwolf“ die Meere kreuzt. Sie sind noch längst nicht alle gestrandet, unsere alten Blutsbekannten.

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erstellt am 11.Apr.2015 | 17:52 Uhr

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