Schiffswrack vor Nordfriesland : Das Rätsel der „Ulpiano“ ist gelöst

Auf der Sandbank Süderoogsand nahe der Bake (im Hintergrund) liegt das Wrack der 1870 gestrandeten spanischen Bark Ulpiano. Foto: Kühn
Auf der Sandbank Süderoogsand nahe der Bake (im Hintergrund) liegt das Wrack der 1870 gestrandeten spanischen Bark Ulpiano. Foto: Kühn

Heiligabend 1870: Bei schwerem Eis strandet die „Ulpiano“ vor Nordfriesland. Eine halbe Ewigkeit von Sand bedeckt, hat das Meer inzwischen das Schiff freigelegt.

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08. April 2013, 01:10 Uhr

Süderoog | Die Aktion sorgte bundesweit für Schlagzeilen: Am 15. Januar begleitete der renommierte Archäologe Dr. Hans Joachim Kühn (67) einen Vermessungstrupp des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz zum Süderoogsand, um das erstmals fast vollständig freigespülte Wrack der am 24. Dezember 1870 gestrandeten spanischen Bark "Ulpiano" in Augenschein zu nehmen. Danach beschäftigten sich Fachleute mit der "Ulpiano", die nach Einschätzung von Kühn jedoch vieles falsch überlieferten oder im Dunkeln ließen. Deshalb ließ ihn das Thema nicht los.

Nach Kontakten mit spanischen Museen und Archiven und mit Nachfahren des damaligen Schiffseigners sowie Recherchen im Lloyds Register ist es Dr. Kühn gelungen, das Rätsel der "Ulpiano" zu lösen. Danach ist die eiserne Bark im September 1870 in der nordostenglischen Hafenstadt Sunderland auf der Watson-Werft (Watsons shipyard) von Stapel gelaufen, Auftraggeber war der spanische Offizier und Reeder "Ulpiano" de Ondarza aus Mundaka, einem Ort im spanischen Baskenland. Mundaka liegt nahe der Hafenstadt Bilbao, die auch Heimathafen der Schiffe des Reeders war. Damit erklären sich auch das Wappen der Provinz Kastilien-Leon sowie die spanische und die baskische Flagge auf der Heckzier des gestrandeten Schiffes, die heute noch auf der Hallig Süderoog bewahrt wird.

Alle relevanten Daten des Schiffes sind überliefert

Da die "Ulpiano" nach dem Stapellauf durch Lloyd´s klassifiziert worden ist, sind alle relevanten Daten des Schiffes überliefert. Bereits 1688 hat Edward Lloyd in einem Londoner Kaffeehaus eine Gesellschaft gegründet, die Handelsschiffe nach bestimmten Kriterien klassifizierte, um somit Kapitänen, Schiffsversicherern und Kaufleuten Entscheidungshilfen zu geben, welchem Schiff sie ihr Leben, ihre Fracht oder ihr Geld anvertrauen konnten. Verschiedene Register wurden 1834 zum "Lloyds Register of British and Foreign Shipping" zusammengefasst. Nach den darin formulierten Beurteilungskriterien ist auch die "Ulpiano" bewertet worden. In das Register sind nicht nur die wichtigsten Schiffsmaße und das Baumaterial, in diesem Fall vernietete Eisenplatten, die innen durch eine Zementschicht gegen Korrosion geschützt waren, eingetragen worden, sondern es werden auch die Namen der Werft, des Schiffseigners und des Kapitäns (C. Prieto) sowie der Heimathafen Bilbao genannt.

Gebaut war das Schiff nach neustem Stand der Technik, es erfüllte hundertprozentig die von der Klassifikationsgesellschaft erst ein Jahr vor dem Stapellauf erlassenen Auflagen für den Bau von eisernen Schiffen, wie an dem Register-Eintrag 100A1 zu erkennen ist. Nach dem Register hatte die Bark eine Tragfähigkeit von 348 Tonnen, der Schiffsraum war aber nur durch ein einziges Schott unterteilt, durch das Kollisionsschott im Vorderteil des Schiffes. Dieses ist noch heute wasserdicht, denn bei Ebbe bleibt das Wasser im Bugraum des Schiffes stehen, während der Rest durch einen mittschiffs verlaufenden Riss abläuft. Die Innenhaut der Bark wird in dem Register nicht beschrieben. Die Innenbeplankung bestand aus 17 Zentimeter breiten und 4,5 Zentimeter dicken Planken mit einer Zierrille.

Wie lange hält der Schiffsrumpf dem Wellenangriff stand?

Ob sich die Mannschaft nach der Strandung tatsächlich in eine Rettungsbake flüchten konnte, wird von Kühn bezweifelt. Denn die erst 1867 auf dem Süderoogsand errichtete Bake mit Rettungsraum für Schiffbrüchige ist bei Beginn des deutsch-französischen Krieges 1870 abgebrochen worden, um feindlichen Schiffen keinen Orientierungspunkt zu liefern. Ein Neubau ist erst 1871 errichtet worden, also eindeutig nach Strandung der Bark.

Die Zukunft wird zeigen, wie lange der eiserne Schiffsrumpf, der nach Sandverlust an der Westseite der Sandbank mittlerweile in die Brandungszone gerückt ist, dem Wellenangriff standhält. Bis zur endgültigen Zerstörung wird das mit seinem eleganten Klipper-Bug aus dem Sand ragende Wrack noch viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Möglicherweise gelingt es dadurch, einen Geldgeber zu finden, der zumindest für die Erhaltung der auf Süderoog bewahrten Heckdekoration der Ulpiano und für die originale Bemalung sorgen könnte, hofft Kühn.

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