Familientragödie in Darry : Das Protokoll eines Todeskampfes

Bleich und bleiern: Steffi K. soll ihre fünf Söhne getötet haben. Zeichnung: Garstka
1 von 2
Bleich und bleiern: Steffi K. soll ihre fünf Söhne getötet haben. Zeichnung: Garstka

Sie haben geschrien, gekratzt und gezuckt: Mit erschütternden Details begann der Prozess gegen Steffi K., die Mutter der fünf toten Kinder von Darry.

Avatar_shz von
29. Juni 2008, 06:51 Uhr

Kiel | Die Mutter bleibt stumm. Wie bleiern sitzt sie im Gericht, hängende Schultern, bleich das Gesicht, nachtschwarz die Kleider. Kaum hörbar nennt sie ihren Namen. Nein, die Stimmen gehören an diesem Tag den anderen. Den eingebildeten "Dämonen" wie einer "Nathalie", die sie und die Kinder bedroht haben soll. Und dem Richter, der das ausspricht, was Steffi K. nicht aussprechen kann - dass sie ihre fünf Söhne getötet hat.
Also leiht Richter Jörg Brommann ihr seine Stimme, zitiert aus erschütternden Briefen der Mutter und Polizeiberichten. "Ich bin doch keine Mörderin", heißt es darin, "Ich wollte sie nur schützen", doch danach: "Ich habe sie erstickt." Mit jedem Satz wird deutlicher: Es ist das Protokoll eines schrecklichen Verbrechens. Die Kinder haben offenbar mehr gelitten, als bekannt war.
"Sie fügten ihrer Mutter Kratzwunden im Gesicht zu"

Knapp sieben Monate nach der Familientragödie von Darry hat gestern vor dem Landgericht Kiel das Sicherungsverfahren gegen Steffi K. (32) begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, am 4. oder 5. Dezember 2007 ihre Jungen Aidan (3), Ronan (5), Liam (6), Jonas(8) und Justin (9) vorsätzlich getötet zu haben. Sie muss sich wegen Totschlags verantworten, gilt wegen ihrer psychischen Erkrankung - laut Anklage paranoide Schizophrenie - jedoch nicht als schuldfähig.

Das ist für Michael K.(35), Vater der drei jüngsten Kinder, amerikanischer Ehemann von Steffi K. und Nebenkläger, bei Prozessbeginn wohl Nebensache. Weinend bricht er zusammen, als Staatsanwalt Michael Bimler die Anklage verliest. Demnach haben einige der Kinder noch einen Todeskampf mit der Mutter ausgefochten - und sind nicht sanft eingeschlafen, wie sie es angeblich vorhatte. Daher habe sie drei Jungen Mülltüten über den Kopf gestülpt, gegen die sie sich wehrten. "Sie fügten ihrer Mutter Kratzwunden im Gesicht zu", so der Staatsanwalt.
"Ich habe alles genau geplant, damit sie keine Schmerzen haben"

Das deckt sich mit dem Protokoll der Mutter, das Richter Brommann verliest. Den Tag der Tat schildert sie so: "Ich war am Ende meiner Kräfte, Nathalie bedrohte uns, ich sah den einzigen Ausweg im Jenseits." Unter einem Vorwand fuhr sie mit dem Bus nach Kiel, besorgte Schmerzmittel und ein Zug-Ticket für den Mann nach Berlin. "Ich habe alles genau geplant, damit sie keine Schmerzen haben. Die Tabletten gab ich ihnen mit Milchreis, wir kuschelten uns auf die Matratze im Keller."

Doch die Mittel wirkten offenbar nicht. Steffi K.: "Aidan wachte auf und schrie, Liam zuckte seltsam, mein Herz raste, ich hörte Nathalie lachen." Michael K. schlägt die Hände vor den Mund, schluchzt, ringt nach Luft. Weiter im Protokoll: "Ich war wie fremdgesteuert, hielt Liam Mund und Nase zu. Nach zwei bis drei Minuten war er still. Justin war der letzte." Am Ende des ersten Prozesstags verlässt Steffi K. den Saal. Stumm. Zurück bleibt der Vater, mit geballten Fäusten. Neben ihm liegt ein Foto seiner Kinder.

Das Verfahren wird am 17.Juli fortgesetzt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen