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Lübecker Kapitän Stefan Schmidt : „Das Mittelmeer ist seit Jahren voller Toter“

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2004 rettete Stefan Schmidt als Kapitän der „Cap Anamur“ Flüchtlinge vor Lampedusa aus Seenot. Er wurde daraufhin wegen Schlepperei verhaftet. Im Interview fordert er die Menschen zum Hingucken auf.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2013 | 12:15 Uhr

Lübeck | Herr Schmidt, auf Lampedusa platzen die Auffanglager aus allen Nähten, es gibt Hunderte von tot geborgenen Flüchtlingen. Was passiert da?
So zynisch das klingt: Das, was seit langem passiert. Das Mittelmeer ist seit Jahren voller Toter.

Und Italien ist überfordert?
Offensichtlich. Aber unabhängig von Überforderungen: Die Bürgermeisterin von Lampedusa hat gesagt, die toten Flüchtlinge sind die Toten Europas. Und damit hat sie recht. 2004 hat die EU Frontex installiert, die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union“. Die Flüchtlinge sind also EU-Sache.

Ist damit nicht alles klar?
Nun ja. Immerhin wird Frontex seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen in Zusammenhang mit militärischen Flüchtlings-Abwehrmaßnahmen in der Mittelmeer-Region kritisiert. Unter der Hand wird zum Beispiel berichtet, dass Frontex-Leute Boots-Flüchtlingen die Vorräte abnehmen, um sie an der Weiterfahrt zu hindern. Das ist im Mittelmeer ein Todesurteil.

Schlafen wir denn alle den Schlaf der satten Mitteleuropäer?
Ja und nein. Einerseits ist es offenbar so, dass tote Flüchtlinge nur noch wahrgenommen werden, wenn ihre Zahl die 100 überschreitet. Andererseits mache ich bei meinen Vorträgen zu den Grenzen Europas immer mehr ganz normale Bürger aus, die wissen wollen, was da los ist, die sich auch engagieren. Und ganz konkret passiert dies: Vor einem Jahr hatten wir einen runden Tisch im Land, an dem sich Bürger um Flüchtlinge kümmern. Jetzt sind es neun. Wer Interesse hat: Meine Rufnummer im Büro des Flüchtlingsbeauftragten lautet 0431/988-1290.

Und darüber hinaus: Was können wir tun?
Hingucken, nachdenken. Darüber zum Beispiel, was wir mit unserer Subventionspolitik anrichten, die Afrika mit Geflügelprodukten überschwemmt und afrikanische Märkte verhindert; überlegen, was für Bodenschätze alles angerichtet, womit Klimakatastrophen der Weg bereitet wird. Ein kluger Afrikaner hat mal gesagt: „Ihr müsst uns gar nichts geben. Ihr müsst nur aufhören, uns alles wegzunehmen.“

Das Schicksal des Mohammed Yussif
Mohammed Yussif ist einer von 37 Schwarzafrikanern, die am 20. Juli 2004 von „Cap Anamur“ gesichtet und gerettet werden, und die am Ende einer mehr als dreiwöchigen Irrfahrt im Hafen von Porto Empedocle an Land gehen. Bleiben darf nur einer; für Mohammed Yussif und 35 andere Flüchtlinge endet der Traum vom sicheren Leben. Italien schiebt ihn ab nach Ghana, Afrika. Im April 2006 stirbt er bei einem neuerlichen Fluchtversuch. Sein Boot, in dem sich 20 weitere Menschen befinden, startet von Libyen aus, gerät – offenbar nach mehreren Tagen auf See – in einen Sturm und kentert. Am 10. September 2006 wäre Mohammed Yussif 29 Jahre alt geworden.

 

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