Wildtier-Forschung : Das große Hasensterben auf Pellworm

Nahrung, Deckung und Ruhe: Das ist es, was Feldhasen zum Leben brauchen.
Nahrung, Deckung und Ruhe: Das ist es, was Feldhasen zum Leben brauchen.

Vor 15 Jahren lebten auf der Nordsee-Insel Pellworm doppelt so viele Feldhasen wie Menschen. Tausende Tiere verendeten. Rafften Parasiten die Population dahin - oder Keime? Forscher sind dem Phänomen auf der Spur.

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17. März 2014, 15:57 Uhr

Pellworm | Es ist erst wenige Jahre her, da muss Pellworm das reinste Hasenparadies gewesen sein: 50 bis 70 Feldhasen tummelten sich hier pro 100 Hektar Fläche – eine Rekordzahl, liegt der Bundesdurchschnitt doch aktuell bei zehn Exemplaren. Weit mehr als 2000 Feldhasen (und damit fast doppelt so viele wie Menschen) lebten also noch Anfang der 2000er Jahre auf der 3400 Hektar großen nordfriesischen Insel. Dann kam das große Hasensterben. Allein im Verlauf von 2007 wurden rund 1000 Tiere tot gefunden, heute ist nur rund ein Drittel des ursprünglichen Bestandes geblieben. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Wildbiologen Dr. Daniel Hoffmann ist seit 2010 den Ursachen für diese Entwicklung auf der Spur.

Sind es Parasiten, und wenn ja, woher kommen die? Sind es durch Zugvögel eingeschleppte Krankheitskeime? Die Wissenschaftler gehen mehreren Hypothesen nach. Eine davon: Durch auf die landwirtschaftlichen Flächen ausgebrachte Gärreste aus der Biogasanlage könnten bisher unbekannte Keime in die Tierkörper gelangt sein. Denn auffällig ist das zeitliche Zusammentreffen zwischen der Inbetriebnahme der örtlichen Biogasanlage (2006) mit dem Beginn des Hasensterbens.

Zeitliche Parallelitäten haben jedoch wenig Aussagekraft, da braucht es schon Belege in Form von wissenschaftlichen Daten. Und am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersuchten Gewebeproben geben erste Hinweise. Viren können danach ebenso ausgeschlossen werden wie ein breiter Parasitenbefall, berichtet Projektleiter Hoffmann: „Wir haben es hier mit einem Problem der Darmflora zu tun.“ Die Darmflora der Tiere sei geschädigt, und zwar durch Keime, die in gesunden Hasen gar nicht oder in nur geringen Mengen vorkommen.

Eine Insel wie Pellworm ist aus Sicht der Forscher für ein Vorhaben dieser Art nahezu perfekt. „In solch einem abgeschlossenen Lebensraum kann man viele äußere Einflüsse ausschließen“, erläutert Hoffmann: „Das ist für uns praktisch wie ein Großlabor.“ Darum blicken Wildbiologen auch über die Grenzen Deutschlands hinaus mit großem Interesse auf die Arbeit. Ein Beleg dafür ist schon die Tatsache, dass, nach dem Landesjagdverband und dem schleswig-holsteinischen Umweltministerium in den Jahren 2010 bis 2012, die „Game Conservancy Deutschland“ die Finanzierung des Projektes übernommen hat. Der Verein hat sich dem Naturschutz durch nachhaltige Nutzung verschrieben und folgerichtig großes Interesse an wildbiologischen Themen. Und starke Rückgänge bei den Hasenbeständen sind kein Pellwormer Phänomen, sondern Hoffmann zufolge in vielen Regionen Mitteleuropas zu beobachten.

Von dem „Pellwormer Projekt“ erhofft man sich übertragbare Erkenntnisse zu den Hintergründen und Auslösern. Aber bis belegbare Aussagen zu den Ursachen des Hasensterbens möglich sind, ist noch viel zu tun. Als nächstes wollen die Forscher in diesem Frühjahr weitere Gänsekotproben untersuchen, um die Keimart noch näher einzugrenzen, und dann Wanderratten als potenzielle Überträger der Keime ins Visier nehmen.

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